«Ich komme stets gerne in ein Konzert, wenn kein Brahms, kein Bruckner, kein Respighi auf dem Zettel steht.» Fragen an Richard Strauss zum Festivalthema «Psyche»

LUCERNE FESTIVAL steht 2014 unter dem Motto «Psyche»: Die Macht der Musik – ihre tiefe, heilsame oder auch manipulative Wirkung auf die Seele des Menschen – ist der rote Faden, der sich durch die Konzerte zieht. Wir haben Künstler dieses Sommers um Auskunft gebeten, wie sich die Musik in ihr Leben eingemischt hat, welche Werke sie im Innersten bewegen und wie es mit der Psychologie des Musikerberufes aussieht. Richard Strauss war so grosszügig, seine Antworten bereits vorausschauend zu geben … noch bevor er unsere Fragen kannte.

Was ist Ihre früheste musikalische Erinnerung?
Von meiner ersten Jugend berichtet meine Mutter, dass ich auf den Klang des Waldhorns mit Lächeln, auf den Ton eine Geige mit heftigem Weinen reagierte. Mit viereinhalb Jahren bekam ich den ersten Klavierunterricht. Ich war aber immer ein schlechter Schüler, da das notwendige «Üben» mir wenig Spass machte; dagegen habe ich gerne vom Blatt gelesen, um möglichst viel Neues lernen zu können. Habe später auch gut Partitur gespielt.

Ab welchem Zeitpunkt wussten Sie, dass Sie den Musikerberuf einschlagen würden?
Ich war kein besonders guter Schüler des Münchner Ludwigs-Gymnasiums und habe, da sich frühzeitig die musikalische Begabung bei mir gemeldet hatte, schon immer mehr komponiert als präpariert.

Welches Werk oder welche Werke erscheinen Ihnen als Inbegriff der Lebensfreude?
Johann Strauss ist von allen Gottbegnadeten für mich der liebenswürdigste Freudenspender. Er gilt mir als einer der letzten, die primäre Einfälle hatten. Gern gestehe ich auch, etwa das Perpetuum mobile gelegentlich mit viel grösserem Vergnügen dirigiert zu haben als manche viersätzige Sinfonie. Und bei den Walzern aus dem Rosenkavalier – wie sollte ich da nicht an den lachenden Genius Wiens gedacht haben?

Richard Strauss, 1904

Richard Strauss, 1904

Welche Rolle spielt die Seelenverfassung für die kreative Arbeit und Inspiration?
Der melodische Einfall, der mich plötzlich, direkt aus dem Äther kommend, überfällt, erscheint in der Phantasie unmittelbar, unbewusst, ohne Einfluss des Verstandes. Es ist das höchste Geschenk der Gottheit, und mit nichts anderem zu vergleichen. Doch was ist überhaupt «Seele»? Wo ist der Sitz der Phantasie? Ist dies eine Steigerung des Verstandes? Nach meiner eigenen Erfahrung setzt bei grossen Erregungen, Ärger, eine besonders lebhafte Tätigkeit der künstlerischen Phantasie ein – und nie, wie oft geglaubt wird, nach sinnlichen Eindrücken, Anschauung von grossen Naturschönheiten oder feierlichen Stimmungen in poetischer Landschaft.

Wenn Sie an Ihre Arbeit als Dirigent denken: Inwieweit lassen Sie sich auf den Gefühlshaushalt der jeweiligen Werke ein und versuchen, ihn auch gestisch zu spiegeln?
Bedenke, dass du nicht zu deinem Vergnügen musizierst, sondern zur Freude deiner Zuhörer. Du sollst beim Dirigieren nicht schwitzen, nur das Publikum soll warm werden. Die linke Hand hat mit dem Dirigieren nichts zu tun. Sie gehört am besten in die Westentasche. Statt mit dem Arm dirigiert man am besten mit dem Ohr: daraus ergibt sich automatisch das übrige.

Gibt es Musik, die bei Ihnen wie eine Medizin auf Leib und Seele wirkt?
Die Geburt der Mozartschen Melodie ist die Offenbarung der von allen Philosophen gesuchten menschlichen Seele. Die Mozartsche Melodie schwebt gleich Platos Eros zwischen Himmel und Erde, zwischen sterblich und unsterblich – tiefstes Eindringen der künstlerischen Phantasie, des Unbewussten, in letzte Geheimnisse, ins Reich der «Urbilder».

Und umgekehrt gefragt: Gibt es Musik, die Sie krank macht?
Zur italienischen Musik werde ich mich wohl nie bekehren, es ist eben Schund. Auch der Barbier von Sevilla dürfte nur mehr in einer hervorragenden Aufführung geniessbar sein.

Welches berühmte Werk der Musikgeschichte lässt Sie völlig kalt?
Ich komme stets gerne in ein Konzert, wenn kein Brahms, kein Bruckner, kein Respighi oder derartiges auf dem Zettel steht. Diese Dinge habe ich in 60-jähriger Dirigierlaufbahn selbst bis zum Überdruss abgeklopft, und der letzte Bedarf meines Lebens beschränkt sich auf Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Liszt, Berlioz und den grossen Richard.

Glauben Sie, dass der Mensch durch die Musik «besser» wird: intelligenter, kommunikativer, sensibler?
Schon die älteste chinesische Religion (Konfuzius) enthält als eine der drei Hauptforderungen «die Pflege der Musik». Um die grandiosen Kunstwerke nicht nur rein gefühlsmässig zu erahnen, sondern in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen, ist allerdings eine musikalische Bildung erforderlich, wie sie bisher nur besonders Begabten auf den Hochschulen für Musik geboten wurde. Der übrige Teil der Menschheit sitzt als sogenanntes «kunstsinniges Publikum» in Oper und Konzert wie etwa ein zehnjähriges Kind, dem man den Wallenstein in chinesischer Sprache vorführt. Ich empfehle also künftighin im Lehrplan der sechs höheren Klassen wöchentlich drei Stunden der Musik zu opfern. Dann werden zwei Drittel der Absolventen eines Gymnasiums in fünf bis zehn Jahren den Stamm eines Konzert- und Theaterpublikums bilden, dem einen Tristan vorzuspielen wirklich lohnt.

Richard Strauss’ Antworten entnahmen wir seinen «Betrachtungen und Erinnerungen» sowie ausgewählten Briefen.
Zusammenstellung: Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion
LUCERNE FESTIVAL

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