Glaubensfragen Folge 5: Franz Liszt

Schlohweisse Künstlermähne, schwarze Soutane: Auch das gehört zur widersprüchlichen Persönlichkeit Franz Liszts, dessen regelmässige Rollenwechsel schon die Zeitgenossen verwirrten. 1861 übersiedelte Liszt von Weimar, wo er mit seinen weitreichenden kulturpolitischen Plänen gescheitert war, nach Rom. Dort zog er sich ins Dominikanerkloster Madonna del Rosario auf dem Monte Mario zurück, lebte zeitweilig als Gast im Vatikan und pflegte freundschaftlichen Umgang mit Papst Pius IX., der ihn bereits 1859 zum «Commendatore» des Sankt-Georgs-Ordens ernannt hatte. Am 30. Juli 1865 empfing Liszt gar die Niederen Weihen. Er trat damit in den geistlichen Stand ein, war jedoch kein Priester, wie manchmal fälschlich behauptet wird (dazu fehlten ihm die Höheren Weihen): Zwar war es ihm erlaubt, den Titel «Abbé» zu tragen und während des Gottesdienstes zu assistieren, er durfte aber weder selbst die Messe lesen noch die Beichte abnehmen.
Ob Liszt bei seiner Hinwendung zur katholischen Kirche auch auf ein hohes kirchenmusikalisches Amt schielte – bereits in Weimar hatte er sich verstärkt geistlichen Werken zugewandt –, ist umstritten. Die Zeitgenossen jedenfalls reagierten irritiert auf diese neuerliche Metamorphose des einstigen Lebe-manns. Dabei hatte schon der junge Liszt eine tiefe Religiosität offenbart: Mit grosser Ausdauer las er erbauliche Schriften wie Thomas von Kempens De imitatione Christi. Er führte eine Art religiöses Tagebuch, in dem er penibel seine Andachtsübungen verzeichnete. Und er liebäugelte schon in dieser Zeit damit – man kann das durchaus als Protest gegen seine Existenz als «Wunderkind» verstehen –, die Pianistenkarriere gegen den Priesterstand einzutauschen. Doch Vater Adam Liszt, der selbst als Jugendlicher ein Franziskanerkloster besucht hatte, intervenierte: «Du gehörst der Kunst, nicht der Kirche».
Der plötzliche Tod des Vaters und eine unglückliche Liebesbeziehung führten 1828 zu einer Sinnkrise und zur abermaligen Versenkung in den Glauben, die erst durch die Julirevolution von 1830 in aktive, sozialreformerische Bahnen gelenkt wurde: Beeinflusst durch die christlich gefärbte, wiewohl kirchenkritische Gesellschaftsutopie der Saint-Simo-nis-ten und den liberalen katholischen Priester Hugues Félicité Robert de Lamennais (1782−1854), plädierte Liszt 1834 in seiner Abhandlung Über zukünftige Kirchen-musik für eine umfassende religiöse Musik: Nicht an die Kirche gebunden, solle sie dazu beitragen, dass «alle Klassen sich endlich verschmelzen in Einem religiösen, grossartigen und erhabenen Gemeingefühl». Dem Künstler komme dabei eine Führungs-, ja eine Art Priesterrolle zu.
Obschon Liszt solch radikale Positionen in seinen römischen Jahren weitgehend aufgegeben hatte, bewahrte er sich auch nach seiner Wandlung vom «Künstlerpriester» zum tatsächlichen Abbé eine sehr individuelle Religiosität: Trotz seiner engen Verbindungen zum Vatikan besuchte er die Predigten des alles andere als «linientreuen» Karmeliterpaters Père Hyacinthe. Er komponierte eigenwillige geistliche Gebrauchsmusik, die in Rom nicht zu gebrauchen war und sich dem Bemühen um eine an Palestrina orientierte Restauration der Kirchenmusik widersetzte. Und er führte seine galanten Abenteuer fort, was natürlich keineswegs der katholischen Sexualmoral entsprach. Im Übrigen hielt es Liszt auch in der «ewigen Stadt» nicht ewig aus: Ab 1869 verbrachte er nur noch die Winter in Rom, den Rest des Jahres hingegen zu gleichen Teilen in Weimar und Budapest.

Malte Lohmann

Am 16. August kombiniert Pierre-Laurent Aimard zwei späte Klavierstücke von Franz Liszt mit Claude Debussy Préludes und Auszügen aus Olivier Messiaens Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus.

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