«Das Geigenspiel gehört seit jeher zu meinem Leben.» Fragen an «artiste étoile» Midori zum Festivalthema «Psyche»

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Es ist kein bestimmtes Ereignis, das ich als früheste musikalische Erinnerung im Gedächtnis behalten habe. Die diffusen Erinnerungsfetzen aus meinen ersten Lebensjahren erscheinen mir im Rückblick so verworren, dass es unmöglich ist, einzelne Vorkommnisse klar zu beschreiben oder gar in einen Zusammenhang mit Musik zu setzen.

Midori (Foto: Timothy Greenfield-Sanders)

Midori (Foto: Timothy Greenfield-Sanders)

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Auch hier kann ich kein spezielles Schlüsselerlebnis benennen, das mein musikalisches Leben in Gang setzte. Da ich mit dem Geigenspiel schon begann, als ich noch sehr, sehr klein war, gehörte es seit jeher zu meinem Leben und war Teil von mir. Allerdings wäre mir umgekehrt der Gedanke, die Violine an den Nagel zu hängen, völlig befremdlich gewesen – auf eine solche Idee bin ich jedenfalls nie gekommen. Wie auch immer: Die Entscheidung für eine professionelle Karriere als Geigerin traf ich erst ganz am Ende meines Studiums an der Juilliard School in New York. Das Üben und Spielen und auch die Auftritte, die all die Jahre zuvor schon geprägt hatten, waren nur ein Ergebnis meiner Liebe zur Musik. Doch nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, die Geige zu meinem Beruf zu machen, kam noch ein Bewusstsein für die ungeheure Verantwortung hinzu: gegenüber der Kunst, aber auch gegenüber meinem ganz persönlichen Umfeld.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Ja, daran glaube ich. Jede Interpretation muss eine enge emotionale Verbindung zwischen dem Komponisten, seinem Werk, den ausführenden Künstlern und den Rezipienten, also dem Publikum, herstellen. Natürlich ist das für mich ein ganz persönlicher Vorgang, der mit jedem Mal neu und einzigartig ist.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Ganz sicher! Ich habe so viele unschätzbare Erfahrungen und Erkenntnisse gewonnen, weil es mir die Musik ermöglicht hat. Die Musik hat mich durch die ganze Welt geführt, sie hat mich mit Menschen verschiedenster Herkunft zusammengebracht, und sie hat mir Gelegenheit gegeben, unterschiedlichste Gefühle auszuleben. All das hat meinen Horizont erweitert und mich für das, was um mich herum geschieht, sensibilisiert. Musik steigert das Bewusstsein und die Erkenntnis.

Als «artiste étoile» bei LUCERNE FESTIVAL stellt sich Midori völlig verschiedenen Herausforderungen: Sie hebt «Oskar (Towards a Brighter Hue II)», ein neues Werk von «composer-in-residence» Johannes Maria Staud, aus der Taufe, spielt Mendelssohns mitreissendes Violinkonzert, präsentiert sich ganz «casual» in der LUCERNE FESTIVAL Lounge – und wagt sich an sämtliche Solosonaten und -partiten von Johann Sebastian Bach.

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