«Es scheint, als ob wir mit einer höheren Realität verbunden seien.» Fragen an Daniil Trifonov zum Festivalthema «Psyche»

Daniil Trifonov (Foto: Dario Acosta)

Daniil Trifonov (Foto: Dario Acosta)

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Als ich fünf Jahre alt war, erlebte ich die Uraufführung einer Sinfonie meines Vaters, die er als Examensarbeit am Konservatorium geschrieben hatte, wo er Komposition studierte. Das regte mich dazu an, in den Kosmos der Musik einzutauchen, und ich begann, viele Werke der Klassischen Musik zu hören, vor allem Mozart. Und ich entdeckte das Klavier, dieses Zauberinstrument, das für mich damals so viele Geheimnisse barg (bis heute ist das so geblieben). Als ich dann auch noch anfing, selbst kleine Stück zu komponieren, entschieden meine Eltern, mich auf eine Musikschule zu schicken.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Vermutlich geschah das, als ich dreizehn Jahre alt war. Es war ein Wintertag, ich ging zum Klavierunterricht und rutschte auf dem eisigen Boden aus; dabei landete ich so unglücklich, dass ich mir einen Arm brach. Drei Wochen lang musste ich einen Gips tragen und konnte während dieser Zeit nicht Klavier spielen. Da wurde mir mit einem Mal bewusst, welche Stellung das Klavier in meinem Leben einnahm. Und die Glücksgefühle, die ich empfand, als mir der Gips wieder abgenommen wurde, sind mir unvergesslich. Zwei Wochen später trat ich schon im Konzert auf.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Den Anfang von Prokofjews Zweitem Klavierkonzert. Er ist nicht nur traurig, er markiert das Ende der Welt und bietet die tragischsten, zerrissensten und kraftlosesten Klänge, die ein Komponist sich ausdenken kann.

Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Skrjabins Poème d l’Extase! Diese Musik erhebt den Geist und leitet ihn durch das Universum – es ist die Erfahrung einer «anderen Welt».

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Wenn Sie sich ganz auf die Musik konzentrieren, wenn Sie versuchen, so weit in sie einzudringen, dass Sie nichts mehr um sich herum wahrnehmen, dann ergreifen die Werke, die Sie spielen, von Ihnen Besitz, und es werden erstaunliche physische und psychische Möglichkeiten freigesetzt – wohlgemerkt nicht vor, sondern während der Aufführung. Es scheint, als ob wir dann mit einer höheren Realität verbunden seien. Das kann übrigens auch beim Komponieren der Fall sein, wenn sich plötzlich neue Ideen eröffnen und einen weiterführen.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Ganz sicher, es ist die grundlegende Aufgabe für jeden Musiker, diese Identifikation mit den Werken, an denen er arbeitet, zu erreichen. Die meisten Zeit des Übens sollte Experimenten auf diesem Feld gewidmet sein.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Ja, aber richtiger wäre zu sagen, dass sie nach Art der asiatischen Medizin auf Leib und Seele einwirkt … 

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Es gibt Myriaden solcher Beispiele, aber fast keines davon stammt auf dem Bereich der Klassischen Musik.

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Gehen wir einmal davon aus, dass Musik immer erst durch die Instanz des Künstlers entsteht, sei es ein Interpret oder der Komponist. Deshalb diktiert die mentale Verfassung des Künstlers auch seinen Umgang mit dem musikalischen Material. Viele der grossen Komponisten waren spezielle Persönlichkeiten – und wenn wir von der Musik Robert Schumanns, Hugo Wolfs oder auch Aleksandr Skrjabins sprechen, dann spiegeln ihre Werke häufig auch ihre «neurotischen» Züge.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Das kann jedes sein, wenn es schlecht aufgeführt wird.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Ständig, es ist eher die Ausnahme, wenn es einmal nicht passiert.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Die wichtigste Wirkung der Musik würde ich folgendermassen auf den Punkt bringen: Musik verbindet!

Am 31. August gastiert Daniil Trifonov mit dem Mariinsky Orchestra unter Valery Gergiev bei LUCERNE FESTIVAL und interpretiert Chopins Zweites Klavierkonzert.

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