«Wir Musiker müssen an die Werke glauben, damit ihre Botschaft das Publikum erreichen kann.» Fragen an Jean-Yves Thibaudet zum Festivalthema «Psyche»

Jean-Yves Thibaudet nach seinem Auftritt mit dem Chamber Orchestra of Europa unter Bernard Haitink, Luzern 2012 (Foto: Georg Anderhub / LUCERNE FESTIVAL)

Jean-Yves Thibaudet nach seinem Auftritt mit dem Chamber Orchestra of Europa unter Bernard Haitink, Luzern 2012 (Foto: Georg Anderhub / LUCERNE FESTIVAL)

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Es sind vor allem zwei Schallplatten, an die ich mich erinnern kann: Mendelssohns Violinkonzert mit Arthur Grumiaux als Solisten – meine Mutter liebte das ganz besonders und hat es sehr oft aufgelegt – und die Suiten aus Ravels Daphnis et Chloé. Ich muss damals noch sehr jung gewesen sein, vielleicht fünf Jahre alt, jedenfalls war es, bevor ich meinen ersten Unterricht am Konservatorium erhielt.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Als ich fünf und sieben Jahre alt war, haben mich meine Eltern zweimal mitgenommen zu Konzerten, die Arthur Rubinstein in Lyon gab. Beim zweiten Mal sind wir nach der Aufführung sogar hinter die Bühne gegangen und haben mit ihm eine Viertelstunde gesprochen. Rubinstein war für mich damals die aussergewöhnlichste Persönlichkeit, der ich jemals begegnet war. Nicht dass ich seine Leistung als Pianist schon wirklich hätte würdigen können, aber als Person ist er mir in unvergesslicher Erinnerung geblieben. Er war so freundlich, warmherzig, unverstellt und lieb zu mir; vor allem die überbordende Freude, die er beim Spielen und auch im Gespräch ausstrahlte, hat mich tief beeindruckt. Danach wusste ich, dass ich einmal genauso werden wollte wie dieser Mann. Und dass ich als Pianist um die ganze Welt reisen wollte.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Zuletzt ist es mir mehrfach passiert, dass ich in Orchesterkonzerten auftrat, deren zweite Hälfte jeweils der Pathétique von Tschaikowsky gewidmet war, mit ganz verschiedenen Dirigenten. Also habe ich diese Sinfonie gerade wieder sehr oft gehört, und ich muss sagen, sie ist eines der schmerzlichsten und herzergreifendsten Werke, die ich kenne. Vor allem im letzten Satz ist eine solche Qual zu spüren, dass es kaum auszuhalten ist – da zerbricht etwas. Und genau das dürfte es gewesen sein, was Tschaikowsky umtrieb, als er seine letzte Sinfonie komponierte.

Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Da fällt mir als allererstes Messiaens Turangalîla-Sinfonie ein! Sie bietet eine wahre Explosion der Freude, natürlich auf höchstem spirituellem Niveau. Aber man muss nicht einmal religiös sein und die ganzen mystischen Hintergründe kennen, die Messiaen zur Komposition anregten, um diese Freudigkeit mitzuempfinden – die Turangalîla-Sinfonie kann wirklich jeden berühren, ob gläubig oder nicht. Am Ende, wenn der zehnte und letzte Satz dieser 80-minütigen Sinfonie erreicht ist, fühle ich mich als Interpret wie ein Teil dieses gigantischen, kulminierenden Glückskosmos.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken? Und wenn ja, warum?
Nein, das passiert schon deshalb nicht, weil ich vor einer Aufführung völlig auf die Werke konzentriert bin und mich nicht anderen Gefühlen hingeben kann.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Wenn ich ein neues Werk lerne, das mir noch nicht sehr vertraut ist, dann will ich zunächst einmal so viel wie möglich über den Komponisten und die Entstehungshintergründe erfahren. Ob das mit Identifikation gleichzusetzen ist, weiss ich zwar nicht, aber ich glaube, dass man so tief wie möglich in die Gedankenwelt der Werke eintauchen sollte. Das ist ein bisschen wie bei Schauspielern, die sich in ihre Rollen finden müssen: Auch wir Musiker verkörpern die Stücke, die wir aufführen. Wir müssen an diese Werke glauben, damit ihre Botschaft das Publikum erreichen kann.

Glauben Sie an die heilsame Kraft der Musik?
Ich halte die Musik für eines der wirkungsvollsten Medikamente, die es gibt – nicht zufällig findet sie in vielen Therapien Anwendung. Die Musik hat eine geheimnisvolle Kraft, die vieles heilen kann, gerade wenn es Vorgänge im Gehirn betrifft. Ich habe Freunde, die Unfälle oder auch einen Schlaganfall erlitten haben und mir versichern, dass es vor allem die Musik gewesen sei, die sie wieder zurück ins Leben gebracht habe. Aber ganz unabhängig von medizinischen Aspekten: Musik hilft uns auch im täglichen Leben. Sie lässt uns lächeln, sie gibt uns Freude und Frieden, sie setzt die verschiedensten Gefühle frei.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Es gibt Stücke, die ich mag, und solche, die ich nicht mag. Aber selbst wenn ich ein Werk hassen sollte, lässt es mich ja nicht kalt …

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Keine Frage, all das trifft zu. Musik hat magische Kräfte.

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