Was ist so komisch … an der Oper?

Ludwig und Malwine Schnorr von Carolsfeld als Wagners Tristan und Isolde, 1865

Ludwig und Malwine Schnorr von Carolsfeld als Wagners Tristan und Isolde, 1865

Die Oper kann ziemlich komisch sein, selbst wenn die Handlung gar nicht heiter ist, sondern uns mit Verrat und Betrug, Eifersucht oder sterbenden Helden konfrontiert. Zumindest der ungeübte Opernbesucher muss es so empfinden. Das fängt schon damit an, dass unentwegt gesungen wird, und zwar nicht nur bei Liebesbekenntnissen oder Freudenausbrüchen, die vielleicht auch einen «normalen» Menschen ausnahmsweise zu dieser Sonderform der vokalen Äusserung verleiten könnten. Nein, in der Oper werden selbst Hasstiraden in Gestalt verwegenster Koloraturen herausgeschleudert und schwierigste Sachverhalte in Duetten oder Ensembles verhandelt, bei denen die Beteiligten auch noch gleichzeitig singen, und das heisst: Sie hören einander nicht wirklich zu. Dass die Opernhelden sogar im Todeskampf ihre Stimme unter perfekter Kontrolle halten und die schönsten Spitzentöne hervorbringen, passt da nur zu gut ins Bild.

Kommt die szenische Deutung ins Spiel, steigert sich die Absurdität oft noch. Denn die hochstehenden vokalen Anforderungen werden eher selten von Darstellern erfüllt, die phänotypisch befriedigen. Eine 18-Jährige mit einer Isolden-Stimme wünschte sich etwa Richard Strauss für seine Salome – aber wo gibt es so etwas? Selten, dass sich eine Isolde unter vierzig auf die Bühne verirrt, aber dass Sängerinnen dieses reiferen Stimmfachs dann auch noch imstande sein sollen, beim Tanz der sieben Schleier einen veritablen Striptease hinzulegen und das Publikum zu erotisieren, ist doch recht viel verlangt.

Kein Wunder, dass die Opernkunst seit jeher als Zielscheibe des bissigen Spotts herhalten musste. Mit hämischem Genuss schildert etwa William Makepeace Thackeray in seinem Roman Jahrmarkt der Eitelkeit eine umjubelte Primadonna, die zwar eine begnadete Sängerin, aber leider «über die erste Jugend und Schönheit hinaus und auf alle Fälle zu dick war. Wenn sie zum Beispiel in der letzten Szene der Nachtwandlerin im Nachthemd mit einer Lampe in der Hand aus dem Fenster steigen und über den Mühlensteg gehen musste, konnte sie sich nur mit Mühe durch das Fenster hindurchquetschen, und die Planke knackte und bog sich unter ihrem Gewicht. Aber wie schmetterte sie dafür auch das Finale der Oper heraus, und mit welcher Glut warf sie sich in Elvinos Arme – es fehlte nicht viel, dass sie ihn erstickt hätte!»

Man kann die Opernskeptiker verstehen, die sich über einen hungerleidenden Poeten ereifern, der sonderbarerweise satte 130 Kilo auf die Waage bringt. Oder über einen Vater, der dreissig Jahre jünger ist als sein Bühnensohn. Paradoxerweise erfordert die Oper mit all ihrer visuellen Konkretion ein besonderes Mass an Abstraktion, damit man sie wirklich lieben kann. Und natürlich will sie auch rege besucht werden. Das wusste schon Theodor Fontane, der einmal empfahl: «Wer selten hingeht, leidet unter der Unwahrheit dessen, was er sieht.» Die Musik freilich ist so stark, sie verändert so sehr die Wahrnehmung, dass wir mit einem Mal eine höhere Wirklichkeit hinter der Unwahrheit erkennen und in eine ganz andere Welt abtauchen können: in das Reich der radikalen Gefühle, das mit den Augen allein nicht zu gewahren ist. Und wer einmal von diesem musikalischen Manna gekostet hat, der wird es nicht mehr so schnell entbehren wollen.

Susanne Stähr

Hinweis: Eine der witzigsten Opern können Sie beim diesjährigen Sommer-Festival am 16. August erleben, wenn Jonathan Nott Verdis «Falstaff» dirigiert. Wie wusste schon der Meister? «Tutto nel mondo è burla» – «Alles ist Spass auf Erden».

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, Sommer-Festival 2015: Was ist so komisch an ... abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *