«Ich tue es zu meiner Freude». Bernard Haitink über seinen Luzerner Schumann-Zyklus

Bernard Haitink und das Chamber Orchestra of Europe nach dem ersten Teil ihres Luzerner Schumann-Zyklus (fOTO: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Bernard Haitink und das Chamber Orchestra of Europe nach dem ersten Teil ihres Luzerner Schumann-Zyklus (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Nach dem ersten, sehr erfolgreichen Schumann-Konzert bei LUCERNE FESTIVAL zu Ostern im April stehen morgen und Donnerstag zwei weitere Abende von Bernard Haitinks neuem Luzerner Zyklus an. Im Gespräch mit Erich Singer äusserte sich Bernard Haitink über sein Verhältnis und seinen Zugang zu Robert Schumann.

«Verzeiht, ich kann nicht hohe Worte machen»: Der Vers aus Johann Wolfgang Goethes Faust-Prolog scheint unausgesprochen über den knappen Bemerkungen zu stehen, die Haitink zu Schumann zu äussern gewillt ist. Entscheidend für ihn ist der Komponist, sind die Partituren, die Schumann hinterlassen hat. «Ich habe über Schumann weder musikologische, musiktheoretische noch biographische Untersuchungen angestellt und infolgedessen relativ wenig Fachliteratur gelesen», gesteht Haitink. «Die zahlreichen Bücher haben gewiss nicht den ganzen Schumann erschöpft, aber doch genug, um mich nicht bemüssigt zu fühlen, weitere eigene Ansichten beizusteuern oder das Gescheite und Dumme einfach nur nachzuplappern. Eigentlich pflegte ich während meiner Laufbahn spärliche Kontakte zu Schumann. Seine sinfonische Musik habe ich seit langem nicht mehr aufgeführt. In Amsterdam – es ist lange her, wahrscheinlich war es 1984 – spielten wir alle seine Sinfonien und nahmen sie für die Schallplatte auf. Deshalb bin ich in Sachen Schumann so etwas wie ‹die Unschuld vom Lande›.»

Der Luzerner Schumann-Zyklus wurde nach einem Gespräch mit dem Intendanten Michael Haefliger programmiert und war nicht zuletzt als Fortsetzung der Beethoven- und Brahms-Zyklen gedacht, die Haitink seit 2008 im Rahmen von LUCERNE FESTIVAL durchgeführt hatte, ebenfalls mit dem Chamber Orchestra of Europe. Für Haitink stand von vornherein fest, «mich im Rahmen der kleinen Luzerner Schumann-Serie auf die Werke zu beschränken, die zu Ostern und jetzt im Sommer auf den Programmen stehen». Allerdings bedauert er, dass ihm der Zugang zu anderen wichtigen Kompositionen noch fehle; er sei noch nicht so weit, sich an Werke wie beispielsweise Das Paradies und die Peri oder die Faust-Szenen heranzuwagen: «Diese Hauptwerke fordern zum Studium noch viel Zeit und Ruhe, die ich leider viel zu oft nicht finde.»

Das kleine Orchester – der Schlüssel zur idealen Klangbalance
Als einen Glücksfall erachtet es Haitink, dass ihm abermals das Chamber Orchestra of Europe zur Verfügung steht, dessen Besetzung mehr oder minder dem Standard zu Schumanns Zeit entspricht. Das grössere Kammerorchester sei die ideale Voraussetzung, um die Sinfonien ohne jene instrumentalen Eingriffe aufzuführen, wie sie in der Vergangenheit allzu oft gemacht wurden, wenn vollbesetzte philharmonische Klangkörper Schumanns Orchesterwerke realisierten. Die häufig diskutierte Frage der Orchestration und die mit ihr zusammenhängende Problematik der Retuschen hat Haitink stets ganz bewusst umgangen: «Das Ondit, das Vorurteil, Schumann habe ungeschickt oder ungenügend instrumentiert, kann ich nicht nachvollziehen. Gerade der erste Abend unseres Zyklus zu Ostern hat mich darin bestärkt, dass dieser Disput über angebliche Mängel obsolet, ja geradezu unsinnig ist. Schumann war sich meiner Ansicht nach sicher über das, was er intendierte.»

Die Diskussion um die Besetzungsstärke ist nach Haitinks Ansicht durch musikpolitische Probleme befeuert worden: «Wir leben in einer Zeit, in der überall gespart werden muss und den Sinfonieorchestern geradezu aufoktroyiert wird, klassisch-romantische Werke in kleinerer Besetzung zu spielen. Vor zwanzig Jahren wehrte ich mich noch dagegen, inzwischen haben mich etliche Aufführungen allerdings davon überzeugt, dass die Reduktionen nicht nur aus der Not geboren wurden, sondern teilweise zu Recht erfolgen. Bei sinfonischen Werken aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschwindet nämlich in den meisten Fällen das Problem der Klangbalance oder des Gleichgewichts innerhalb der einzelnen Register, wenn man sie in schlanker Formation spielt. Plötzlich stellen sich diese Fragen nicht mehr, erst recht dann nicht, wenn ein so ausserordentlicher Klangkörper wie eben das Chamber Orchestra of Europe zur Hand ist. Denn seine Mitglieder sind fähig, wie Kammermusiker aufeinander zu hören und sich entsprechend abzustimmen.» Auf der anderen Seite komme auch die Klangfülle bei diesem Orchester keineswegs zu kurz: «Es bewältigt ein breites dynamisches Spektrum, und wenn es die Partitur erfordert, entwickelt es sogar gewaltige Kräfte.»

«Diese Musik wühlt mich auf»
Beim Studium des sinfonischen Œuvres beschäftigten Haitink auch andere Gattungen, denen sich Schumann widmete: «Vor allem das Liedschaffen hat mich mehr als erstaunt. Die wunderbare Einspielung der Lieder mit Dietrich Fischer-Dieskau und Christoph Eschenbach – war das ein phantastischer Pia-nist! – hat mir die Schumann-Welt tiefer erschlossen. Diese poetischen Träumereien klingen in der Orchestermusik nach. Freilich sind es nicht nur diese Momente, die Schumanns Musik charakterisieren; nicht selten trägt sie Züge, die man durchaus als neurotisch bezeichnen darf. Mittels Partiturstudium seiner Orchestermusik und Anhören vieler anderer Werke bin ich Schumann in letzter Zeit ein Stück näher gekommen.»

Bernard Haitink in Luzern (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Bernard Haitink in Luzern (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Haitinks Freund András Schiff äusserte jüngst, für Schumanns Schaffen müsse man – anders als bei Mozart, Beethoven oder Brahms – immer noch kämpfen. Viel zu viele Werke würden nach wie vor vernachlässigt und lägen brach, die Wertschätzung des Komponisten sei in Relation zur Qualität zu gering. Auch Haitink räumt ein, Schumann sei als Sinfoniker sicherlich bis heute noch unterschätzt; er sieht und fühlt sich indes nicht als Missionar, der Schumann jetzt unbedingt unter das Publikum bringen müsse: «Ich tue es zu meiner Freude und freue mich, wenn es dann die Leute ebenso erfreut.»

Oder macht es Schumann dem Publikum einfach nicht leicht genug? Es ist verschiedentlich bezeugt, dass seine Musik für die Zeitgenossen schwer verständlich war – zu modern –, weshalb sie im damaligen Konzertleben nur bedingt Fuss fassen konnte. Sind immer noch Nachwirkungen davon zu spüren? Haitink übersieht keineswegs das «Moderne» wie auch die Überraschungsmomente, etwa die zyklische Geschlossenheit der Gesamtarchitektur oder die «attacca» aufeinanderfolgenden Sätze. Doch er glaubt nicht, dass sich solche Kriterien pauschalisieren lassen oder gar der Grund dafür sind, dass Schumanns Sinfonien gegenüber denen eines Beethoven oder Brahms weniger Berücksichtigung im Konzertsaal fänden: «Gerade die Erste ist für ein Publikum doch spontan und beglückend zu hören. Allerdings lässt sich das von der Zweiten nicht sagen. So wunderbar diese Musik an sich ist, sie dringt in die tiefsten Bereiche des Unterbewussten. Persönlich habe ich mit der Dritten am meisten Schwierigkeiten, nicht mit dem Kopfsatz, aber mit der rheinischen, weinseligen Volkstümlichkeit (singt den dritten Satz) oder mit dem Choral. Die Vierte dagegen wühlt mich immer wieder auf. Sie drückt für mich Melancholie und Einsamkeit aus. Ein fesselnder Wurf ist hier der Übergang vom dritten Satz ins Finale.»

Doch gerade dieser spannungsvolle Abschnitt fehlt in der neuerdings immer wieder propagierten Erstfassung von 1841. «Ich kenne diese Version, offen gestanden, nicht sehr gut, hörte sie lediglich einmal und wurde damit nicht glücklich», formuliert Haitink seine Bedenken. «Wenn Schumann die erste Fassung befriedigt hätte, warum hat er dann eine zweite geschrieben? Bei jedem anderen Komponisten (ich denke etwa an Bruckner) verlässt man sich auf ‹das letzte Wort› und erachtet es als das gültige. Wieso in diesem Fall nicht? Die Spezialisten in Sachen Schumann mögen das besser wissen, aber ich frage mich manchmal, ob sie bloss um des ‹Neuen› oder ‹Anderen› willen für ihre philologischen Entdeckungen plädieren.»

Psychologische Grenzerkundungen
Nicht ohne Grund wird Schumanns Bindung zur Literatur hervorgehoben. Haitink macht keinen Hehl daraus, dass er selbst «keine engere Beziehung zur Dichtung jener Zeit» habe, beispielsweise zu E.T.A. Hoffmann oder Jean Paul. «Auch wenn diese Schriftsteller Schumanns Musik zweifelsfrei beeinflusst haben – literarische Figuren wie Kapellmeister Kreisler etwa, Gestalten aus den Romanen Jean Pauls –, so sehe ich darin nichts Entscheidendes für die Aufführungspraxis. Bestimmt gelangt man zu erweiterten An- und Einsichten, wenn man ein Leben lang tiefer nach den Hintergründen von Schumanns Welt forscht, als ich es tun konnte. Man müsste dann aber auch dem Publikum nahelegen, sich diese Literatur anzueignen. Dies scheint mir ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, da sie für die meisten in weite Fernen gerückt ist. Der aufmerksame Hörer nimmt jedoch wahr, in welchen Bereichen sich eine Musik bewegt, welche Gefühle sie ausdrückt: selige, traurige, konfliktbeladene, melancholische usw. Der Ton an sich ist ja nie ‹literarisch›, ‹katholisch›, ‹neurotisch› oder ‹fröhlich›. Meinetwegen kann man mich als Barbaren verurteilen, wenn ich dieses Kriterium nicht als entscheidend einstufe. Und selbstverständlich werden jene Leser, die sich durch eine Jean Paul-Lektüre in den Geist der Zeit vertiefen, dies gewinnbringend tun. Aber in meinen Augen ist es keine conditio sine qua non.»

Auf die Frage, ob die «Entdeckung» von Schuberts Grosser C-Dur-Sinfonie Schumanns eigenes sinfonisches Schaffen inspiriert habe – Schumann erhielt das Autograph von Schuberts Bruder Ferdinand anlässlich eines Wien-Aufenthalts 1839 und sorgte anschliessend dafür, dass Mendelssohn das Werk in Leipzig uraufführte –, antwortet Haitink: «Das mag sein, denn Schubert ist beileibe keine schlechte Nachbarschaft! Jedenfalls war Schumanns Weg zur Sinfonie – wie bei Brahms übrigens auch – beschwerlich. Das Schreiben einer Sinfonie galt damals als Klimax des Kompositionshandwerks.» Im Zusammenhang mit Schuberts Grosser verweist Haitink auf den genialen Musikschriftsteller Schumann: «Sein Essay über diese Sinfonie ist wunderbar.» Möglich, dass er dabei an Schumanns Äusserung denkt, in dieser Musik seien «alle Ideale meines Lebens» aufgegangen, oder an seine briefliche Nachricht an seine Verlobte Clara nach den ersten Proben: «Ich war ganz glücklich und wünschte nichts, als Du wärest meine Frau und ich könnte auch solche Symphonien schreiben.»

Auf persönliche Vorlieben angesprochen, lässt Haitink durchblicken, er liebe alle vier Sinfonien gleichermassen; besonders nah lägen ihm wohl die Erste und die Zweite. Im Rahmen des Festivalthemas «Psyche» sei die C-Dur-Sinfonie (Nr. 2) mit ihren obsessiven Zügen die interessanteste. Exemplarisch verweist Haitink auf das fast zwanghafte Festhalten an der punktierten Quinte und zitiert den an psychischen Abgründen stehenden Schumann, der bei Kompositionsbeginn bemerkt hatte: «In mir trompetet und paukt es». Auch nimmt die Zweite für Haitink eine Schlüsselstellung in Schumanns Œuvre ein: «Diese Sinfonie verweist auf das Spätwerk, das leider immer noch sträflich vernachlässigt und vom grossen Publikum kaum wahrgenommen wird. Ich muss mich selbst an die Nase fassen, denn das Violinkonzert hatte ich mir bislang noch nicht zu eigen gemacht. Ich habe dieses Werk in nächster Zeit erst einmal zu erarbeiten, deshalb kann ich im Augenblick noch nichts darüber sagen. Aber es freut mich ungemein, dass ich es mit Isabelle Faust präsentieren darf; ich kann mir vorstellen, dass diese ausgezeichnete Geigerin das Opus auch intellektuell versteht. Auch bezüglich Ouvertüre, Scherzo und Finale op. 52 muss ich beichten, dieses Werk noch nicht zu kennen. Nach meiner Rückkehr aus Amerika, wo ich im Mai das New York Philharmonic dirigiere, wird es zuoberst auf meinem Schreibtisch liegen.»

Am Ende unseres Gesprächs konfrontiere ich Bernard Haitink mit einem Zitat aus Dagmar Hoffmann-Axthelms Buch Robert Schumann. Glücklichsein und tiefe Einsamkeit, das auf die zögerliche Rezeption des Spätwerks eingeht. Darin heisst es: «Wer Schumann ‹auf der Grenze› zuhören möchte im Vertrauen darauf, dass er auch von dorther noch etwas Wesentliches mitzuteilen hat, der darf die eigenen Grenzen nicht zu eng ziehen.» Nach zweimaligem Lesen meint Haitink lakonisch: «Interessant (lange Pause) … die eigenen Grenzen sehen – ein gutes Schlusswort.»

Erich Singer

Der Autor: Erich Singer, geboren 1943 in der Ostschweiz, war zunächst Dirigent und Orchestermusiker in Basel, Musikpädagoge in Luzern und Geschäftsführer von Konzertagenturen. Fast dreissig Jahre lang war er in künstlerisch-dramaturgischen Bereichen sowie als Leiter der Redaktion für LUCERNE FESTIVAL tätig; seit 2006 arbeitet er als freischaffender Redaktor und veröffentlichte im April 2014 eine grosse, reich illustrierte Dokumentation über die Geschichte des Festivals.

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3 Antworten auf «Ich tue es zu meiner Freude». Bernard Haitink über seinen Luzerner Schumann-Zyklus

  1. Sehr geehrter Herr Singer,

    Ihr Gespräch mit Bernard Haitink ist ein wunderbarer Beitrag zum Schumann-Verständnis! Als ich Anfang des Jahres vom geplanten Schumann-Zyklus beim Lucerne Festival gelesen habe, war ich entzückt und habe es natürlich auch gleich in der Rubrik “Aktuelles” auf http://www.schumannportal.de angekündigt.
    Das Gespräch betreffend hätte ich eine konkrete Bitte. Würden Sie mir die Abdruckerlaubnis bzw. Veröffentlichung des Gesprächs im kommenden Schumann-Journal 4/2015 erlauben, das im Februar 2015 erscheinen wird? Das wäre ganz toll. Bisher hatten wir dort u.a. ein Gespräch mit Christian Gerhaher, mit Marina Baranova, mit Harnoncourt (das war z.B. ein erlaubter Nachdruck eines im Rhein. Merkur erst veröff. Gesprächs) und Heinz Holliger. Die bisher erschienenen Journale 1-3 sind als PDF ebenfalls unter http://www.schumannportal.de auf der Sonderseite Schumann-Journal abrufbar. Vielen Dank auch für den Hinweis auf die Ausstrahlung am 8.9., die ich mir nicht entgehen lassen werde.

    Freundlichst grüßend, Ihre Ingrid Bodsch
    Direktorin StadtMuseum Bonn und Projektleiterin des Schumann-Netzwerks

  2. LUCERNE FESTIVAL sagt:

    Liebe Frau Strobel,
    herzlichen Dank für Ihre nette Rückmeldung! Verfolgen Sie unseren Blog gerne weiter: Es wird immer wieder Beiträge von Erich Singer geben und sicherlich auch über Bernard Haitink geben. Der dritte und letzte Teil von Bernard Haitinks Luzerner Schumann-Zyklus, der morgen zur Aufführung gelangt, wird übrigens am 8. September 2014, 20.00 Uhr, von Radio SRF 2 Kultur nochmals ausgestrahlt. So können Sie nachträglich dabei sein, auch wenn Sie kein Konzertticket besitzen.
    Ihre LUCERNE FESTIVAL Redaktion

  3. Strobel Paris sagt:

    Wunderbar geschrieben. Ich war jahrelang in’s Festival gekommen, dank meiner damaligen Freundin Verena Reinle. Alles Gute zum lucernefestival und hoffe andere Mitteilungen von Ihnen zu lesen. Hedwig

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