Boulez-Gipfel. Ein persönlicher Rückblick auf den Luzerner «Boulez-Tag»

Boulez auf der Brust: das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra mit einer textilen Hommage an Pierre Boulez (Foto: Peter Fischli)

Boulez auf der Brust: das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra mit einer textilen Hommage an Pierre Boulez (alle Fotos: Peter Fischli)

Der Luzerner «Boulez-Tag» am vergangenen Sonntag glich einer Gipfelbesteigung, für die es Ausdauer brauchte. Doch die Kondition und die Aufmerksamkeit des Publikums bei diesem Konzert-Marathon, der um 13.30 Uhr begann und erst um 22.30 Uhr endete, waren beachtlich. Bei einer Bergbesteigung will man den Gipfel erklimmen: Das Oben-Ankommen ist Ziel und Belohnung und motiviert, wiewohl man schon unterwegs Glücksmomente erlebt. Eine Kritikerin etwa kam völlig begeistert aus der Aufführung von Boulez’ sur incises, glücklich strahlend ob des soeben Gehörten. Sie sei seit dem Vortag schlechter Laune gewesen, aber diese sei nun verschwunden – dank dieser grossartigen Musik.

Im Rahmen unserer Hommage zu Pierre Boulez’ 90. Geburtstag erklangen gleich neun Werke des Jubilars (wenn man die Klavier- und die Orchesterfassung der Notations als eigenständige Kompositionen zählt), musiziert vom Ensemble intercontemporain und den Studierenden der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY unter der Leitung von Matthias Pintscher. Dieser Querschnitt durch Boulez’ Œuvre umfasste alle Schaffensperioden (von den frühen Notations und dem Livre pour quatuor bis zu sur incises) und wurde mit acht Uraufführungen sowie mit Alban Bergs Lyrischer Suite und dem für Boulez geschriebenem Orchesterwerk Osiris von Matthias Pintscher verschränkt.

Zum Auftakt des «Boulez-Tages» waren die naturhaften Klarinettenklänge von Dialogue de l’ombre double nicht nur auf der Dachterrasse des KKL, sondern gleichzeitig auch auf dem Europaplatz zu hören (Foto: Peter Fischli).

Zum Auftakt des «Boulez-Tages» waren die naturhaften Klarinettenklänge von Dialogue de l’ombre double nicht nur auf der Dachterrasse des KKL, sondern gleichzeitig auch auf dem Europaplatz zu hören.

Die Reihe der Uraufführungen begann mit Pintschers poetischem Klavierstück Now I. Konnte man zuvor auf der KKL-Dachterrasse Boulez’ Dialogue de l’ombre double vor der atemberaubenden Kulisse von Stadt-, Berg- und Seelandschaft erleben, so war der Luzerner Saal nun im Stile eines jener «Rug Concerts» eingerichtet, die Boulez während seiner Zeit als Chefdirigent in New York veranstaltet hatte – und die er sich immer wieder auch für Luzern gewünscht hat: Die Podeste der acht Gruppen von Rituel waren um das Publikum herum platziert, das auf Stühlen und bunten Sitzkissen Platz nahm und seinerseits einen Kreis um den Dirigenten bildete.

Ein «Rug Concert» im Luzerner Saal (Foto: Peter Fischli)

Ein «Rug Concert» im Luzerner Saal

Bemerkenswert war, wie andächtig still die Hörer im Luzerner Saal auf den Beginn warteten – ganz anders als sonst im grossen Konzertsaal, der vor dem ersten Ton vom Raunen der Stimmen erfüllt ist. Zwischen Pintschers Now I und Rituel erklang als weitere Premiere das dreisätzige Ensemblewerk Open to Infinity: a Grain of Sand von Christian Mason, der 2011 von Boulez für das «Composer Project» der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY ausgewählt worden war, den Vorläufer der Roche Young Commissions. Die Luzerner Auszeichnung hat ihn – zusammen mit dem Förderpreis der Ernst-von-Siemens-Musikstiftung im vergangenen Jahr – in der Welt der Neuen Musik bekannt gemacht. Zahlreiche Aufträge renommierter Institutionen haben sich seither angeschlossen, und wir sind gespannt, wie sich die Karriere des jungen Engländers weiter entwickeln wird. Seine Boulez-Hommage jedenfalls wird bereits in wenigen Tagen, am 29. August, bei den BBC Proms von der London Sinfonietta nachgespielt (BBC Radio 3 ist Co-Auftraggeber des Werks).

Die nächsten beiden Uraufführungen wurden mit sur incises kombiniert. Der diesjährige Luzerner «composer-in-residence» Tod Machover legte mit Re-Structures für zwei Klaviere und Elektronik ein atemberaubend komplexes und für die Interpreten überaus anspruchsvolles Stück vor, das nicht nur Boulez’ Structures die klangliche Reverenz erweist, sondern auch dem Pariser IRCAM, an das Machover von Boulez in den 1980er Jahren, gerade einmal 26-jährig, berufen wurde. Anschliessend konnte man Heinz Holligers à plume éperdue hören: eine wunderbare melodisch-kontrapunktische Boulez-Hommage für Sopran, Altflöte, Englischhorn und Violoncello. Vertont der erste Satz ein kurzes Gedicht von Philippe Jaccottet, so hat Holliger für die Sätze 2 und 3 (paraphrase I und paraphrase II) selbst in humorvoll-sprachspielerischer Weise Worte des Jaccottet-Gedichtes mit Boulez’schen Werktiteln verschränkt, um «Dichter und Komponist enger aneinanderzubinden, zu paraphrasieren», wie er erklärt.

Die Kleinen erklären grosse Musik: «Notations entdecken» (Foto: Peter Fischli)

Die Kleinen erklären grosse Musik: «Notations entdecken»

Als Einstimmung auf den krönenden Abschluss des «Boulez-Tages» mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra konnte man eine von Kindern gestaltete Einführung zur Klavierfassung der Notations erleben. Im Rahmen eines zweiwöchigen Workshops beschäftigten sich die Schülerinnen und Schüler des Primarschulhauses Burg in Büron unter Anleitung von Alexsandar Avec, Richard McNicol und Tobias Bleek intensiv mit Boulez’ Musik. Sie entwickelten zunächst pantomimische Umsetzungen, die sie dann mit Orff-Instrumenten selbst vertonten. Die ungewöhnliche Einführung vermittelte nicht nur aufschlussreiche Einblicke in die Notations – auch und gerade für Erwachsene! –, sondern führte darüber hinaus eindrücklich vor Augen und Ohren, mit welcher Kreativität und Freude die Kinder bei der Sache waren.

Im abschliessenden Sinfoniekonzert standen dann neben zwei Auftragswerken des Festivals an Wolfgang Rihm und György Kurtág Premieren jener zwei jungen Komponisten auf dem Programm, die Pierre Boulez 2013 für den ersten Jahrgang der Roche Young Commissions ausgewählt hatte. Samy Moussa eröffnete sein Orchesterstück Crimson (und öffnete die Ohren des Publikums) mit prachtvoll orchestrierten … Schlussakkorden. Um einen ganz anderen Orchesterklang ging es Piotr Peszat in Pensées étrangleés: Arbeitete Moussa mit bekannten Vokabeln und Texturen, so unternahm Peszat die Auflösung derselben zugunsten einer mehr «verschwommenen Gestalt», wie er selbst erklärte. Interessanterweise erwies sich Matthias Pintschers grosses Orchesterstück Osiris als ein Mittler zwischen diesen beiden Ansätzen und Klangwelten. Die Partituren von Rihm und Kurtág, beide noch «tintennass», standen mit ihrer traurig-wehmütigen Stimmung und den langsamen Zeitmassen gleichsam nachbarschaftlich nebeneinander: Kurtágs Petite musique solennelle ist ein ungemein subtil und leise orchestrierter Choral, aus dem getragene Melodien «hervorblühen». In Rihms Gruss-Moment wiederum intonierte ein Streichquartett (nebst einigen Kontrabässen die einzigen Streicher im Orchester) ein zartes Melodiengewebe. Diese horizontale «Hintergrundebene» des Klangs wird durch die Positionierung des Quartetts direkt beim Dirigenten in den Vordergrund gerückt und im Verlauf des Stücks durch scharfe vertikale «Einschläge» des dahinter platzierten grossen Orchesters mit Zäsuren versehen.

Wolfgang Rihm nach der Uraufführung seiner Boulez-Hommage Gruss-Moment mit Matthias Pintscher (Foto: Peter Fischli)

Wolfgang Rihm nach der Uraufführung seiner Boulez-Hommage Gruss-Moment mit Matthias Pintscher

Den wahrhaft krönenden Abschluss dieses besonderen Tages bildeten dann Boulez’ Notations in der Orchesterfassung. Dass man zahlreiche Werke des Jubilars einmal so kompakt und so überzeugend interpretiert erleben konnte, hinterliess starke Eindrücke. Unter anderem wurde deutlich, wie sinnlich-packend Boulez’ Musik ist, die das Beste der Tradition – den Klangfarbenreichtum Ravels und Debussys, die Rhythmen Strawinskys und aussereuropäischer Musikkulturen – zu etwas Neuem weiterentwickelt.

Wolfgang Rihm schrieb in einem für unser Programmheft entstandenem Text: «Das Geheimnis der musikalischen Produktivkräfte ist stets erahnbar, aber niemals veräussert an Erklärung und Beweis. Wir können nichts nachhause tragen, ausser vielleicht eine Ahnung von abgründiger Tiefe, die sich im nächsten Moment verschliessen kann oder auch als Kanal ausbrechender Energie wirksam zu werden droht. Das Werk ist also Gefahr.» Diese wichtige Beobachtung, die den uns vermeintlich vertrauten, weil bekannten Künstler Boulez gegen eine allzu leichte «Vereinnahmung» schützt, ist nach der Luzerner Besteigung des «Boulez-Gipfels» zu ergänzen: Gipfelbesteigungen sind nie gefahrlos – aber Boulez’ grosse Kunst beschenkt uns mit tiefer Schönheit und reichen Lichtblicken.

Mark Sattler | Dramaturgie & Moderne LUCERNE FESTIVAL

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