«Als ich erstmals Mahler singen durfte, habe ich Freudentränen vergossen.» Fragen an Gerhild Romberger zum Festivalthema «Psyche»

Gerhild Romberger interpretiert Mahlers Urlicht (mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Alan Gilbert), 2014 (Foto: Georg Anderhub/LUCERNE FESTIVAL)

Gerhild Romberger interpretiert Mahlers Urlicht (mit dem Gewandhausorchester Leipzig unter Alan Gilbert), 2014 (Foto: Georg Anderhub/LUCERNE FESTIVAL)

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Das Singen im Familienkreis. Das haben meine Eltern – beide keine professionellen Musiker, aber überaus musikbegeistert und im Chor aktiv – mit uns fünf Kindern regelmässig gepflegt. Ich hatte deshalb schon früh eine grosse Affinität zum Singen.

Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musikerin zu werden?
Ein konkretes Schlüsselerlebnis gab es nicht, doch ich wusste schon als 9- oder 10-Jährige, dass ich etwas mit Musik machen wollte. Im Alter von fünf habe ich angefangen, Klavier zu spielen, allerdings ohne Noten, rein nach Gehör. Erst mit zehn erhielt ich regulären Klavierunterricht, später habe ich im Chor gesungen. Dabei hat mich unsere Chorleiterin – ich bezeichne sie als meine «musikalische Mama» – sehr gefördert und schon als 14-Jährige Solopartien singen lassen. Ich habe dann zwar zunächst Schulmusik und Germanistik studiert … aber eigentlich gab es keine Alternative zur Sängerlaufbahn.

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Mahlers Kindertotenlieder fallen mir hier als erstes ein. Dann natürlich Tschaikowskys Sechste, und auch Brahms’ Sinfonien, etwa seine Dritte, weisen viele sehr traurige Stellen auf, nicht zu vergessen seine Lieder. Das «Wirtshaus» aus Schuberts Winterreise ist ebenfalls todtraurig.

Und welches erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Ganz vieles von Mozart, aber auch von Mahler, vor allem seine Wunderhorn-Lieder. Und ausserhalb der Klassik empfinde ich südamerikanische Musik und Tango als ausgesprochen lebensfroh.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Da muss ich noch einmal auf die Kindertotenlieder zurückkommen, die ich schon früh im Studium erarbeitet habe. Aber es ging nicht: Immer musste ich weinen, wenn ich sie sang. Es hat lange Jahre gedauert, bis ich sie endlich öffentlich aufgeführt habe, erstmals vier Wochen nach dem Tod meines Vaters: In den Proben hatte ich immer noch grosse Schwierigkeiten, aber im Konzert war es mir dann möglich, die fünf Lieder zu interpretieren. Ich glaube, dass solche Hemmungen, ein Werk aufzuführen, viel mit der eigenen Lebenserfahrung zu tun haben: mit Erlebnissen und Erinnerungen, die durch die Musik lebendig werden. Drastisch ausgedrückt: Wenn eines meiner drei Kinder sterben würde, wäre es mir sicherlich nicht mehr möglich, die Kindertotenlieder zu singen.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Man muss den Mittelweg finden: Emotionen bleiben – gerade beim Singen, denn die Stimme ist ja das persönlichste aller Instrumente – nicht aus und gehören auch dazu. Man muss sie allerdings umwandeln können und dadurch eine gewisse Distanz schaffen. Ich vermute, dass diese Distanznahme in der Oper, wo der Sänger in eine Rolle schlüpft, leichter fällt als im Konzert- und Liedgesang.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Ja, Bach und Mahler. Bach wirkt wirklich wie Medizin, er kann eine beruhigende Wirkung haben. Bei Mahler ist es eher das tiefe Erleben, meine tiefe Verbundenheit mit seiner Musik: Ich wollte schon immer Mahler singen, und als ich als Studentin dann erstmals seine Lieder erarbeiten durfte, habe ich Freudentränen vergossen! Herbert Blomstedt hat mir einmal ein sehr schönes Kompliment gemacht, als er sagte, ich sei auf die Welt gekommen, um das Urlicht [aus Mahlers Zweiter Sinfonie, Anm. d. Red.] zu singen.

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Da fällt mir Techno ein. Mein jüngster Sohn hört das ab und zu. Meine Abneigung liegt wohl an diesem wummernden Bass, der direkt auf unsere Herzfrequenz einwirkt.

Und noch einmal anders gefragt: Würden Sie bei bestimmten Kompositionen neurotische oder psychotische Eigenarten «diagnostizieren»?
Da muss man sich nur einmal das Leben Schumanns anschauen! Es gibt ja zahlreiche Komponisten am Rande zum Wahnsinn oder mit selbstmörderischen Zügen. Aber ob man neurotische Qualitäten direkt aus der Musik ableiten, ja «diagnostizieren» kann? Da habe ich meine Zweifel.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Lortzing. Wobei ich die Operette durchaus mag, nur eben diese Richtung nicht. Wenn ich Lortzing mit meinen Studenten erarbeite (er zählt ja zum Repertoire), dann berührt mich das überhaupt nicht.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Ständig. Vor allem wenn ich vom Unterricht komme, geistern mir die dort behandelten Werke im Kopf herum. Aber das stört mich nicht, und wenn ich dann meine eigenen Programme einstudiere, ist es auch gleich wieder weg.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Auf jeden Fall. Ich habe selbst erfahren, wie mich die Musik in schwierigen Situationen aufgefangen hat, und auch von Hörern bekomme ich manchmal die Rückmeldung, sie hätten ein Konzert mit mir besucht und es sei ihnen anschliessend viel besser gegangen. Das macht mich natürlich sehr glücklich! Auch bei meinen Kindern habe ich verfolgen können, dass Musik ausgeglichener und empfindsamer macht. Man wird zwar durch die Musik nicht grundsätzlich empfindungsfähiger als andere, aber man lernt, Empfindungen zuzulassen und auszuhalten – was gerade in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich ist. Ein anderer Aspekt, über den eine meiner Studentinnen ihre Abschlussarbeit geschrieben hat, wäre Musik für alte Menschen, denn in diesem Bereich – etwa in Seniorenheimen – wird sie ja sehr erfolgreich eingesetzt. Übrigens wird auch der bereits erwähnte Techno seine Auswirkung haben, allerdings vielleicht in eine andere Richtung.

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, Sommer-Festival 2014: Die Macht der Musik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *