Unbegreiflich genial. Der Dirigent Alois Koch über Mozarts Geistliches Singspiel «Die Schuldigkeit des Ersten Gebots»

Wolfgang Amadé Mozart als 14-Jähriger. Gemälde von Saverio dalla Rosa (1770)

Wolfgang Amadé Mozart als 14-Jähriger. Gemälde von Saverio dalla Rosa (1770)

Am kommenden Samstag, dem 21. März, eröffnen Alois Koch, die Festival Strings Lucerne und eine Riege hochkarätiger Nachwuchssolisten das Luzerner Oster-Festival mit einer Rarität: mit Mozarts «Die Schuldigkeit des Ersten Gebots». Alois Koch erklärt, warum man diesen Bühnenerstling eines gerade einmal Elfjährigen unbedingt hören sollte.

Je länger man sich mit dem Phänomen Mozart auseinandersetzt, umso mehr ist man auch von seinen «Jugendwerken» fasziniert. Das gilt insbesondere für sein Geistliches Singspiel Die Schuldigkeit des Ersten Gebots, das der Komponist mit gerade einmal elf Jahren schrieb. Ich habe es 1991 erstmals aufgeführt, später dann noch einige Male, auch am Uraufführungsort: in der Salzburger Residenz.

Das ambitionierte Werk, ein Kompositionsauftrag des Fürsterzbischofs Sigismund von Schrattenbach, ist kein unbedarfter Versuch am Klavier mehr, sondern ein abendfüllendes, dramatisch durchgestaltetes «Oratorium von fünf singenden Personen …, der Spart ist 208 Seiten stark» (so Leopold Mozart). Es umfasst eine Ouvertüre, sieben Arien mit zugehörigen Rezitativen sowie ein finales Terzett und zeugt von einer Könnerschaft sowohl im Handwerklichen als auch im Musikalischen, die weit über das hinausreicht, was man angesichts der Jugend des Urhebers erwarten würde. Natürlich erkennt man hie und da die Hilfestellungen des (ebenso ambitionierten wie besorgten) Vaters Leopold; sie betreffen letztlich aber nur die Satz- und Notationstechnik.

Verblüffend ist hingegen, wie Mozart schon in frühester Jugend in der Lage ist, emotionale Inhalte musikalisch auszudrücken, die weit über das hinausgehen, was er in diesem Alter selbst unter seinen doch aussergewöhnlichen Bedingungen erlebt und erfahren haben konnte. Nicht nur, dass er glaubhaft die Empörung der «Gerechtigkeit» und das Mitleid der «Barmherzigkeit» über den «lauen Christen» zu schildern vermag. Er vermag es auch, die Verführungskünste des «Weltgeistes» mit geradezu lasziver Süffisanz darzustellen, sodass der Hörer am Schluss verstehen kann, warum dieser «laue Christ» noch nicht in der Lage ist, den Ermahnungen des «Christgeistes» zu folgen und «Rechenschaft von seinem Tun» zu geben, sondern den Verlockungen des «Weltgeistes» zur «eitlen Lust der Welt» nachgeht und seine Bekehrung auf später verschiebt.

Erstaunlich ist dabei, dass bereits im Werk eines Elfjährigen jene Leichtigkeit im Ernsthaften existiert, die später Mozarts grosses Opernschaffen auszeichnen wird: Die «Gerechtigkeit» ist streng, aber nicht unerbittlich; die «Barmherzigkeit» nachsichtig, aber nicht sentimental; der «Weltgeist» frivol, aber nicht unsympathisch; der «Christgeist» besorgt, aber nicht hoffnungslos und der «laue Christ» schliesslich zwar oberflächlich und verführbar, aber nicht böse. Überall weist die Musik hinter das Vordergründige, und jede Belehrung bezieht das Menschlich-Allzumenschliche mit ein. Das ist Mozarts einzigartiger «Humor»: Humor im vertieften Sinne von Heiterkeit – dies nur ein Aspekt seiner unbegreiflichen Genialität, auch in den Frühwerken wie Die Schuldigkeit des Ersten Gebots.

Alois Koch

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2 Antworten auf Unbegreiflich genial. Der Dirigent Alois Koch über Mozarts Geistliches Singspiel «Die Schuldigkeit des Ersten Gebots»

  1. LUCERNE FESTIVAL sagt:

    Lieber Herr Flohr,
    vielen Dank für den völlig richtigen Hinweis. Wir haben das Datum gleich korrigiert. Denn auch wenn das Sommer-Thema 2015 „Humor“ lautet, muss man ja die Jahreszeiten nicht durcheinanderwerfen 🙂
    Herzliche Grüsse,
    Ihr LUCERNE FESTIVAL Team

  2. Florian Flohr sagt:

    Ostern im Sommer? Warum nicht. Aber wahrscheinlich ist der 21. März gemeint.

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