«Ich suche in allem immer nach dem ‹Chiaroscuro›.» Fragen an «artiste étoile» Barbara Hannigan zum Festivalthema «Psyche»

Dirigierende Sängerin - singende Dirigentin. Barbara Hannigan mit dem Mahler Chamber Orchestra bei einem Late-Night-Konzert (Foto: LUCERNE FESTIVAL/Priska Ketterer)

Dirigierende Sängerin – singende Dirigentin. Barbara Hannigan mit dem Mahler Chamber Orchestra bei einem Late-Night-Konzert (Foto: LUCERNE FESTIVAL/Priska Ketterer)

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Ich habe vier Geschwister und erinnere mich daran, wie uns als Kinder das Klavierspiel meiner Mutter in den Schlaf begleitete, wenn wir abends endlich alle im Bett lagen. Eine Komposition ist mir besonders im Gedächtnis haften geblieben: Händels Wassermusik, eines der Lieblingsstücke meiner Mutter.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Ich wusste immer, dass ich eine Art … Anführer sein wollte oder musste: Mit meiner Stimme zu führen, das wurde dann mein Medium. Meine Entscheidung, klassischen Gesang zu studieren (und nicht etwa Schauspielerei, ein Instrument oder irgendeinen anderen Gesangsstil), fiel, als ich 17 Jahre alt war. Ich besuchte seinerzeit in Toronto eine Hochschule für darstellende Künste, begann mit Komponisten zusammenzuarbeiten und wusste, dass Musik mein Leben sein würde.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Eigentlich suche ich in allem immer nach dem «Chiaroscuro», dem Helldunkel: nach der Wehmut im Glück und andersherum. So funktioniert eben meine Psyche. Ein Wort, das mir immer wieder in den Sinn kommt, weil es für mich so etwas wie Einsamkeit oder gar Verlorenheit inmitten einer Gruppe von Freunden bezeichnet, ist das Wort «schmerzlich» (poignant). Es entspricht der Trauer, die ich für andere fühle, die nicht jene Freude kennen, wie ich sie – dank vieler glücklicher Wendungen – in meinem Leben erfahren darf. Das übersetzt sich für mich in Musik. Zum Beispiel hat Mahlers Vierte Sinfonie für mich solch eine «schmerzliche» Qualität: Am Ende dieser Sinfonie soll ein Kind die «himmlischen Freuden» beschreiben. Für mich fühlt es sich so an, als wenn uns das Kind davon erzählt, wie perfekt im Himmel alles auf das Glück ausgerichtet ist – und wie es doch ein wenig abgeschreckt ist. So als würde es lieber zuhause mit seinen Geschwistern herumkabbeln anstatt allein im Paradies zu sein.

Und welches Werk erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Da fallen mir etliche Werke ein, beispielsweise die dritte Improvisation aus Pli selon pli von Pierre Boulez, die wir im vorletzten Sommer zusammen bei LUCERNE FESTIVAL aufgeführt haben. Es gibt da einen Abschnitt, in dem der Sopran gemeinsam mit der Flöte singt: die Farben und die Chemie zwischen den beiden – das ist schier überwältigend. Wie das Funkeln der Sonne auf dem Wasser.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Als Solistin bin ich eine Art Botschafterin der Musik, und zwar gemeinsam mit dem Orchester und dem Publikum: Wir alle sind Mitwirkende oder, wenn Sie so wollen, Zeugen einer tieferen Wahrheit. Diese Wahrheit lässt sich nicht benennen, weil es sich um die ganz persönliche Erfahrung jedes einzelnen handelt; und es ist auch unwichtig, sie zu benennen. Bei gewissen Werken spüre ich eine Verantwortung: Das können Stücke sein, die für mich geschrieben wurden, etwa let me tell you von Hans Abrahamsen, das ich im vergangenen Jahr mit den Berliner Philharmonikern uraufgeführt habe. Oder Stücke, bei denen ich Angst habe, dass sie missverstanden werden und die ich deshalb unterstützen und fördern muss, etwa Claude Viviers Lonely Child. Und dann ist da natürlich Bergs Lulu: Ich war innerlich sehr bewegt vor meinem Debut mit dieser Rolle, denn ich wusste, es würde mein Leben verändern, sie zu verkörpern – und es würde anschliessend keinen Weg zurück geben.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Ja, und das gilt vor allem für die Oper. Alle Rollen, die ich gestaltet habe, sind ganz fest in meiner Psyche verankert. Das ist eine Notwendigkeit für eine singende Schauspielerin. Lulu, die Marie aus Bernd Alois Zimmermanns Die Soldaten, die Agnes aus George Benjamins jüngstem Meisterwerk Written on Skin – sie alle sind in irgendeiner Weise ein Teil von mir. Aber das gilt auch für das Konzertrepertoire. Denn als Sängerin muss ich einen Text vermitteln, muss ihn mir so «einverleiben», wie ich die Noten ganz physisch meiner Stimme einverleiben muss. Ich führe deshalb keine Musik auf, zu der ich keine seelische Affinität spüre – und ich bin sehr glücklich, dass ich es mir leisten kann, wählerisch zu sein.

Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Bestimmte Arten aggressiver Musik ertrage ich nicht: Death Metal zum Beispiel oder laute Rhythmen, die den Hörer gewissermassen angreifen. Das ist einfach zu viel für mich.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Die Carmina Burana.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Ja, aber Sie werden mein Beispiel nicht erwarten: Ich erinnere mich, wie ich einmal ein paar Tage, nachdem ich Boulez’ Pli selon pli aufgeführt hatte, durch Zermatt spazierte und plötzlich die kompliziertesten Passagen dieser Partitur pfiff, als wären es bekannter Melodien.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Unbedingt. Immer wieder bin ich davon hingerissen, wie gerade grössere Ensembles zusammenarbeiten. Wo sonst in der Welt erfahren wir solch ein tiefes Einverständnis beim gemeinsamen Hören und Arbeiten im Zeichen der Schönheit?

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2 Antworten auf «Ich suche in allem immer nach dem ‹Chiaroscuro›.» Fragen an «artiste étoile» Barbara Hannigan zum Festivalthema «Psyche»

  1. Otto Furrer sagt:

    Solch mutige und vielseitig gebildete Frauen sollten noch weiterhin auftauchen.
    Viele Musikfreunde sind gespannt auf weitere Auftritte von Barbara Hannnigan.

  2. Heinz Kunz sagt:

    Was und wie Barbara Hannigan in diesem Interview aussagt, berührt mich durch die Ehrlichkeit, die man in ihren Worten spürt. Sie zeichnet sich darin als grosse musikalische Persönlichkeit aus

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