«Wir stülpen uns eine grosse Perücke über». Der Sänger Andreas Schaerer über seine Zusammenarbeit mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY

Am kommenden Samstag können Sie ein aufregendes Experiment erleben: Das Schweizer Jazzsextett Hildegard Lernt Fliegen trifft auf das LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra – und kreiert einen völlig neuen Sound. Wir haben den Frontmann der Band, den Sänger Andreas Schaerer (ECHO-Preisträger 2015), gefragt, was uns erwartet.

Was versprechen Sie sich von der sinfonischen Erweiterung für den Sound der Band?
Schon die Musik, die wir mit unserem Sextett normalerweise spielen, ist oft orchestral angelegt, wird aber nur von sechs Musikern gespielt. Es ist zwar eine spannende Herausforderung, mit einem solchen «Klein-Orchester» gross zu klingen, und ich denke, das gelingt uns in der Regel auch ganz gut. Trotzdem ist es natürlich fantastisch, nun endlich mit der grossen Kelle anrühren zu können. Ich verspreche mir von der sinfonischen Erweiterung Hildegards einen grösseren Farbenreichtum, ein Mehr an exotischen Gewürzen in der musikalischen Suppe und letztendlich – und das wäre eigentlich mein Kernanliegen – eine stärkere Sogwirkung für den Hörer.

Doppelspitze: Sänger Andreas Schaerer und Dirigent Mariano Chiacchiarini proben «The Big Wig»

Doppelspitze: Sänger Andreas Schaerer und Dirigent Mariano Chiacchiarini proben «The Big Wig» (Foto: Stefan Deuber)

Was bedeutet die Zusammenarbeit mit einem ganzen Orchester für Klangbild und Struktur bestehender Hits sowie für Interaktion der Musiker? Und müssen Sie eine so grosse Besetzung völlig anders komponieren als bisher?
Von der Herangehensweise her ist das Komponieren für ein Sinfonieorchester und für eine Kleinbesetzung genau dasselbe. Ich denke während des Entstehungsprozesses allerdings nicht nur an die verschiedenen Klangfarben, sondern immer auch an die konkreten Musiker, die ich normalerweise bereits im Vorfeld alle persönlich kenne, sodass ich über ihre speziellen Fähigkeiten und Vorlieben Bescheid weiss: Beim Komponieren stelle ich sie mir vor und versuche, ihnen die Musik auf den Leib zu schreiben. Im Falle der Zusammenarbeit mit dem LUCERNE FESTIVAL ACADEMY Orchestra war das natürlich nicht möglich, denn ich kannte die Musikerinnen und Musiker im Vorfeld noch nicht. Ich habe daher beim Schreiben vor allem darauf geachtet, dass jede einzelne Stimme eine grosse Spiellust entstehen lässt und dass jedes Instrument innerhalb des Werks Platz bekommt, um sich zu präsentieren.

Wie ist Ihre persönliche Beziehung zur klassischen Musik?
Ich höre sehr viel klassische Musik und mag es auch sehr, Partituren zu studieren, vor allem Werke des 20. Jahrhunderts. Komponisten wie Ligeti, Strawinsky, Schönberg, Bartók, aber auch Steve Reich oder Claude Debussy sind wichtige Inspirationsquellen und grosse Vorbilder für mich. Ich erlebe je länger je mehr, dass sich die verschiedenen musikalischen Szenen verbinden. Es gibt in meiner Generation viele Musiker, die grenzübergreifend arbeiten und sich nicht mehr um Genres kümmern. Klassische Musik und Jazz, zeitgenössische Musik, Elektronik und freie Improvisation, aber auch populäre Musikströmungen rücken dabei näher zusammen, die Grenzen verwischen. Das finde ich wunderbar! Letztendlich geht es in der Musik ja immer um Austausch – unter den Musikern, mit dem Publikum usw.

Was verbirgt sich hinter dem Titel «The Big Wig»?
«The Big Wig» ist eine Art Metapher für die Zusammenarbeit mit der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY. Hildegard Lernt Fliegen stülpt sich quasi eine grosse Perücke («big wig») über. Gleichzeitig spielt der Titel mit Klischees; er ist ein Sinnbild für die Frage, wie sehr sich die Musik dieses Projekts an der sinfonischen Tradition orientiert – und wie sehr sie diese bewusst ignoriert.

Die Fragen stellte Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Jazzband trifft Sinfonieorchester: Hildebard Lernt Fliegen zu Gast bei der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY (Foto: Stefan Deuber)

Jazzband trifft Sinfonieorchester: Hildegard Lernt Fliegen zu Gast bei der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY (Foto: Stefan Deuber)

 

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge, LUCERNE FESTIVAL ACADEMY, Neue Klänge abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *