«Man ist Künstler, weil es eine innere Notwendigkeit gibt.» Fragen an Michael Barenboim zum Festivalthema «Psyche»

Michael Barenboim (Foto: Janine Escher)

Michael Barenboim (Foto: Janine Escher)

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Schwer zu sagen, immerhin bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der alle Musik gemacht haben. Mit Sicherheit dürfte der erste Kontakt also sehr, sehr früh gewesen sein, früher, als das Erinnerungsvermögen zurückreicht. Ein konkretes Ereignis fällt mir nicht ein.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Ich behaupte mal, das gibt es nicht. Man ist nicht Künstler, weil man sich dafür und gegen etwas anderes entschieden hat, sondern weil es eine innere Notwendigkeit gibt, die einem keine andere Wahl lässt. Wie schon Arnold Schönberg sagte: «Ich glaube, Kunst kommt nicht von können, sondern von müssen.»

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig? Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Wahrscheinlich ist die subjektive Empfindung nicht immer gleich, sondern hängt von der Tagesform ab, denn was einem heute traurig erscheint, kann im nächsten Moment genau das Gegenteil sein. Ich kann mich jedenfalls nicht entscheiden!

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Das Gefühl hatte ich noch nie! Ich habe aus ganz unterschiedlichen Gründen einige Werke nicht gespielt, aber dieses Motiv kam dabei nicht vor.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Wir Interpreten sind dazu da, um Ideen anderer, nämlich der Komponisten, zu transportieren, und das ist natürlich schwieriger, wenn man gar keinen Bezug zu diesen Ideen findet. Doch selbst wenn einem die Musik nicht gefällt, muss man versuchen, irgendeinen Zugang zu entdecken, sonst dürfte die Interpretation nicht wirklich gelingen.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Das sagt man immer über Mozart, dessen Musik oft als beruhigend bezeichnet wird, als etwas, das Balance und Ausgleich schafft. Ich finde, man wird damit Mozart nicht gerecht. Mozart ist zu gewagt, zu verrückt, zu bahnbrechend, um nur zu beruhigen!

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Es gibt Musik, mit der ich wenig anfangen kann. Vielleicht würde die mich krank machen, wenn ich sie zu lange hören müsste!

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Die Metamorphosen von Richard Strauss. Ich kann das nicht begründen, und es hat auch nichts mit der kompositorischen Qualität dieses Stücks zu tun. Aber das, was die meisten Menschen offenbar empfinden, wenn sie die Metamorphosen hören, kann ich ihnen nicht abgewinnen. Schade für mich!

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Jeder kennt das Phänomen des Ohrwurms. Und jeder hat es erlebt. Das kann mitunter ziemlich nervig sein. Man muss etwas nur oft oder lange genug hören, und schon ist es passiert! Interessanterweise kann mir das genauso gut bei Boulez wie bei Tschaikowsky passieren, es kommt nur auf die Häufigkeit des Hörens an.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
In einem Wort: ja! Aber ich urteile in diesem Fall auch nicht objektiv.

Michael Barenboim ist in diesem Sommer gleich dreimal bei LUCERNE FESTIVAL zu erleben: am 17. und 18. August als Konzertmeister des West-Eastern Divan Orchestra sowie am 1. September mit dem Jerusalem Chamber Music Festival Ensemble.  

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Eine Antwort auf «Man ist Künstler, weil es eine innere Notwendigkeit gibt.» Fragen an Michael Barenboim zum Festivalthema «Psyche»

  1. Dr. Alexander Rauch sagt:

    Michael B. in Leipzig im Mendelssohn-Saal zu hören´, war für uns das reinste Vergnügen. Weiter alles Gute, toi toi toi. und Grüße vom Vater eines noch jungen Geigers Emanuel R.

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