«Genie hat doch nur der deutsche Händel und Seb. Bach gehabt.» Fragen an Ludwig van Beethoven zum Festivalthema «Psyche»

 

Ludwig van Beethoven am Klavier

Ludwig van Beethoven am Klavier

LUCERNE FESTIVAL steht 2014 unter dem Motto «Psyche»: Die Macht der Musik ihre tiefe, heilsame oder auch manipulative Wirkung auf die Seele des Menschen – ist der rote Faden, der sich durch die Konzerte zieht. Wir haben Künstler dieses Sommers um Auskunft gebeten, wie sich die Musik in ihr Leben eingemischt hat, welche Werke sie im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht. Ludwig van Beethoven war so grosszügig, seine Antworten bereits vorausschauend zu geben, noch bevor er unsere Fragen kannte.

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Seit meinem vierten Jahre begann die Musik die erste meiner jugendlichen Beschäftigungen zu werden. So frühe mit der holden Muse bekannt, die meine Seele zu reinen Harmonien stimmte, gewann ich sie, und wie mir’s oft wohl deuchte, sie mich wieder lieb.

Welche Motive führten zu Ihrem Wunsch, Musiker zu werden?
Nie, von meiner ersten Kindheit an, liess sich mein Eifer, der armen leidenden Menschheit mit meiner Kunst zu dienen, mit etwas anderem abfinden. Höheres gibt es nichts, als der Gottheit sich mehr als andere Menschen nähern und von hier aus die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht verbreiten.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Werken?
Allein Freiheit, Weitergehen ist in der Kunstwelt, wie in der ganzen grossen Schöpfung Zweck. Wahre Kunst ist eigensinnig, lässt sich nicht in schmeichelnde Formen zwängen.

Was war für Sie die folgenreichste Hörerfahrung Ihres Lebens?
Welche Demütigung, wenn jemand neben mir stund und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte oder jemand den Hirten singen hörte, und ich auch nichts hörte; solche Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung, es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück, ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte.

Welche psychologischen Tricks ergreifen Sie, um Ihr Gehörleiden zu lindern?
Mein Dekret: nur im Lande bleiben. Mein unglückseliges Gehört plagt mich hier nicht. Ist es doch, als ob jeder Baum zu mir spräche auf dem Lande: heilig, heilig! Süsse Stille des Waldes. Ein Bauerngut, dann entfliehst du deinem Elend.

Welche Rolle spielen äussere Erfahrungen und Begegnungen, spielt die Seelenverfassung für die kreative Arbeit und Inspiration?
Hätte ich solche Zeit mit Bettina von Arnim verbringen können wie der Goethe, das glauben Sie mir, ich hätte noch viel, viel mehr Grosses hervorgebracht. Ein Musiker ist auch ein Dichter, er kann sich auch durch ein Paar Augen plötzlich in eine schönere Welt versetzt fühlen. Was kam mir nicht allen im Sinn, wie ich Bettina von Arnim kennen lernte, auf der kleinen Sternwarte, während dem herrlichen Mairegen, der war ganz fruchtbar auch für mich. Die schönsten Themas schlüpften damals aus ihren Blicken in mein Herz, die einst die Welt noch entzücken sollen, wenn der Beethoven nicht mehr dirigiert.

Und wie steht es mit dem Publikum: Sollten die Hörer auch seelisch ergriffen sein?
Dem Goethe habe ich meine Meinung gesagt, wie der Beifall auf unsereinen wirkt, und dass man von seinesgleichen mit dem Verstand gehört sein will. Rührung passt nur für Frauenzimmer, dem Manne muss Musik Feuer aus dem Geist schlagen.

Glauben Sie, dass Ihre Musik auch wie Medizin auf Leib und Seele wirken kann?
Mir ist gar nicht bange um meine Musik, die kann kein böses Schicksal haben; wem sie sich verständlich macht, der muss frei werden von all dem Elend, womit sich die anderen schleppen.

Gibt es Musik Ihrer Zeitgenossen, die Sie erbost oder krank macht?
Der Hass dehnt sich selbst zurück auf diejenigen, die ihn hegen. Gegen alle Menschen äusserlich nie die Verachtung merken lassen, die sie verdienen, denn man kann nicht wissen, wo man sie braucht.

Und wie sieht es mit den grossen Komponisten der Vergangenheit aus?
Ich war in Wien, um aus der Bibliothek Ihrer Kaiserlichen Hoheit das mir Tauglichste auszusuchen. Genie hat doch nur unter ihnen der deutsche Händel und Seb. Bach gehabt.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
So viel will ich euch sagen, dass ihr mich nur recht gross wiedersehen werdet, nicht als Künstler sollt ihr mich grösser, sondern auch als Mensch sollt ihr mich besser vollkommener finden, und ist dann der Wohlstand etwas besser in unsrem Vaterlande, dann soll meine Kunst sich nur zum Besten der Armen zeigen, o glückseliger Augenblick, wie glücklich halte ich mich, dass ich dich herbeischaffen, dich selbst schaffen kann.

Beethovens Antworten entnahmen wir seinen Briefen, Skizzenbüchern und dem «Heiligenstädter Testament». Zusammenstellung: Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL

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