«Musick, auch in der schaudervollsten lage, darf das Ohr niemalen beleidigen.» Fragen an Wolfgang Amadé Mozart zum Festivalthema «Psyche»

MozartLUCERNE FESTIVAL steht 2014 unter dem Motto «Psyche»: Die Macht der Musik – ihre tiefe, heilsame oder auch manipulative Wirkung auf die Seele des Menschen – ist der rote Faden, der sich durch die Konzerte zieht. Wir haben Künstler dieses Sommers um Auskunft gebeten, wie sich die Musik in ihr Leben eingemischt hat, welche Werke sie im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht. Wolfgang Amadé Mozart war so grosszügig, seine Antworten bereits vorausschauend zu geben, noch bevor er unsere Fragen kannte.

Maestro Mozart, dürfen wir auch Sie um Beantwortung einiger Frage zur Wirkungsmacht der Musik bitten?
Ich kann nicht Poetisch schreiben; ich bin kein dichter, ich kann die redensarten nicht so künstlich eintheilen, dass sie schatten und licht geben; ich bin kein mahler. ich kann sogar durch deüten und durch Pantomime meine gesinnungen und gedancken nicht ausdrücken; ich bin kein tänzer. Ich kan es aber durch töne; ich bin ein Musikus.

Lassen Sie es uns trotzdem versuchen … Ist Musik in der Lage, extreme Gemütszustände zu spiegeln?
Ein Mensch, der sich in einem heftigen zorn befindet, überschreitet alle ordnung, Maas und Ziel, er kennt sich nicht – so muss sich auch die Musick nicht mehr kennen. weil aber die leidenschaften, heftig oder nicht, niemal bis zum Eckel ausgedrücket seyn müssen, darf die Musick, auch in der schaudervollsten lage, das Ohr niemalen beleidigen, sondern muss doch dabey vergnügen, folglich allzeit Musick bleiben.

Gibt es Musik, die Sie psychisch derart stark bewegt, dass Sie vor einer Aufführung zurückschrecken?
Gehe ich ans Klavier und singe etwas aus der Zauberflöte, so muss ich gleich aufhören – es macht mir zu viel Empfindung.

Ist die seelische Identifikation mit einem Werk unabdingbar, damit eine überzeugende Interpretation gelingen kann?
In was besteht die kunst? in diesem: das stück im rechten tempo wie es seyn soll zu spiellen. Alle noten, Vorschläg Etc: mit der gehörigen expreßion und gusto, wie es steht auszudrücken, so, dass man glaubt, derjenige hätte es selbst Componirt, der es spiellt.

Und wie steht es mit dem Publikum: Sollten die Hörer auch seelisch ergriffen sein?
Geben sie mir das beste Clavier von Europa, und aber leüt zu zuhörer die nichts verstehen, oder die nichts verstehen wollen, und die mit mir nicht Empfinden was ich spielle, so werde ich alle freüde verlieren.

Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Sie wissen daß ich kein grosser liebhaber von schwierigkeiten bin. Nehmen sie dagegen den Concertmeister Fränzl aus Manheim: er spiellt schwer, aber man kennt nicht daß es schweer ist, man glaubt, man kann es gleich nachmachen. und das ist das wahre.

Welche Musik lässt Sie völlig kalt?
Muzio Clementi. – dieser ist ein braver Cembalist. – dann ist auch alles gesagt. – er hat sehr viele fertigkeit in der rechten hand. – seine haupt Passagen sind die Terzen. – übrigens hat er um keinen kreutzer geschmack noch empfindung. – ein blosser Mechanicus.

Werden Sie von musikalischen Eindrücken verfolgt (der «Ohrwurm-Effekt»)?
Sie wissen dass ich so zu sagen in der Musique stecke – dass ich den ganzen Tag damit umgehe – dass ich gern speculire – studiere – überlege.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Ja, durch Musik – und durch Reisen! ich versichere sie, ohne Reisen | wenigstens leüte von künsten und wissenschaften | ist man wohl ein armseeliges geschöpf! ein Mensch von mittelmässigen Talent bleibt immer mittelmässig, er mag reisen oder nicht – aber ein Mensch von superieuren Talent | welches ich mir selbst, ohne gottlos zu seyn, nicht absprechen kan | wird – schlecht, wenn er immer in den nemlichen ort bleibt.

Mozarts Antworten entnahmen wir seinen Briefen.
Zusammenstellung: Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL

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