«Wer sich auf neue Musik einlässt, ist auch sonst offener für das Unbekannte.» Fragen an den Komponisten Kareem Roustom zum Festivalthema «Psyche»

Kareem Rostom (Foto_ John K. Robson)

Kareem Rostom (Foto_ John K. Robson)

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Ein Song der legendären libanesischen Sängerin Fairouz, den ich während eines Familienausflugs auf dem Rücksitz unseres Chevrolet Impala hörte. Mir fiel ein hohes Gebimmel auf, das völlig unüblich war in der damaligen arabischen Musik. Erst später begriff ich, dass es sich um ein Klavier handelte. Die Rahbani-Brüder, die fast alles für Fairouz komponiert und arrangiert haben, setzten es auf ganz eigene Art ein, und dieser hohe, zerbrechliche Klavierton inmitten der anderen musikalischen Texturen hat mich seither begleitet und einige meiner Instrumentationsentscheidungen beeinflusst.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Das war ein vermutlich nicht nur musikalisch, sondern auch lebensgeschichtlich wichtiges Erlebnis: Nachdem wir von Syrien in die USA umgezogen waren – keine einfache Umstellung für einen Jugendlichen! –, entdeckte ich die Musik während eines Besuchs in meiner Heimat bei Freunden, und zwar in Form einer Gitarre. Aus irgendeinem Grund wollte ich dieses Instrument unbedingt spielen können. Vielleicht hat mich diese Neugier letztlich zum Komponieren gebracht.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Ich empfinde Trauer nicht als ein negatives Gefühl. Vielmehr ist es wichtig zu akzeptieren, dass Leid unabdingbar zum Leben gehört. Als Meditation über Trauer und Verlust fasziniert mich Brittens War Requiem. Aber gerade, weil ich es so liebe und weil es das komplexe Gefühl der Trauer so eindrücklich vermittelt, kann ich es nicht sehr oft hören. Auch die Musik der Orthodoxen Kirche hat in meinem Herzen einen besonderen Platz, gerade angesichts der aktuellen Weltlage.

Und welches Werk erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Schwer zu beantworten, weil die Werke, die mich anziehen, komplexer sind, nicht so eindimensional. Ein gutes Beispiel im Bereich der klassischen Musik ist dafür vielleicht das Finale von Tschaikowskys Vierter Sinfonie: Es beginnt voller Energie, ja ausgelassen, und doch sind fortwährend düstere Untertöne da. Und wenn dann das eröffnende Hornmotiv wiederkehrt, ist das sehr ernüchternd.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Nein. Allerdings beziehen wir Musik manchmal auf lebensgeschichtliche Ereignisse, und dann verändert die Bedeutung, mit der wir die Musik «aufladen», unsere Wahrnehmung. Und Bernard Herrmann wusste in seinen Filmmusiken – etwa in der zu Vertigo, einem meiner Lieblingsstücke – eine bezwingende emotionale Atmosphäre so meisterhaft zu evozieren, dass sich die Wirkung auch einstellt, wenn man sie unabhängig vom Film hört.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt? Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Ich glaube, dass es keine Art von Musik gibt, die immer gleich wirkt. Hören wir zum Beispiel Musik, wenn wir verschlossen sind und unwillig, etwas aufzunehmen, dann werden wir unruhig. Sind wir hingegen offen und entspannt, dann wird uns die Musik sicher zugutekommen – und möglicherweise sogar unseren Blutdruck und unsere Atemfrequenz positiv beeinflussen. Als Filmkomponist habe ich auf die Gefühle der Zuschauer einzuwirken. Ich habe mich deshalb intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Musik unsere Emotionen beeinflusst, bezweifle aber, dass darüber Einigkeit herrscht. Ein Beispiel: Vor kurzem habe ich einen Soundtrack komponiert, in dem auch eine düstere, walzerartige Pizzicato-Figur in den Streichern vorkam. Unglücklicherweise liess das einen der Produzenten an Cartoons denken, weil seine einzige Berührung mit der klassischen Musik über Cartoons erfolgt war – mitdem Ergebnis, dass meine Musik für diese Szene abgelehnt wurde. Vielleicht habe ja jetzt auch ich eine ganz neue emotionale Verbindung zu düsteren, walzerartigen Streicher-Pizzicati …

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Mir scheint es problematisch, bei Musik etwas zu «diagnostizieren», weil wir in jede Hörerfahrung unsere eigenen musikalischen und biographischen Erfahrungen einbringen und deshalb nicht objektiv urteilen können. Die Hörer hören etwas anderes als das, was Komponist oder Interpret intendiert haben. Das hängt auch mit kulturellen Erfahrungen zusammen. Die traditionelle arabische Instrumentalmusik etwa scheint mir wenig geeignet, um einen Affekt wie Wahnsinn zu vermitteln. Als ich zum ersten Mal den ägyptischen Film Fatma aus dem Jahr 1947 sah, fiel mir auf, das es nur eine einzige Szene gibt, die nicht mit arabischer Musik unterlegt ist: nämlich als der schuldgeplagte Held am Lenkrad seines Autos von einer Halluzination heimgesucht wird und einen Unfall baut … zur Musik von Debussys La Mer! Ich bezweifle, dass Debussy mit seiner Musik dieses Gefühl ausdrücken wollte, aber irgendjemand im Filmteam war davon überzeugt.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
«Kalt» im Sinne von unberührt bleibe ich bei Musik, die allzu wenig durchdacht oder, im Gegenteil, zu «durchgeistigt» ist. Um mich zu packen, ist ein Ausgleich zwischen Herz und Hirn nötig.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Wer musiziert, muss kooperieren und auf andere hören können, er benötigt Empathie und die Bereitschaft, sich auf immer neue Situationen einzulassen. All das sind Eigenschaften, die uns auch im friedlichen Zusammenleben mit anderen helfen. Insofern glaube ich, dass Musik eine menschliche Tätigkeit ist, die das Leben besser macht. Und im Hinblick auf die Hörer gilt: Wer bereit ist, sich auf neue und unbekannte Arten von Musik einzulassen – und zwar live, nicht bloss aus der Konserve –, der ist auch sonst offener für das Neue, Unbekannte.

Am 17. August interpretieren Daniel Barenboim und das West-Eastern Divan Orchestra Kareem Roustoms neues Orchesterwerk «Ramal», zugleich die europäische Erstaufführung der Partitur.

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