Was ist so komisch … am Ohrwurm?

Getier tummelt sich zwar allerlei auf Edwin Landseers Szene aus dem Sommernachtstraum ... aber der Ohrwurm bleibt Mendelssohns Bühnenmusik vorbehalten

Getier tummelt sich zwar allerlei auf Edwin Landseers Szene aus dem Sommernachtstraum … aber der Ohrwurm bleibt Mendelssohns Bühnenmusik vorbehalten

Der Konzertbesuch ist nicht immer ungefährlich. Zu den Risiken und Nebenwirkungen, die dabei auf uns lauern, zählt die Möglichkeit, sich einen Ohrwurm einzufangen. Mendelssohns Sommernachtstraum, den Trevor Pinnock am 21. August dirigiert, bietet dafür zum Beispiel hervorragenden Stoff, ob es die Ouvertüre, das Notturno und der rustikale «Rüpeltanz» sind oder, noch schlimmer, der pompöse «Hochzeitsmarsch». Es kann passieren, dass Ihnen diese Stücke oder auch nur einzelne Takte und Melodien daraus tage- und nächtelang erbarmungslos durchs Hirn spuken, wie eine Endlosschleife. Und leider ist dann meist der Schalter, mit dem man diese Dauerberieselung abstellen könnte, partout nicht mehr auffindbar.

Wer die Infektion mit einem Ohrwurm sicher ausschliessen will, dem sei angeraten, möglichst nur noch Karten für Konzerte mit atonaler Musik zu kaufen (was im Übrigen auch die Finanzabteilungen mancher Veranstalter freuen würde). Denn zum Wesen des Ohrwurms gehört, dass er aus kurzen, in sich geschlossenen Phrasen besteht, die man leicht nachsingen kann: je schlichter, desto besser, desto ärger. Eine unsangliche Melodieführung mit grossen Intervallsprüngen, die einen weiten Tonraum abschreitet und auch noch durch Dissonanzen unterfüttert wird, prägt sich dagegen weniger ein und gerät entsprechend schneller in Vergessenheit. Der typische Ohrwurm dauert übrigens selten länger als dreissig Sekunden – entsprechend handelt es sich dabei um besonders prägnante Ausschnitte.

Wenn Sie sensibel oder introvertiert sind, dann ist Ihr persönliches Ohrwurm-Risiko höher als bei extrovertierten Persönlichkeiten, die stärker auf Aussenreize reagieren und sich leichter wieder ablenken lassen. Besonders anfällig sind Sie, wenn Sie in einer emotional angespannten oder aufgeregten Verfassung Musik hören, in einer Ausnahmesituation etwa – dann bohren sich die Ohrwürmer besonders tief in Ihr Hirn ein. Statistisch gesehen haben Frauen deutlich häufiger als Männer unter diesem lästigen Phänomen zu leiden. Und Musiker wesentlich öfter als amusische Menschen.

Wer einmal vom Ohrwurm befallen wurde, ist dennoch nicht verloren. Der Ohrwurmforscher Eckart Altenmüller, Direktor des Instituts für Neurophysiologie und Musikermedizin an der Musikhochschule von Hannover, hat drei wichtige Tipps für Sie parat: «Erstens, eine ganz neue Erkenntnis, die Philip Beaman von der University of Reading gerade erst im Mai 2015 veröffentlicht hat: Greifen Sie zu einem Kaugummi, denn die mahlenden Kiefergeräusche beeinflussen das akustische Kurzzeitgedächtnis und überlagern auditive Erinnerungen. Zweitens, und diese Variante würde ich persönlich vorziehen: Singen Sie aktiv und laut mit einer anderen Melodie gegen Ihren Ohrwurm an. Und drittens, wenn alles andere nichts hilft: Erledigen Sie einfach Ihre Steuererklärung. Nach spätestens zehn Minuten ist dann auch dem hartnäckigsten Ohrwurm der Garaus gemacht …»

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

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