«Musiker müssen in der Musik leben und sie nicht bloss ausstellen.» Andris Nelsons über die Macht der Musik

Ein Dirigent «muss ein sehr grosser Psychologe sein. Man kann auf 100 Arten ‹bitte etwas schneller› sagen», hat Andris Nelsons einmal eine der Anforderungen an seinen Beruf erklärt. Er dürfte also ein Experte sein, was «Psyche», das diesjährige Thema von LUCERNE FESTIVAL, angeht. Wir haben Andris Nelsons gefragt, wie sich die Musik in ihr Leben eingemischt hat, welche Werke sie im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht.

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Die stärkste musikalische Erinnerung aus meiner Kindheit ist der Besuch einer Aufführung von Wagners Oper Tannhäuser mit meinen Eltern – da war ich fünf Jahre alt. Meine frühesten musikalischen Erfahrungen habe ich allerdings mit der Alten Musik gemacht, denn meine Mutter hatte das erste Alte-Musik-Ensemble in Lettland gegründet.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Tannhäuser als Fünfjähriger zu erleben, das war für mich eine prägende Erfahrung: Die Aufführung hat mich geradezu hypnotisiert und einen enormen Eindruck hinterlassen. Ich wollte danach unbedingt so vollständig in die Musik eintauchen wie ein Dirigent! Ich war völlig überwältigt.

«Alle Musik, die ich aufführe, pumpt mich mit Adrenalin voll.» (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

«Alle Musik, die ich aufführe, pumpt mich mit Adrenalin voll.» (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Da kommen mit zuallererst Puccinis Opern in den Sinn!

Und welches Werk erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Alle Musik ist in dieser Hinsicht ausserordentlich an-, ja aufregend, auf ganz unterschiedliche Art und Weise: Musik versetzt uns auf jeden Fall in einen gesteigerten Gefühlszustand.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Alle Musik, die ich aufführe, pumpt mich mit Adrenalin voll, und ich fiebere jedem Konzert entgegen, unabhängig vom Repertoire. Für mich ist es deshalb genau andersherum: Allein der Gedanke an eine Aufführung, egal um welches grossartige Stück es sich handelt, übt eine magische Wirkung auf mich aus.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Meiner Ansicht nach muss ein Musiker sich in jede Aufführung und in jedes Werk mit ganzer Seele einbringen. Das ist der entscheidende Punkt. Musiker müssen in der Musik leben und sie nicht bloss ausstellen – das ist wie beim Theater, wie bei einem Schauspieler, der eine Rolle zu spielen hat. Das ist allerdings meine ganz persönliche Überzeugung, und ich bin mir sicher, dass andere Dirigenten das anders sehen. Für mich aber ist das wesentlich.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Ich würde sagen, dass in einem gewissen Sinne alle Musik wie Medizin wirkt! Unterschiedliche Menschen bedürfen natürlich unterschiedlicher Medizin, und das gilt auch für die Musik, etwa in Hinsicht auf die Komponisten wie auch auf die Musikstile. Für mich ist Musik beides zugleich: sowohl Nahrung als auch Medizin für unsere Seele

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Musik verfügt über eine unglaubliche Kraft, das steht ausser Frage. Und starke Musik kann einen auch niederringen – manchmal weiss man gar nicht mehr, wie man sich zur Wehr setzen soll. Musik kann dazu führen, dass der Seelenhaushalt in Schieflage gerät, dafür ist etwa Richard Strauss’ Elektra ein gutes Beispiel. Wobei: «Krank machen» ist in diesem Fall wohl nicht der richtige Ausdruck, eher «überwältigen», und das in einem bemerkenswerten Sinn! Wenn ich Musik nennen müsste, bei der ich mich krank oder zumindest unwohl fühle, dann wäre das wohl Techno. Als ich das als Teenager das erste Mal hörte, hinterliess das einen bleibenden Eindruck: Techno ist etwas, das ich einfach nicht verstehe!

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Aber ja, natürlich! Das beste Beispiel dafür wäre wieder Wagner, dessen Musik mich – wie schon gesagt – in Rauschzustände versetzt. Ich bin wirklich abhängig von dieser Musik.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Es gibt zwar Werke, die mich paralysiert zurücklassen – etwa der Schluss von Schostakowitschs Vierter Sinfonie, wenn am Ende einfach nichts mehr übrigbleibt. Aber ich würde sagen, dass uns alle grossen Komponisten emotional bewegen, dass sie immer eine seelische Reaktion provozieren, in der ein oder anderen Richtung.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Ja, wie die meisten anderen Menschen auch, glaube ich. Das ist eine dieser mythischen Dimensionen der Musik: etwas, das wir zwar nicht erklären, aber auch nicht beeinflussen können.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Auch hier: ein klares Ja. Gerade weil Musik für mich beides zugleich ist: Nahrung und Medizin für die Seele, bin ich davon überzeugt, dass es für jeden von uns absolut notwendig ist, Konzerte oder Opernaufführungen zu erleben. Musik macht uns empfindsamer, reflektierter und auch emotional offener. Wenn wir einer Aufführung lauschen und dabei unseren Geist öffnen, dann befähigt uns die Musik, uns selbst viel tiefer zu verstehen.

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA, Sommer-Festival 2014: Die Macht der Musik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *