«Viele der intensivsten Musikerfahrungen ermöglichen uns junge Leute». Ein Gespräch mit James Wood und Lieselot De Wilde über Luciano Berios Coro und den LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus

James Wood und Simon Rattle proben mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus (Foto :LUCERNE FESTIVAL)

James Wood und Simon Rattle proben mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus (Foto :LUCERNE FESTIVAL)

Luciano Berios «Coro», ein grossdimensioniertes Werk für 40 Sänger und Orchester, hat sich Simon Rattle für seinen ersten Auftritt am Pult des LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra ausgewählt. Und so hat die Academy in diesem Sommer kurzentschlossen einen internationalen Chor aus jungen Sängerinnen und Sängern unter der Leitung des Dirigenten und Komponisten James Wood zusammengestellt. Wir haben mit James Wood und Lieselot De Wilde, Sopranistin im LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus, über Berios komplexe Partitur, über die Probenarbeit und über die Herausforderungen zeitgenössischer Musik gesprochen.

Herr Wood, haben Sie eigentlich schon einmal mit einem so jungen Chor wie dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus zusammengearbeitet?
JW: Mal überlegen: Ich habe zwar mit vielen jungen Musikern zusammengearbeitet – mit jungen Schlagzeugern, jungen Komponisten und Jungendorchestern –, aber mit einem Ad-hoc-Chor aus internationalen Studierenden? Nein, das habe ich tatsächlich noch nie gemacht. Allerdings ist ein solcher Chor, noch dazu in dieser Grösse, auch etwas Besonderes. Das gibt es nicht oft.

Wie liefen die Proben bislang für dich, Lieselot?
LDW: Oh, gut und intensiv. Das Stück ist schwierig, die Intonation alles andere als einfach, und dann handelt es sich ja um ein völlig neu zusammengestelltes Ensemble, weshalb wir uns erst einmal aufeinander einstellen und eine gute klangliche Mischung finden müssen.

JW: Da sprichst du das Entscheidende an. Es geht hier ja nicht nur darum, Berios Coro einzustudieren, sondern um das Projekt als Ganzes. Es gilt einen Chor zu bilden aus Sängern völlig unterschiedlichen Alters, sagen wir: von 18 bis 32 Jahren. In diesem Zeitraum ist die vokale Entwicklung natürlich enorm. Zudem stammen die Sänger aus der ganzen Welt und verfügen damit über ganz unterschiedliche kulturelle Hintergründe, Gesangstraditionen und Zielsetzungen: Warum will man in Buenos Aires Sänger werden, warum in New York? Da dürften vielfach völlig verschiedene Motive dahinterstehen. Einige wollen Lehrer werden, andere Opernsänger, andere Chorsänger. Deutschland oder England verfügen beispielsweise über eine bedeutende Chortradition, andere Länder nicht, weshalb sich die professionelle Laufbahn dort eher auf eine Solistenkarriere ausrichten wird.

Das klingt so, als sei der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus durchaus auch ein riskantes Projekt …
JW: Ja, es ist eine grosse Herausforderung, aus den Sängerinnen und Sängern ein Ganzes zu formen. Wir haben zwar vorher ein Probesingen durchgeführt, und zwar mit Berios Folk Songs, um sowohl auf Berio als auch auf seine Zusammenführung unterschiedlicher (fiktiver) volksmusikalischer Traditionen einzustimmen. Aber im Vokalbereich ist das – anders als bei Instrumentalisten – nur bedingt aussagekräftig; die eingereichten Aufnahmen verraten z. B. nur wenig über das Stimmvolumen. Andererseits ist Coro ein Stück, bei dem die Sänger nicht durchweg als Ensemble, sondern über weite Strecken auch solistisch agieren. Hier hatte ich die Möglichkeit, jede einzelne Stimme sehr bewusst zu besetzen, was bei festen Ensembles so nicht geht – und ich bin glücklich, dass es so gut funktioniert!

Sie haben erwähnt, dass Sie «Coro» bereits zum wiederholten Male erarbeiten. Warum kehren Sie immer wieder zu diesem Werk zurück?
JW: Ganz einfach: Ich mache stets das, was man mir sagt. (lacht) Nein, im Ernst: Ich wurde eben wiederholt angefragt, das erste Mal von Reinbert de Leeuw in den Niederlanden, dann von Simon Rattle für eine Aufführung mit den Berliner Philharmonikern und dem Berliner Rundfunkchor. Und auch jetzt war es wieder Rattle, der mich vorgeschlagen hat. Allerdings ist Coro ein Meisterwerk, mit dem man sich gar nicht oft genug beschäftigen kann. Gleiches gilt übrigens für György Ligetis Requiem oder Bernd Alois Zimmermanns Requiem für einen jungen Dichter, die ich ebenfalls oft einstudiert habe.

Wie war es bei dir, Lieselot? Warum hast du dich für die Luzerner Arbeitsphase beworben?
LDW: Ich hatte mich schon mit Berio beschäftigt, aber nicht mit Coro. An diesem Stück hat mich die Schwierigkeit gereizt und die Tatsache, dass man zugleich Chorist ist und solistische Passagen zu bewältigen hat. Entsprechend viel habe ich bereits gelernt, etwa die Stimme genau zu dosieren und Energie aufzusparen für meine Solopartie ungefähr in der Mitte der Partitur. Weil ich mich sehr kurzfristig beworben habe, habe ich mir die Ausschreibung erst später genauer angeschaut und festgestellt, dass wir Coro mit James Wood und Simon Rattle erarbeiten. Das war eine schöne Überraschung!

Wie kann man sich denn auf so ein komplexes Werk vorbereiten? Was kann man im Vorfeld alleine proben?
LDW: Man kann das Nötige machen, etwa Teile mit einer klaren Melodielinie vorbereiten. Anderes lässt sich eigentlich erst im Ensemble einstudieren.

JW: Was auch daran liegt, dass bei Coro jeder Sänger seine eigene Stimme hat. Für Orchestermusiker ist das völlig normal, die sind daran gewohnt, nicht genau zu wissen, was der Rest macht. Aber Chorsänger benutzen sonst immer eine Chorpartitur mit allen Stimmen, was den Überblick erleichtert.

James Wood (Foto: Rosi Arndt)

James Wood (Foto: Rosi Arndt)

Etwas ketzerisch gefragt: Warum gibt man sich denn so viel Mühe, investiert so viel Zeit und Energie für ein anspruchsvolles Werk wie Berios «Coro», wo man doch mit deutlich geringerem Aufwand etwa Orffs «Carmina burana» einstudieren könnte?
JW: Dahinter steht ja die Grundsatzfrage: Warum beschäftige ich mich mit etwas Schwierigem – eine wirklich wichtige Frage. Als Komponist wie Interpret kann ich feststellen: Die Fähigkeiten der Musiker entwickeln sich rasant. Was vor zwanzig Jahren noch als unspielbar galt, ist heute kein Problem mehr. Diese Entwicklung betrifft auch die intellektuelle Fähigkeit, sich in ganz unterschiedliche ästhetische Konzepte hineinzudenken. Die Komponisten stellen die Interpreten vor immer neue Probleme, und wenn Du sie gelöst hast, sind die Komponisten schon wieder einen Schritt weiter. Genauso hat sich die Musik seit jeher entwickelt – man denke nur an die immer grösseren Herausforderungen der Konzertliteratur im 19. Jahrhundert –, wozu ich anmerken muss, dass es heute viel zu wenige Pioniere unter den Komponisten gibt und stattdessen ein rückwärtsgewandter Trend zu beobachten ist. Meines Erachtens ist es wenig zielführend, immer die einfachste Option zu wählen und sich nur mit Altbewährtem auseinanderzusetzen. Man sollte sich stattdessen von den allerneuesten Entwicklungen herausfordern lassen. Deshalb ist ja auch die LUCERNE FESTIVAL ACADEMY so wichtig: Hier kann man das.

LDW: Zeitgenössische Musik regt dich viel stärker dazu an, über deine Rolle und dein Tun als Sänger nachzudenken. Wir leben in einer Zeit – und ich denke, ich spreche nicht nur für mich, sondern für meine Generation –, in der man sich über nahezu alles informieren kann. Und weil wir all diese Informationen in unserer Tasche (genauer: in unserem Smartphone) haben, werden wir mehr als jede andere Generation zuvor von völlig verschiedenen Dingen beeinflusst: Wir kennen die Aufnahmen von Maria Callas, aber auch von Björk oder den Beatles und können sogar herausfinden, wie ein mongolischer Schafhirte singt. Das führt dazu, dass ich ganz anders über Klänge nachdenke und etwa das Konzept des klassischen Belcanto in einem neuen Licht sehe: als lediglich eine von vielen Möglichkeiten. Oder, um ein anderes Beispiel anzuführen: Ich habe bei einer Oper mit einer Sängerin zusammengearbeitet, die zwar nicht klassisch ausgebildet war, sich aber genau wie ich – und völlig zu recht – als Sängerin «zeitgenössischer» Musik verstand. Genau deshalb sind Künstler wie Berio und Cathy Berberian so wichtig für mich, haben sie sich doch gefragt: «Warum produziere ich diesen oder jenen Klang? Warum nutze ich meine Stimme auf diese oder jene Art? Was will ich damit ausdrücken?» Damit muss sich gerade unsere Generation auseinandersetzen und immer weiterexperimentieren. Und doch wird genau dieses Repertoire in der Ausbildung vernachlässigt! Insofern ist die LUCERNE FESTIVAL ACADEMY für mich ein tolles Erlebnis, denn man fühlt sich ja manchmal allein, wenn man sich für Neue Musik begeistert. Hier trifft man dagegen auf lauter Gleichgesinnte.

JW: Es ist wirklich eine aussergewöhnliche Erfahrung, mit jungen Sängern zusammenzuarbeiten, die Berios Coro einstudieren wollen. Obwohl ich glaube, dass ich recht gut darin bin, bei jedwedem Ensemble – auch den abgeklärtesten – für eine gute Arbeitsatmosphäre zu sorgen, wird es in professionellen Chören immer jemanden geben, der nur Dienst nach Vorschrift macht und für zeitgenössische Musik nicht wirklich zu begeistern ist. Hier dagegen sind alle nach Luzern gekommen, weil sie Coro singen wollen. Das ist wunderbar. Ohnehin glaube ich, dass uns viele der intensivsten und besten Musikerfahrungen von jungen Leuten ermöglicht werden.

Noch eine abschliessende Frage zu Berios «Coro», Herr Wood: Sie sind gerade dabei, die Partitur zu korrigieren und Fehler zu beheben. Ist das im Bereich der zeitgenössischen Musik öfter der Fall?
JW: Ja, das gibt es immer wieder. Bei Coro stösst man auf drei Arten von Fehlern: Da gibt es zunächst zahlreiche Fehler in den Einzelstimmen, also Abweichungen von der Partitur, gerade beim Tenorpart. Darüber hinaus finden sich Fehler in der Partitur, sowohl offenkundige Abschreibefehler Berios als auch richtiggehende Versehen. So sind wir bei den Proben über eine Stelle gestolpert, an der Chor und Orchester als Block agieren und jede Chorstimme von einem Instrument gedoppelt wird – nur in einem einzigen Fall weichen Sänger und Instrumentalist voneinander ab. Das muss einfach ein Versehen sein! Und es wäre ja auch ein Irrglaube anzunehmen, ein Autograph wäre stets absolut korrekt. Der Dirigent muss deshalb immer ein wenig auch Musikwissenschaftler sein und herausfinden können, was wirklich gemeint ist.

Das Interview führte Katharina Thalmann | LUCERNE FESTIVAL ACADEMY

Am 23. August interpretieren das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra und der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus unter Simon Rattle neben Berios «Coro» Werke von Paul Dukas, Claude Debussy und eine Uraufführung von Unsuk Chin (mit Barbara Hannigan). Wer Berios Meisterwerk vorab kennenlernen will, hat am 22. August in der Gratis-Reihe LUCERNE FESTIVAL 40min Gelegenheit dazu: Mit vielen Musikbeispielen führt Simon Rattle in die komplexe Partitur ein.

Simon Rattle probt mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra (Foto: Stefan Deuber/LUCERNE FESTIVAL)

Simon Rattle probt mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra (Foto: Stefan Deuber/LUCERNE FESTIVAL)

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Eine Antwort auf «Viele der intensivsten Musikerfahrungen ermöglichen uns junge Leute». Ein Gespräch mit James Wood und Lieselot De Wilde über Luciano Berios Coro und den LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Chorus

  1. georg schnell sagt:

    Ausgezeichnetes Interview mit geschickten Fragen und interessanten Antworten

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