Über Bruno Schulz, Gustav Mahler und Pierre Boulez. Ein Gespräch mit «composer-in-residence» Johannes Maria Staud – Teil 2

Johannes Maria Staud in Luzern (Foto: LUCERNE FESTIVAL/Priska Ketterer)

Johannes Maria Staud in Luzern (Foto: LUCERNE FESTIVAL/Priska Ketterer)

Neben ihrer Oper «Die Antilope», die heute uraufgeführt wird, und ihrem Violinkonzert «Oskar (Towards a Brighter Hue II)», auf die wir bereits im ersten Teil unseres Gesprächs eingegangen sind, feiert in Luzern noch ein weiteres Werk Premiere: Ihr Orchesterdiptychon «Zimt», das erstmals vollständig erklingt.
Ja, und dieses Stück hat für wirklich einen ganz besonderen Stellenwert, weil es unter zwei Einflüssen steht. Es ist als zweiteiliger Orchesterzyklus angelegt, der aus On Comparative Meteorology und Contrebande besteht. Beide Teile wurden vom polnischen Autor und Zeichner Bruno Schulz inspiriert, der eine tragische Biographie aufweist und dessen künstlerischer Rang noch immer viel zu geringgeschätzt wird. Er hat Kurzgeschichten geschrieben, die man meiner Ansicht nach mit nichts vergleichen kann. Die beiden Teile von Zimt bestehen aus insgesamt zwölfeinhalb Miniaturen, und der zweite Teil – das zu betonen, ist mir sehr wichtig – ist im Auftrag von Pierre Boulez für das Ensemble Modern Orchestra entstanden. Boulez konnte allerdings damals die Uraufführung wegen einer Augenoperation nicht dirigieren. Es ist deshalb für mich eine besonders schöne Fügung, dass nun gerade hier in Luzern die erste Gesamtaufführung des Diptychons erklingt, und zwar mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra, das so eng mit Pierre Boulez verbunden ist. Auch die Koppelung mit Mahlers Vierter Sinfonie ist dramaturgisch gelungen, weil sich diese Sinfonie an ähnlichen Bildern – an einer Bildwelt aus dem Ostteil der K.-u.-k.-Monarchie, würde ich sagen – entzündet.

Was wussten Sie im Vorfeld über die Arbeit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY und wie schätzen Sie sie ein?
Das Besondere an LUCERNE FESTIVAL ist ja, dass die zeitgenössische Musik hier keine Randexistenz führt – ab und zu mal eine Uraufführung, weil sich ganz ohne Uraufführungen heute kein Festival mehr selbst definieren kann –, sondern ihre Integration eine Selbstverständlichkeit ist. Mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY wird sie, auch unter Marketinggesichtspunkten, sogar ins Zentrum gerückt. Dass in Luzern Sommer für Sommer so viele talentierte junge Interpretinnen und Interpreten zusammenkommen, bei den Konzerten anwesend sind und gemeinsam Werke des 20. und 21. Jahrhunderts einstudieren – orientiert an Vorbildern wie Claudio Abbado oder Pierre Boulez, die in einer Zeit, in der das keineswegs selbstverständlich war, exemplarisch für die Integration der zeitgenössischen Musik standen –, schafft eine ganz besondere Atmosphäre. Mir fällt ad hoc kein Festival mit dieser Geltung ein, das ein vergleichbares Engagement aufwiese. Insofern ist es eine grosse Freude für mich, hier als «composer-in-residence» zu wirken und die Proben zu besuchen, zumal ich einige Dozenten der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY persönlich kenne.

Wann sind Sie Pierre Boulez eigentlich zum ersten Mal begegnet?
Das ist lange her. Es war im Jahr 2000 bei einem Festkonzert für ihn im Wiener Konzerthaus, bei dem er eigene Werke, u. a. Rituel, dirigiert hat. Ich wurde ihm vorgestellt und war schon deshalb voller Ehrfurcht, weil er mich natürlich schon während meines Studiums als Komponist sehr beeindruckt hat. Ich habe seine Werke intensiv studiert, habe seine theoretischen Schriften gelesen und seine Aufnahmen der Sinfonien Gustav Mahlers gehört. Ich erwähne bewusst diese Aufnahmen, weil Pierre Boulez mit einem so analytischen Blick auf Mahler zugegangen ist wie kaum ein Dirigent vor ihm. Er hat das Intellektuelle bei Mahler nicht der Emotion – im Sinne einer falsch verstandenen Un-Präzision – untergeordnet. Seine Einspielungen der Siebten und Sechsten Sinfonie mit dem Cleveland Orchestra und den Wiener Philharmonikern beispielsweise sind unglaublich.

Er war auch einmal in einem Konzert, in dem mein Klaviertrio aufgeführt wurde, hat sich die Proben angehört und das Gespräch mit mir gesucht. Später bin ich ihm immer wieder begegnet, etwa bei einer Gesamtaufführung seines Klavierwerks, und irgendwann hat er meine Musik näher kennengelernt. Dann kam der Auftrag für Contrebande, den zweiten Teil von Zimt, sozusagen als eine persönliche Anfrage von ihm – das ist schon eine besondere Ehre für einen Komponisten. Wir haben uns in Paris, im IRCAM, regelmässig kurz gesehen, aber es wäre eine Übertreibung zu sagen, ich kenne ihn sehr gut. Und vor kurzem wurde ich angefragt, für ein Festkonzert zu seinen Ehren in der Pariser Cité de la musique ein kurzes Cellosolostück zu komponieren, was dann bei der Aufführung im kommenden März irgendwie in Boulez’ Messagesquisse mündet. Ich habe natürlich sofort zugesagt, auch weil Pierre Boulez schon so viel für meine Musik getan und mir viele Türen geöffnet hat.

Am 6. September präsentieren Matthias Pintscher und das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra die erste Gesamtaufführung von Johannes Maria Stauds Orchesterdiptychon «Zimt».

Das Gespräch führten Nina Steinhart und Katharina Schillen | Presse & Öffentlichkeitsarbeit LUCERNE FESTIVAL

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