Was ist so komisch … am Auftritt?

Der Pianist Grigory Sokolov auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz: konzentriert und ganz nach innen – auf die Musik – fokussiert (Foto: Georg Anderhub/LUCERNE FESTIVAL)

Der Pianist Grigory Sokolov auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz: konzentriert und ganz nach innen – auf die Musik – fokussiert (Foto: Georg Anderhub/LUCERNE FESTIVAL)

Es ist das erste, was das Konzertpublikum vom Künstler zu sehen bekommt: der Auftritt, der heikle Gang aufs Podium, wo es dann allein der Kunst gelten soll. Zwar dauert das Ganze in der Regel nur wenige Sekunden, aber die haben es in sich. Eigentlich soll die Konzentration der Musiker in diesem Moment ganz auf die Werke und die Interpretation gerichtet sein, doch muss zunächst das Schaulaufen absolviert werden, was – je nach Charakter, Verfasstheit und Nervositätsgrad der Betroffenen – als Lust oder als Pein empfunden werden kann. Entsprechend unterschiedlich fallen die «Gangarten» aus: Der eine eilt mit kurzen, schnellen Schritten nach vorn, würdigt die Besucher bei der Verbeugung kaum eines Blickes und will gleich loslegen; der nächste naht mit breiter Brust und der Aura eines Triumphators; ein dritter wiederum schlendert herbei, gelassen und scheinbar unbeteiligt, als unternehme er gerade einen Abendspaziergang.

Der junge Riccardo Muti liebte es, feurig aufs Podest zu springen und den ersten Takt noch in den laufenden Applaus hinein zu dirigieren (was freilich nur bei schmissigen Eröffnungsstücken funktioniert). Ganz anders Sir Simon Rattle, der sich seiner Wirkungsstätte eher bedächtig nähert, wobei er in der Faust seinen Taktstock hält und ihn aufgerichtet vor sich herträgt wie eine Monstranz; und diese religiösen Assoziationen setzen sich fort, wenn Rattle vor dem Orchester erst einmal die Hände wie zum Beten faltet und abwartet, bis im Musentempel absolute Ruhe eingekehrt ist, bevor er zu dirigieren beginnt. Andere Maestri – Leonard Bernstein oder Nikolaus Harnoncourt bilden hier den Prototypus – verspüren dagegen ein verstärktes Erklärungsbedürfnis, sie wenden sich zunächst direkt ans Publikum, um ihren geneigten Hörern verbal mitzuteilen, was das hier nun alles soll oder wie es um die Welt bestellt sei …

Pianisten stehen bei ihrem Auftritt vor der besonderen Herausforderung, die ideale Sitzposition zu finden, die ihnen die freie Entfaltung ihrer Virtuosität überhaupt erst ermöglicht. Entsprechend sind sie manchmal gefühlte Ewigkeiten damit beschäftigt, am Klavierhocker herumzuschrauben, um die Sitzhöhe perfekt zu justieren, oder sie rutschen mehrfach nach vorn und wieder zurück, um den gewünschten Abstand zur Tastatur herzustellen. Aber auch Dirigenten müssen zuweilen letzte Hand anlegen, um ihren Standort zu bestimmen: So rückte Daniel Barenboim im Sommer 2012 sein schweres Dirigentenpodest zunächst um die entscheidenden Zentimeter nach rechts, ehe er den Stab für Verdis Requiem hob (Tenor Jonas Kaufmann unterstützte ihn bei der Umbaumassnahme tatkräftig).

Bei einigen Ensembles der Alten Musik erinnert das Auftrittsprozedere fast an eine Prozession oder eine Inszenierung. Etwa bei Jordi Savall, der seine Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Türen strömen und sie minutiös ausgetüftelte Wege abschreiten lässt, wobei sich die Bahnen kreuzen, Kurven oder Schlaufen beschreiben und nahezu das gesamte Areal des Podiums abdecken. Mit dieser hochästhetischen Choreographie beginnt dann schon das Konzert – und nicht erst mit dem ersten erklingenden Ton.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL

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