Glaubensfragen Folge 2: Franz Schubert

Was ist von einem Komponisten zu halten, der bei der Vertonung einer Messe die Auferstehung der Toten kurzerhand unter den Tisch fallen lässt? Der weder die Allmacht Gottes noch die Jungfrauengeburt und schon gar nicht den Alleinvertretungsanspruch der heiligen katholischen Kirche aufgreift? Franz Schubert hat in seiner Es-Dur-Messe all diese Auslassungen vorgenommen, und nicht nur dort. Diversen Musikwissenschaftlern erschien der Verdacht, dass Absicht dahinter stehen könnte, geradezu ungeheuerlich, und so suchten sie nach Ausreden. Schubert habe diese zentralen Verse halt einfach vergessen, kann man etwa lesen. Oder: Er habe eine mangelhafte Textvorlage benutzt. Oder gar: Seine Lateinkenntnisse seien unzureichend gewesen, weshalb er die Bedeutung der besagten Sätze nicht vollumfänglich erfasst habe …
Wenig spricht für die Triftigkeit dieser Thesen. Denn Schubert wuchs in einem katholischen Elternhaus auf, das Wert auf die Einhaltung der religiösen Pflichten legte. Durch seine Mitgliedschaft im Chor der Lichtentaler Pfarrkirche kam er zudem schon früh mit der kirchenmusikalischen Praxis in Berührung, und als Wiener Hofsängerknabe bildete er nicht nur seine Stimme aus, sondern erhielt zugleich eine profunde katholische Erziehung. Allerdings verrät schon sein Schulabschlusszeugnis aus dem Jahr 1814 eine gewisse Distanz zur kirchlichen Lehre: In fast allen Fächer erzielt Schubert ein «Gut», in der «Rechenkunst» reicht es nur zu einer mittleren Bewertung, aber unter «Religion» prangt unbarmherzig ein «Schlecht».
Mit dem Jahr 1818 reisst Schuberts Reihe der frühen kirchenmusikalischen Werke jäh ab – aus dieser Zeit dürfte denn auch sein Bruch mit der Amtskirche datieren. Seine Briefe lassen, was die Einschätzung des Klerus angeht, nun an Deutlichkeit nichts offen. Am 29. Oktober 1818 etwa schreibt er aus dem ungarischen Zseliz an seinen Bruder Ignaz: «Der unversöhnliche Hass gegen das Bonzengeschlecht macht Dir Ehre. Doch hast Du keinen Begriff von den hiesigen Pfaffen, bigottisch wie ein altes Mistvieh, dumm wie ein Erzesel, u. roh wie ein Büffel.» Und als er im Sommer 1825 den Lueg-Pass an der Salzach überquert, wo eine Kapelle an die zahlreichen Opfer des sogenannten Volkskriegs von 1809 erinnert, erklärt er den Eltern: «Du herrlicher Christus, zu wie viel Schandthaten musst du dein Bild herleihen. Du selbst das grässlichste Denkmal der menschlichen Verworfenheit, da stellen sie dein Bild auf, als wollten sie sagen: Seht! Die vollendetste Schöpfung des grossen Gottes haben wir mit frechen Füssen zertreten, sollte es uns etwa Mühe kosten, das übrige Ungeziefer, genannt Menschen, mit leichtem Herzen zu vernichten?»
Doch darf man Schuberts Distanz zur Kirche und ihren Doktrinen nicht mit areligiösem Dissidententum verwechseln. Dem hat er selbst vehement widersprochen – in seiner Musik und im verbalen Bekenntnis. Man denke nur an seine Vertonungen christlicher und pantheistischer Lyrik wie das berühmte Ave Maria, an Gott in der Natur, Gott im Frühling oder Die Allmacht, die von seinem Vertrauen in die All-Einheit der Schöpfung und die göttliche Liebe künden. Nicht zufällig notierte er 1824 in seinem Tagebuch: «Mit dem Glauben tritt der Mensch in die Welt, er kommt vor Verstand und Kenntnissen weit voraus; denn um etwas zu verstehen, muss ich vorher etwas glauben. […] Verstand ist nichts als ein analysirter Glaube.»

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4 Antworten auf Glaubensfragen Folge 2: Franz Schubert

  1. Christoph Uttenreuther sagt:

    Die ersten vier Messen Schuberts wurden für die katholische Liturgie in der Lichtentaler Pfarrkirche geschrieben, dort aufgeführt, positiv aufgenommen und dann auch in anderen katholischen Kirchen gesungen. Beanstandungen wegen des Textes sind nicht bekannt. Sie gehören zu den wenigen Werken, die zu Schuberts Lebzeiten öffentlich aufgeführt wurden.
    Seine As-Dur-Messe bot er der Hofkapelle für die Aufführung im Gottesdienst an, sie wurde nicht aus theologischen Gründen zurückgewiesen, sondern weil sie nicht den Vorgaben des Kaisers entsprach, der auf Kürze drang, und erlebte ihre Uraufführung in der Altlerchenfelder Pfarrkirche. Die Es-Dur-Messe wurde 1829 in der Pfarrkirche „Heilige Dreifaltigkeit“ in Wien Alsergrund uraufgeführt.
    Die Behauptung, die Werke gehörten nicht zur katholischen Liturgie ist daher unhaltbar.

  2. Berti Leo sagt:

    Dass er in allen sechs Vertonungen des Credos der heiligen Messe die Worte:
    Et unam sanctam catholicam et apostolicam ecclesiam weg gelassen hat, kann man nicht nur einem Zufall oder einer Vergessenheit „zuschieben“. Seine katholische Erziehung in der Kindheit und in den jungen Jahren lässt nicht ahnen, dass er die Texte der katholischen Liturgie schlecht oder überhaupt nicht lernte. Schubert hat wunderbare und schöne Musik vertont, sein Leben aber war nicht einfach und mit dem katholischen Glauben, mit der Kirche oder sogar mit seiner Mitchristen und den Priestern seiner Wiener-Pfarrei hat er vielleicht grosse Probleme gehabt Dies war nicht nur Zufall sondern sein „Wollen“! Die sechs Vertonungen gehören nicht zur kath. Liturgie!

  3. Antonio Di Martino sagt:

    “Et unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam”
    fehlt in allen sechs Messvertonungen. Da kann kaum von Zufall die Rede sein.

  4. Christoph Uttenreuther sagt:

    Gegen die These, Schubert habe den Text des Credo bewusst nach seinem persönlichen Glaubensbekenntnis im oben dargestellten Sinn geändert, sprechen folgende Argumente und Beobachtungen:
    1. Der „allmächtige Vater“, „pater omnipotens“, kommt auch im Gloria vor und ist dort vertont. Mit den Titeln „Vater“ und „Sohn“ hat Schubert trotz seiner gestörten Vaterbeziehung an keiner anderen Stelle des Messtextes Probleme. Sein Glaube die Allmacht Gottes steht wohl durch die gewaltige Vertonung des Sanctus außer Frage. 2. Die Auslassung von „et exspecto resurrectionem“ führt zum unsinnigen Text: „Ich bekenne die eine Taufe zur Vergebung der Sünden der Toten.“ Sicher hat Schubert nicht geglaubt, die Taufe tilge die Sünden von Toten. Auch hat er Jesu Auferstehung „et resurrexit tertia die“ im Credo vertont.
    3. „Aus Maria der Jungfrau“ („ex Maria Virgine“) ist entgegen obiger Behauptung in der Es-Dur-Messe sehr wohl vertont, sogar wiederholt.
    4. Unbeabsichtigte Weglassungen sind auch von anderen Komponisten bezeugt: In allen späten Messen Josef Haydns z.B. fehlt im Credo der Vers „und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn unseren Herrn“, was den folgenden Text unverständlich macht. Noch niemand hat dafür einen anderen Grund angeführt, als dass der fromme Haydn den Vers schlichtweg vergessen hat.
    5. Erwägenswert bleibt daher m.E. allein die Möglichkeit, dass Schubert den Artikel „Et unam sanctam catholicam et apostolicam Ecclesiam“ bewusst oder unbewusst aufgrund seiner Probleme mit der Amtskirche gestrichen hat.
    Wahrscheinlicher sind jedoch musikalische Gründe: Schubert wiederholt die Musik des Anfangs und bringt den Text nicht unter.

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