«Haydns Sinfonien sind für mich der Inbegriff der Lebensfreude.» Fragen an Christina Landshamer zum Festivalthema «Psyche»

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
In unserer Familie ging es immer musikalisch zu: Es wurde viel gesungen, mehrstimmige bayerische Volkslieder und Gstanzl gehörten ebenso zu meinem Alltag wie die klassische Musik. Besonders beeindruckt war ich von meinem ersten Opernbesuch: Hänsel und Gretel in der Bayerischen Staatsoper. Den «Abendsegen» konnte ich auswendig, aber noch heute habe ich das Bild vor Augen, wie die Hexe über die Bühne fliegt, um dann kopfüber auf ihrem Besen von oben in den Kamin ihres Hauses zu tauchen – und das alles bei vollem Orchester!

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musikerin zu werden?
Ich kann nicht behaupten, dass es ein spezielles Ereignis gewesen wäre. Glücklicherweise hat auch niemand von mir eine Profikarriere erwartet. Im Gegenteil: Meine Eltern standen meinem Wunsch, Sängerin zu werden, äusserst skeptisch gegenüber und hofften wohl heimlich, dass ich mich doch noch für einen «normalen» Beruf entscheiden würde. Dieser Wunsch, ja diese Passion ist allmählich in mir gewachsen: Schon als Kind hat es mich sehr erfüllt, meine Gefühle durch Musik auszudrücken, und wahrscheinlich war es dann nur die logische Konsequenz, das Singen zu meinem Beruf zu machen.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Die Musik Gustav Mahlers durchzieht etwas Tieftrauriges: Seine Kindertotenlieder, das «Adagietto» aus der Fünften Sinfonie oder sein Fragment der Zehnten Sinfonie, um nur ein paar Werke zu nennen, spiegeln seine Zerrissenheit und seinen Seelenschmerz wider.

Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Jeder würde wohl erwarten, dass ich zuallererst ein Werk Mozarts, beispielsweise Così fan tutte, nennen würde. Mindestens so sehr begeistert mich aber der unglaubliche Humor, Einfallsreichtum und Esprit in der Musik Joseph Haydns. Seine Jahreszeiten, aber auch seine Sinfonien sind doch wahrlich der Inbegriff der Lebensfreude!

Christina Landshamer (Foto: Marco Borggreve)

Christina Landshamer (Foto: Marco Borggreve)

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Es gibt die unterschiedlichsten Gründe, vor der Aufführung bestimmter Kompositionen zurückzuschrecken. Ich finde es im Gegenteil aber gerade spannend, ein Werk aufzuführen, das mich psychisch stark bewegt. Denn ich erachte es als grosse Chance und Bereicherung, sich diesen Emotionen hingeben zu dürfen.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Selbstverständlich ist es dem Künstler immer ein Bedürfnis, tief in die Gefühlswelt eines Werks einzutauchen. Die Interpretation kann dabei auf sehr unterschiedliche Weise überzeugend gelingen, und ein Mittel hierfür kann die seelische Identifikation sein. Unabdingbar ist sie für mich jedoch keinesfalls.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Bach ist für mich Balsam für die Seele. Bachs Musik zu hören, aber auch zu singen, lässt mich immer wieder meine Mitte finden!

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
O ja, die gibt es, wobei ich das dann nicht mehr als Musik bezeichnen würde. Dauerbeschallung in Kaufhäusern, Eurovision-Song-Contest-Gedudel oder sinnloses, lautes Kopfschmerzgewummere … Das macht mich krank.

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Diagnostizieren kann ich nicht; ich bin ja kein Arzt. Aber glücklicherweise gab und gibt es Komponisten, die gerade durch diese «Eigen»-Arten so wunderbar Geniales schaffen konnten.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Ich bin kein Freund von Operetten à la Ball im Savoy.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Dem kann man sich kaum entziehen. Es sind nicht nur die Ohrwürmer … Man denke nur an eine Opernproduktion: Im Laufe der Probenarbeit schaffen wir Kollegen es untereinander tatsächlich, früher oder später auch sämtliche Privatgespräche mit Rezitativzitaten zu führen.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Zum Menschsein gehört Musik: Musik rüttelt wach, bewegt, sensibilisiert. Ich finde es wichtig, dass jeder die Chance erhält, mit Musik in Berührung zu kommen. Ob der Mensch dadurch aber wirklich «besser» wird?

Heute, am 7. September , ist die Sopranistin Christina Landshamer mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Alan Gilbert und Beethovens Neunter Sinfonie bei LUCERNE FESTIVAL zu erleben. 

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