«Ich würde gerne alle Strauss-Opern einem Purgatorium überlassen.» Fragen an Igor Strawinsky zum Festivalthema «Psyche»

18_SK17_Strawinsky_cmsLUCERNE FESTIVAL steht 2014 unter dem Motto «Psyche»: Die Macht der Musik – ihre tiefe, heilsame oder auch manipulative Wirkung auf die Seele des Menschen – ist der rote Faden, der sich durch die Konzerte zieht. Wir haben Künstler dieses Sommers um Auskunft gebeten, wie sich die Musik in ihr Leben eingemischt hat, welche Werke sie im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht. Igor Strawinsky war so grosszügig, seine Antworten bereits vorausschauend zu geben, noch bevor er unsere Fragen kannte.

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Einer der ersten klanglichen Eindrücke, dessen ich mich entsinne, wird manchem vielleicht bizarr erscheinen. Es war auf dem Lande: Ein riesenhafter Bauer sass auf dem einen Ende eines Baumstamms. Er war stumm, aber er pflegte sehr laut mit der Zunge zu schnalzen, und alle Kinder – auch ich – fürchteten sich vor ihm. Schliesslich besiegte die Neugier die Angst, wir gingen näher an ihn heran, und er, um uns eine Freude zu machen, begann zu singen. Sein Lied bestand aus zwei Silben, sie hatten keinen Sinn, aber er stiess sie unglaublich geschickt hervor. Dieses Geleier begleitete er auf folgende Weise: Er drückte die rechte Handfläche gegen die linke Achselhöhle und bewegte den linken Arm sehr schnell auf und nieder. Dadurch brachte er unter seinem Hemd eine Reihe recht verdächtiger Töne hervor, die man euphemistisch als «Schmatzen» bezeichnen könnte. Mir bereitete das ein tolles Vergnügen, und nach Hause gekommen, versuchte ich mit grossem Eifer, diese Musik nachzuahmen.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Es war eine Galavorstellung zum fünfzigsten Jubiläum von Glinkas Ruslan und Ludmilla. Mein Vater sang den Farlaf, eine der schönsten Rollen seines Repertoires. Für mich war dies ein denkwürdiger Abend, nicht nur wegen der Erregung, in die mich die Musik versetzte, sondern weil ich das Glück hatte, im Foyer aus der Ferne Pjotr Iljitsch Tschaikowsky zu sehen, den vergötterten Liebling des russischen Publikums. Er war damals nach St. Petersburg gekommen, um sein neuestes Werk, die Symphonie pathétique, zum ersten Mal zu dirigieren. Vierzehn Tage später nahm mich meine Mutter mit in das Konzert, in dem die gleiche Sinfonie zum Gedächtnis des Meisters gespielt wurde, der in wenigen Tagen von der Cholera dahingerafft worden war. Von diesem Tage an wusste ich, dass ich Künstler und Musiker sei.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Den langsamen Satz aus Beethovens F-Dur-Quartett op. 135: Für mich ist er Trauermusik. Die zweite Variation jedenfalls ist ein Klagegesang, und in der elegischen vierten ist die Todesahnung unüberhörbar.

Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Ich spiele die englischen Virginalisten mit unerschöpflichem Vergnügen, ebenfalls die Couperin-Ausgabe von Brahms-Chrysander.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Dirigenten, Sänger, Pianisten, alle Virtuosen sollten immer wissen und sich einprägen: Wer nach dem verpflichtenden Titel eines Interpreten trachtet, muss vor allem eine Bedingung erfüllen: zunächst ein unfehlbarer Ausführender zu sein. Das Geheimnis der Vollkommenheit besteht vor allem in dem Respekt vor dem Gesetz, welches das Werk dem Ausführenden auferlegt.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Die späten Streichquartette Ludwig van Beethovens sind meine unumstösslichsten musikalischen Glaubensartikel (ihnen gehört, kürzer gesagt, meine Liebe, von allem anderen abgesehen), ich betrachte sie als so unentbehrlich für die Wege und Ziele der Kunst, wie es die (richtige) Temperatur fürs Leben ist.

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Ich würde gerne alle Strauss-Opern einem Purgatorium überlassen, das triumphierende Banalität bestraft. Ihre musikalische Substanz ist billig und armselig. Sie können einen Musiker heute nicht mehr interessieren. Und die jetzt so hochgehaltene Ariadne? Ich kann die Quartsext-Akkorde von Strauss nicht ertragen: Die Ariadne erweckt in mir den Wunsch zu kreischen.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Die Oper hat mich immer interessiert, während ich dem Musikdrama keinen Geschmack abgewinne und noch weniger daran glaube. Das Musikdrama kann keine Tradition schaffen. Es ist das totale Fehlen der Form. Es tut mir leid; aber ich behaupte, dass zum Beispiel in Verdis Arie «La donna è mobile» mehr Substanz und mehr wahre Erfindung steckt als in dem rhetorischen Redeschwall der Wagnerschen Nibelungen-Tetralogie.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Heute bringt das Radio zu jeder Tages- und Nachtstunde die Musik ins Haus. Das Radio erspart dem Hörer jede Mühe ausser dieser: einen Knopf zu drehen. Aber in der Musik wie in allen Dingen führt die Inaktivität nach und nach zur Gelenksteife, zur Schwächung der Fähigkeiten. Die Musik wird dann eine Art Rauschmittel, das anstatt den Geist anzuregen, ihn nur lähmt und verdummt.

Strawinskys Antworten entnahmen wir seinen «Chroniques de ma vie», den Vorlesungen an der Harvard University und den Gesprächen mit Robert Craft. Zusammenstellung: Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL

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