Was ist so komisch … am Applaus?

Auch diesen Sommer gibt’s eine kleine Serie zum Festivalthema, die unter anderem das komische Potential altbekannter Konzertrituale in den Blick nimmt. Und weil der Witz die Welt bekanntlich nicht nur regiert, sondern auch verkehrt, fangen wir in unserer Serie Festspielmotto «Humor» mit dem Ende an: mit dem Applaus.

Applaus nach dem ersten Konzert des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA, 2003

Zwei Stunden Schweigen, absolute Stille … Nicht mehr und nicht weniger verlangt ein klassisches Konzert von seinen Besuchern, zumindest in der Form, in der es sich seit etwa 150 Jahren überall etabliert hat. Schweigen und Stille, bis der Zielpunkt erreicht und der letzte Ton verklungen ist: Dann schlägt die Stunde des Publikums, das seiner Meinung freien Lauf lassen darf – mit dem Applaus. Und der kennt eine lange Stufenleiter des Zuspruchs: Der höfliche, matte oder schüttere Beifall steht am unteren Ende der Skala, die tosenden Ovationen, die zuweilen «Orkanstärke» erreichen, markieren das obere Extrem in der Publikumsgunst.

Dabei verhalten sich die Konzertgäste zunächst einmal als Kollektiv: Man klatscht gemeinsam, möglicherweise sogar rhythmisch, wenn man eine Zugabe oder die abermalige Rückkehr der Künstler aufs Podium provozieren will, man trampelt mit den Füssen oder man erhebt sich zu Standing Ovations. Wer sich aus der Masse hervorheben möchte, muss dagegen zu verschärften Massnahmen greifen. Etwa zu einem gezielten «Bravo»-Ruf, der wiederum ganz verschieden ausfallen kann: als kurzes und beherztes, militärisch-zackiges «Bra-vo!», als lang hupendes «Braaa-vooooo!» oder, bei Künstlerinnen, auch mal als kennerisches «Brava!» (merke: Der Rufer ist des Italienischen mächtig). Das «Buh», klassisches Gegenstück zum «Bravo», erfreut sich dagegen in Opernhäusern höherer Beliebtheit als im Konzertsaal. Wobei die Opernfans mitunter eine erstaunliche Kreativität entwickeln und auch schon mal ein unerschrockenes «Helau!» in die laufende Szene brüllen oder die Stille durch einen Ausruf wie «Der Kaiser ist nackt!» durchbrechen. Will sagen: Das war ja wohl Scharlatanerie …

Interessant sind die Möglichkeiten einzelner Konzertbesucher, mit ihrem Individualapplaus einen Gruppenimpuls auszulösen oder die Applausintensität anzufachen. Man spricht zum Beispiel vom «Anklatschen», wenn man an einer bestimmten Schüsselstelle den Beifall provozieren will und kühn in die Stille applaudiert. Wer sich in dieser Kunst üben möchte, dem sei eine leichte Hohlform der Hände beim Klatschen empfohlen, sodass durch intensivere Luftverpuffung eine höhere Lautstärke entsteht. Diese Technik wird auch gern angewandt, wenn man den Schlussapplaus in die Länge ziehen will und – obwohl die ersten Gäste schon den Saal verlassen – mit Aplomb weiterklatscht.

Heikel ist das richtige Timing. Grundsätzlich gilt: Solange der Dirigent die Arme noch nicht heruntergenommen hat, sollte man stillhalten. Bei leisen, verlöschenden Schlusssätzen ist es ratsam, nicht zu früh mit dem Beifall loszulegen, sondern das Erlebnis erst einen Moment nachhallen zu lassen – für spontane Akklamationen eignet sich ein schmissiges Finale fraglos besser. Berüchtigt aber sind die «Fehlstarts»: wenn der Applaus losbricht, ehe das Werk überhaupt sein Ende gefunden hat. Mit empörtem Zischen reagiert darauf erfahrungsgemäss der kundigere Teil des Publikums. Im Festspielsommer 2015 haben es in dieser Hinsicht insbesondere zwei Werke in sich: Nehmen Sie sich in Acht vor dem furiosen Finale aus Haydns C-Dur-Sinfonie Hob. I:90 … und vor Tschaikowskys Pathétique!

Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, Sommer-Festival 2015: Was ist so komisch an ... abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *