«Schon lange vor meiner Geburt war ich Bach-Fan.» Fragen an Reinhold Friedrich zum Festivalthema «Psyche»

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Musik war immer um mich herum, schon lange vor meiner Geburt war ich Bach-Fan. Man kann sich seine Eltern ja nicht aussuchen.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Als ich nach dem Indianer und Cowboy-Spielen aus dem Wald kam und mein Freund mir von einer neuen Singleplatte (also einer kleinen Schallplatte mit je 4- bis 6-minütiger Vorder- und Rückseite) seines Vaters berichtete, auf der das Zweite Brandenburgische Konzert von Bach zu hören war. Danach war ich Trompeter. Ich ging nach Hause und sagte meinen Eltern, ich sei jetzt Trompeter, nicht mehr Indianer und auch kein Cowboy mehr …

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
«Todtraurig» trifft’s nie so ganz, weil das Gefühl einfach komplexer ist. Aber es muss der berühmte Druck im Hals spürbar werden. Das gelingt vielen Liedern von Gustav Mahler, dem Abendgebet aus Hänsel und Gretel oder der Sopran-Arie Meine Seele dürstet nach Gott aus Mendelssohns 42. Psalm (am besten gesungen von Ruth Ziesak). Überhaupt Mendelssohn, etwa das Doppelquartett Denn er hat seinen Engeln aus dem Elias. Oder Bachs Sechstes Brandenburgische Konzert in der Uralt-Aufnahme mit Reinhold Barchet an der Bratsche und dem Südwestdeutschen Kammerorchester unter Friedrich Tilegant. Im Hintergrund: die Nachrichten vom Sechstagekrieg und die kindliche Sorge eines bevorstehenden Weltuntergangs. Und natürlich die wunderbaren Bach-Kantaten, etwa Weinen, Sorgen, Zagen, Klagen oder Ich habe genug oder Ich will den Kreuzstab gerne tragen und viele mehr. Aber auch Chet Bakers letzte Platten, besonders diejenige, die er mit der NDR Bigband und dem NDR Pops Orchestra kurz vor seinem Tod eingespielt hat.

Reinheold Friedrich als Solist beim 75. Jubiläum von LUCERNE FESTIVAL im August 2013 (Foto: Lucerne Festival/ Priska Ketterer)

Reinhold Friedrich als Solist beim 75. Jubiläum von LUCERNE FESTIVAL im August 2013
(Foto: Lucerne Festival/ Priska Ketterer)

Und welches Werk erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Trompetenmusik in D-Dur, etwa von Bach. Dazu vieles von Robert Schumann, so seine Lieder und sein Konzertstück F-Dur für vier Hörner und Orchester – die reine Verkörperung der Romantik. Und natürlich die Ouvertüre zum Rosenkavalier.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken? Und wenn ja, warum?
Im Moment käme ich nicht drauf – bin aber lernfähig. Kann mir jemand weiterhelfen?

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Ein nicht-europäisches Ensemble wird ohne den geschichtlichen und emotionalen Hintergrund des christlichen Abendlandes bestimmt Probleme bekommen, wenn es zum Beispiel Bachs Matthäus-Passion interpretieren will. Doch Masaaki Suzuki zeigt, dass es möglich ist, und zwar auf höchstem interpretatorischen Niveau – selbstverständlich wegen seiner lebenslangen Beschäftigung mit dem Sujet. Andersherum: Was wissen wir schon von der Ästhetik des Nō- oder des Kabukitheaters? Was ich damit sagen will: Unsere Europa-Zentrierung ist schön und gut, aber es gibt noch so viel mehr auf diesem Planeten, das genauso wertvoll ist – nur kenne ich selbst viel zu wenig. Die Gesänge der Pygmäen, chinesische oder indische Musik kann ich geniessen, ohne einen seelischen Kontakt dazu zu haben – als blinder Passagier sozusagen.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Der Gesang der Wale, das Singen der Vögel im Wald oder das Rauschen des Ozeans wirken wie Medizin, aber auch das Knistern eines Feuers ist Musik. Morton Feldman, Erik Satie und auch Helmut Lachenmann fallen mir ein. Und natürlich Bach, Bruckner, um allein beim «B» zu bleiben – das Alphabet bietet noch einiges mehr.

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Volksmusik im Fernsehen ist für mich wie Nervengift, ebenso Konserven-Gedudel aus den Kaufhauslautsprechern, in manchen Ländern auch in Unterführungen, auf dem Weg zur U-Bahn: Das würde ich sofort verbieten, wenn ich die Staatsgewalt dahingehend bewegen könnte – verbunden mit einem Freischein für «gute» Live-Musik auf der Strasse und freiem Unterricht für all diejenigen, die daselbst unerträglich schlecht spielen. «Jungs, die fünf Euro bekommt Ihr nicht für den nächsten Song, sondern dafür, dass Ihr jetzt fünf Minuten Pause macht!» Die permanente Musikvergewaltigung durch berühmte Melodien in den Telefonwarteschleifen – auch das ist eine echt grausame Folter.

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Jimmy Hendrix, Pink Floyd, The Who und Woodstock habe ich ja mit Begeisterung mitgelebt! Inklusive der Erfahrung, beim Rockfestival direkt vor der Boxenwand zu sitzen, um die Musik mehr durch die Vibration der Schallwellen auf dem Körper zu spüren als sie mit den Ohren zu hören. Aber fragen Sie mich bitte nicht nach meinem Verhältnis zu Techno oder Hip-Hop – da kommt bei mir die Krise. Und auch die Musik der Faschos: ekelig.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Richard Wagner macht’s mir schwer. Da sträubt sich etwas in mir, ich will nicht folgen. Seine psychologischen Unterwanderungsversuche gehe ich ungern mit – wie ein ungezogenes Kind entziehe ich mich, wo ich kann. Carl Orff gehört auch in diese Kategorie.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Nach jeder Sinfonie Gustav Mahlers, bei der ich mitspiele – wochenlang verfolgen mich seine Themen …

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Das hiesse übersetzt ja: «Alle Musiker werden zu besseren Menschen.» Glauben Sie das? Ich nicht! Da muss noch viel mehr passieren. Verantwortungsgefühl, Empathie, Demut oder Grosszügigkeit sind Eigenschaften, die auch ohne Musik ihren Platz finden können. Aber die Sensibilität des Musikers und seine stärker verbundenen Synapsen und Gehirnstränge könnten auf dem Weg dorthin helfen … wenn nur nicht solche Störfeuer wie Routine, Bequemlichkeit, Rechthaberei und Arroganz wären. War Mahatma Ghandi ein Orchestermusiker? Trat Mutter Theresa als Chorsängerin auf? Albert Schweitzer war schon nah dran. Aber auch Hitler und Göring waren grosse Musikfans. Es hilft nicht weiter: «Der Mensch ist gut, nur die Leute sind schlecht», wusste schon Karl Valentin.

Reinhold Friedrich ist im Sommer 2014 bei den vier Konzerten des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA unter Andris Nelsons zu erleben, dazu mit dem Brass Ensemble des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA: Am 20. August spielen sie Werke von Gesualdo und Lully bis zu Leoš Janáček und Zoltán Kodály.

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