«Musik unterstützt die Art und Weise, wie wir mit Gefühlen umgehen und sie verstehen.» Fragen an den Intendanten Michael Haefliger zum Festival-Thema «Psyche»

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Das war die Zauberflöte: an der Deutschen Oper in Berlin, mit meinem Vater als Tamino. Ich muss damals ungefähr vier Jahre alt gewesen sein. Das hat mich schon sehr beeindruckt.

Vor Ihrer Zeit als Intendant in Davos und Luzern waren Sie als Geiger aktiv. Welches musikalische Schlüsselerlebnis löste Ihren Wunsch aus, Musiker zu werden?
Auch hier eine klare Antwort: Beethovens Violinkonzert mit Yehudi Menuhin. Das war kein Konzerterlebnis, sondern ich habe es auf Schallplatte gehört. Wer der Dirigent war, weiss ich nicht mehr. Vielleicht Otto Klemperer? Auch kann ich mich nicht mehr genau erinnern, ob ich zu dieser Zeit schon gegeigt habe. Aber danach wollte ich es unbedingt – diese Aufnahme hat mich unglaublich motiviert!

Welches Werk oder welche Werke empfinden Sie als todtraurig?
Den letzten Satz aus Mahlers Neunter Sinfonie, das ist wirklich sehr traurig. Ich erinnere mich an eine Aufführung mit Georg Solti und dem Chicago Symphony Orchestra in New York, in der Carnegie Hall. Ich war 18 oder 19 Jahre alt. Im Anschluss an das Konzert hatte ich die Möglichkeit, in den Backstage-Bereich zu gehen: Solti war ganz aufgelöst, hat mir von der Sinfonie und ihren biographischen Hintergründen erzählt. Und sonst? Sicherlich noch Schuberts Streichquartett Der Tod und das Mädchen.

Michael Haefliger (Foto: Marco Borggreve)

Michael Haefliger (Foto: Marco Borggreve)

Und welches Werk erscheint Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Beethovens Siebte Sinfonie. Und unbedingt auch Figaros Hochzeit.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
Ja, unbedingt. Denn die seelische Identifikation meint ja auch den persönlichen Zugang zu einem Werk, und jede Interpretation braucht, um etwas Besonderes zu schaffen, diese persönliche Ebene, die dann in die Aufführung integriert wird.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Da kommt mir der Schlusssatz von Mahlers Dritter Sinfonie in den Sinn, den wir im April im Gedenkkonzert zu Ehren von Claudio Abbado aufs Programm gesetzt haben: Er hat alles – Trauer, Andacht, aber am Ende auch etwas sehr Kräftiges und Versöhnliches. Dann das «Adagietto» aus Mahlers Fünfter. Und der langsame Satz aus Beethovens Siebter Sinfonie. Das ist ja schon ein ganzer Medizinschrank!

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Nein, obwohl das natürlich auch eine Sache der Dauer ist: Zehn Stunden Techno würden mich wohl schon krank machen.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Wenn ich an meine Zeit als Geiger denke: Ein paar weniger berühmte Violinkonzerte habe ich schon kennengelernt, die mich nicht wirklich berühren. Und ich kann mich für Strawinskys Dumbarton Oaks nicht erwärmen, für diese brillante Mechanik.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Regelmässig geistern mir Themen aus den Brahms-Sinfonien im Kopf herum (summt das Hornmotiv aus dem Schlusssatz der Ersten Sinfonie), aber auch anderes (summt Mahlers Lied «Ging heut’ morgen übers Feld»). Ohnehin kommt mir immer wieder Musik in den Sinn, die ich in meiner Jugendzeit intensiv kennengelernt habe.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Schwer zu sagen. Sicher ist: Musik bewegt unsere Seele, rührt an unsere Gefühle, und dadurch werden unsere Sensibilität und Emotionalität entwickelt und gefördert – die Art und Weise, wie wir mit Gefühlen umgehen und sie verstehen. Das unterstützt Musik in jedem Fall.

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