Grosse Musik – wie neu!

Simon Rattle dirigiert Mozart (Foto: Priska Ketterer)

Simon Rattle dirigiert Mozart (Foto: Priska Ketterer)

Revolution – wenn ein Tag dieses Festspielmotto einlöst, dann der heutige: Chaya Czernowins Oper Pnima … ins Innere hat am Luzerner Theater Premiere, und parallel dazu dirigiert Simon Rattle Strawinskys Sacre. Es ist schon erstaunlich, wie Rattle immer wieder mit neuen Perspektiven auf vermeintlich sattsam bekannte Werke überrascht. Gestern Abend dirigierte er Mozarts letzte drei Sinfonien – und das hat mich wirklich begeistert! Rattle zielte nicht auf die Popularität dieser Klassiker ab, sondern stellte ihre Härte und ihre fast opernhafte Vitalität heraus. Die Berliner Philharmoniker musizierten mit unglaublich viel Energie, gleichzeitig ganz transparent. Schon das Setting war speziell: Rattle verzichtete auf Dirigierpult und Taktstock, nutze vielmehr den Raum auf der KKL-Bühne, um nahe an die Musiker heranzutreten und sie mit seinen Gesten gewissermassen herauszufordern – die Einflüsse der historisch informierten Aufführungspraxis waren unverkennbar.

Chaya Czernowin zu Gast beim morgendlichen Treffen des Festival-Teams

Chaya Czernowin zu Gast beim morgendlichen Treffen des Festival-Teams

Besonders gespannt bin ich auch auf Chaya Czernowins Kammeroper Pnima … ins Innere, mit der das Luzerner Theater heute Abend die Saison eröffnet. Die Komponistin besuchte uns heute beim allmorgendlichen Teammeeting – und berichtete, wie sehr sie ihren Luzerner Aufenthalt geniesse: Nicht nur würden ihre Werk in einer Breite (von den Achtziger Jahren bis heute) und interpretatorischen Qualität präsentiert, wie sie es noch nicht erlebt habe. Darüber hinaus sei ganz überrascht von den Reaktionen  des Publikums: Immer wieder werde sie in der Stadt von Luzernern (und vor allem Luzernerinnen) angesprochen, die ihr von ihren Höreindrücken erzählten – oder einfach nach der nächsten Uraufführung fragten. Da sage noch einer, Neue Musik habe sich in den Elfenbeinturm eingeschlossen!

Den Erfolg ihrer Oper Pnima, die 2000 bei der Münchener Biennale uraufgeführt wurde, erklärte Czernowin damit, dass sie damals einen Nerv traf: Sie habe im Blick auf Israel das Schweigen der zweiten Generation zum Holocaust (die Kommunikationsprobleme mit der Elterngeneration; die Ansicht, das Thema betreffe die Nachgeborenen nicht) angesprochen. Gleichzeitig habe Pnima – in einer Art Spiegelfunktion – das deutsche Publikum berührt, das eine ähnliche Generationenproblematik im Umgang mit den Schrecken des Nazi-Regimes erlebt habe. Heute allerdings – 13 Jahre später – sei sie selbst (genau wie ihre Generation) an einem ganz anderen Punkt der Entwicklung. Und so habe ihr die Perspektive des Dirigenten Howard Arman gut gefallen, der die Oper nicht allein aus der Perspektive des Holocausts betrachtet, sondern umfassender als eine Auseinandersetzung mit den (bewusst oder unterbewusst) verdrängten Problemen, Gefühlen oder Ängsten versteht, die jeder in sich trage.

Michael Haefliger | Intendant LUCERNE FESTIVAL

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