«Schon das Einstimmen der Instrumente setzte mich in mystische Aufregung.» Fragen an Richard Wagner zum Festivalthema «Psyche»

23_SK23_Wagner_cmsLUCERNE FESTIVAL steht 2014 unter dem Motto «Psyche»: Die Macht der Musik – ihre tiefe, heilsame oder auch manipulative Wirkung auf die Seele des Menschen – ist der rote Faden, der sich durch die Konzerte zieht. Wir haben Künstler dieses Sommers um Auskunft gebeten, wie sich die Musik in ihr Leben eingemischt hat, welche Werke sie im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht. Richard Wagner war so grosszügig, seine Antworten bereits vorausschauend zu geben, noch bevor er unsere Fragen kannte. Unterstützt wurde er dabei von Gattin Cosima, die sich immer wieder beherzt in das Gespräch einmischte …

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
R.W.: Am wichtigsten wurde mir die Blechmusik eines in Eisleben garnisonierenden Husarenregimentes. Ein von ihr häufig gespieltes Stück erweckte damals, 1821, als Neuigkeit unerhörtes Aufsehen: es war der «Jägerchor» aus dem Freischütz, welche Oper soeben in Berlin zur Aufführung gekommen war. Onkel und Bruder frugen mich lebhaft nach dem Komponisten, den ich in Dresden als Kapellmeister Weber doch gewiss im Hause der Eltern gesehen haben müsste. Zu gleicher Zeit ward in einer befreundeten Familie von den Töchtern der «Jungfernkranz» eifrig gespielt und gesungen. Diese beiden Stücke verdrängten nun bei mir meine Vorliebe für den Ypsilanti-Walzer, der mir bis dahin als das wunderbarste Tonstück galt.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
R.W.: Das zauberische Behagen, welches mir die Anhörung des Orchesters in unmittelbarster Nähe erweckte, ist mir noch jetzt in wollüstiger Erinnerung. Schon das Einstimmen der Instrumente setzte mich in mystische Aufregung: ich entsinne mich, dass namentlich das Anstreichen der Quinten auf der Violine mir wie Begrüssung aus der Geisterwelt dünkte. Das langgehaltene A der Oboe, welches die übrigen Instrumente gleichsam wie eine Geistermahnung wachruft, verfehlte nie, alle meine Nerven in fieberhafte Spannung zu bringen; und wenn nun das anschwellende C der Freischütz-Ouvertüre mir ankündigte, dass ich unmittelbar, wie mit beiden Füssen, in das Zauberreich des Grauens eingetreten sei, so hätte wohl, wer mich damals beobachtete, gewahr werden müssen, welche Bewandtnis es trotz meinem greulichen Klavierspielen mit mir hatte.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
C.W.: Das maurische Ständchen aus der Entführung von Mozart ist seit einigen Tagen unser Lieblingsstückchen, ich singe es unserem Sohn Fidi, Richard spielt es und freut sich der ungeheuren Genialität dieser Erfindung.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
R.W.: Beethovens Streichquartett cis-Moll op. 131 … Das Adagio: Schwermütige Morgenandacht eines tiefleidenden Gemütes. Und das Finale: Übergang zur Resignation. Schmerzlichstes Entsagen.

Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
R.W.: Gewiss dürfen wir die A dur-Symphonie Beethovens als das Heiterste bezeichnen, was je eine Kunst hervorgebracht hat: können wir uns aber den Genius dieses Werkes anders als in begeisterter Entzückung vor uns aufschwebend vorstellen? Hier wird ein Dionysosfest gefeiert, wie nur nach unsren idealsten Annahmen der Grieche es je gefeiert haben kann.

Gibt es Musik, vor deren Aufführung Sie zurückschrecken?
C.W.: Richard sagt, namentlich Fragmente aus seinen Werken seien ihm widerwärtig aufzuführen.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
R.W.: Meine besten Anleitungen in betreff des Tempos und des Vortrages Beethovenscher Musik entnahm ich einst dem seelenvoll sicher akzentuierten Gesange der grossen Schröder-Devrient [die deutsche Sopranistin Wilhelmine Schröder-Devrient (1804–1860)]; aus diesem rührend ergreifenden Eindrucke ging mir ein belebendes neues Verständnis auf.

Gibt es Musik, die Sie krank macht?
C.W.: Neulich brachte Hans Richter das Gespräch auf Gounod, welches uns denn eine fürchterliche Musikliteratur durchwandern liess, den Faust, Meyerbeers Prophet und Hugenotten, Bellini, Donizetti, Rossini, Verdi, alles hintereinander, mir wurde physisch übel. Richard wurde es auch zu arg und er bat Richter aufzuhören, nachdem dieser ihm zu beweisen gesucht, dass Verdi nicht schlechter als Donizetti war.

Umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
R.W.: Eine Melodie, was ist das für ein göttliches, alles in Reinheit hüllendes, alles adelndes Wesen, wenn eine solche erklingt, so ist es, als ob bis dahin nichts gewesen, erst da alles zu atmen begänne.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
C.W.: Vom Fidelio sagt Richard, die absolute Bewunderung desselben sei eine grosse Lüge. Der Fidelio sei des Komponisten der Symphonien nicht würdig, trotz herrlicher Einzelheiten.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
R.W.: Ich kann den Geist der Musik nicht anders fassen, als in der Liebe.

Die Antworten stammen aus Wagners «Mein Leben», aus seinen Schriften («Über das Dichten und Komponieren», «Über das Dirigieren» und «Eine Mitteilung an meine Freunde») sowie aus den Tagebüchern der Cosima Wagner. Ein herzlicher Dank an Egon Voss, den Herausgeber der Wagner-Gesamtausgabe, für die treffenden Zitate.

Ein Wagner-Höhepunkt des Luzerner Festspielsommers 2014: Am 31. August ist Klaus Florian Vogt, begleitet vom City of Birmingham Symphony Orchestra unter Andris Nelsons, mit Auszügen aus «Parsifal» und in seiner Paraderolle als Lohengrin zu erleben.

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, Sommer-Festival 2014: Die Macht der Musik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *