Was ist so komisch … am Schlagzeug?

In Varèses Amériques stark gefordert – und das in Mannschaftsstärke: die Schlagzeuger der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY (Foto: Peter Fischli)

Auch in Varèses Amériques stark gefordert – und das in Mannschaftsstärke: die Schlagzeuger der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY (Foto: Peter Fischli)

Die Systematik ist eigentlich ganz einfach. Es gibt im Orchester drei grosse Musikergruppen: zum einen die Streicher, also Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabässe; zum anderen die Bläser, unter denen sowohl die Holz- als auch die Blechblasinstrumentalisten subsumiert werden, von der Piccoloflöte bis zur Basstuba; und dann gibt es noch Pauke, Trommel, Xylophon & Co, also … die Schläger?

Zugegeben, dieser Begriff ist arg unhöflich, weshalb die Musikwissenschaft lieber in die gehobene Sphäre der alten Sprachen ausweicht. Mit dem Ergebnis, dass die Streichinstrumente zu «Chordophonen», die Blasinstrumente zu «Aerophonen» und die Schlaginstrumente zu «Idiophonen» werden. Aber auch da stellen sich zweifelhafte Assoziationen ein, etwa an das etymologisch verwandte Wort «Idiot» und jemanden, der einen Schlag weg hat. Der neutralere Terminus «Perkussion» verheisst die Rettung und trifft es doch nicht ganz, weil nicht jedes Instrument, das von einem Schlagzeuger gespielt wird, tatsächlich auch geschlagen (lat. percutere) wird.

Die Perkussionisten sind nämlich die Universalisten unter den Musikern, sie müssen ein ganzes Arsenal von -zig verschiedenen Tonerzeugern bedienen. Vor allem bei spätromantischen, modernen und zeitgenössischen Werken haben sie ihren grossen Auftritt, wenn es um bestimmte «special effects» geht. Richard Strauss zum Beispiel setzt gleich in mehreren Stücken die Windmaschine ein: Hier wird ein Zylinder, der mit rotierenden Bürsten bestückt ist, immer schneller angekurbelt, sodass der Sturm zu heulen scheint. Das Pendant dazu bildet das Donnerblech, wie es Strauss in seiner Alpensinfonie vorsieht: Es muss kräftig geschüttelt werden, damit ein dumpfes Grollen ertönt.

Als äusserst erfinderisch im Umgang mit den «Idiophonen» erwies sich Gustav Mahler. Ihm verdanken etwa die Kuhglocken ihren Aufstieg ins sinfonische Repertoire, aber auch der Hammer, der im Finale seiner Sechsten wie ein Axthieb niedersaust: ein mehr als vier Kilo schweres und über einen Meter langes hölzernes Trum, dessen Einsatz auch optisch einiges hergibt. Maurice Ravel wiederum brachte den Peitschenknall zu hochkulturellen Ehren, gleich zu Beginn seines G-Dur-Klavierkonzerts. Der ungekrönte König der «Effektinstrumente» aber ist Edgard Varèse. Um in seiner Tondichtung Amériques die Klangkulisse des Hudson River in New York zu spiegeln – von den Nebelhörnern der Schiffe bis zum Entladen der Frachter im Hafen –, sah er ursprünglich 19 Perkussionisten vor. Sie mussten die verschiedensten Pfeifen, darunter eine «Steamboat Whistle» und eine «Cyclone Whistle», aber auch Ratschen, Schellen oder das «Lion’s Roar», das Löwengebrüll, zum Einsatz bringen. Ausserdem gibt es da noch die berüchtigte Sirene, ein pneumatisches Gerät, das sich stufenlos durch den Tonraum heult – auch sie übrigens wird gekurbelt. Mit «Schlag-Zeug» hat das alles wenig zu tun, eher mit Hexerei, wenn man die tauschende Echtheit der Klänge bedenkt. Und deshalb sollte man die «Schlager» vielleicht besser als die Magier des Orchesters bezeichnen.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

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