«Der Beruf des Dirigenten ist mit emotionalen Risiken verbunden». Fragen an Franz Welser-Möst zum Festivalthema «Psyche»

Franz Welser-Möst bei LUCERNE FESTIVAL (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Franz Welser-Möst bei LUCERNE FESTIVAL (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Franz Schuberts Ges-Dur-Impromptu, gespielt von meiner Mutter zu Hause am Klavier. Ich war damals ungefähr drei Jahre alt.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Das geschah, als ich vierzehn Jahre alt war und eine Aufführung des Streichquintetts in C-Dur von Wolfgang Amadé Mozart hörte.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Aus einem Totenhaus von Leoš Janáček und die Vierte Sinfonie von Jean Sibelius.

Und welches werk erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Dazu fällt mir vieles von Bach und Haydn ein.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Nein. Denn es ist ein Beruf, den wir Dirigenten ausüben, und der ist natürlich mit manchen Risiken, auch mit emotionalen, verbunden.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Nein. Ich habe zum Beispiel wunderbare Aufführungen sakraler Werke durch Atheisten gehört.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Bach!!!

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Manches von Mahler, manches von Wagner.

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Absolut. Zuallererst sei hier Gustav Mahler genannt.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Ein solches Werk gibt es nicht.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Und wie …

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Wenn der Mensch unsensibel ist, wird ihn auch keine Musik dieser Welt irgendwie berühren. Aus genügend Studien weiss man, dass durch klassische Musik sehr wohl die Kreativität und die Kommunikationsfähigkeit bei Kindern gefördert und ausgebaut werden kann. Der Erwachsene hat einen Verstand, den er zu seiner Weiterentwicklung einsetzen kann. Er kann sicherlich Musik suchen und sich damit auch selbst sensibilisieren.

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