Was ist so komisch … am Komponieren?

Der amerikanische Komponist John Adams bei der Arbeit (Foto: Margaretta Mitchell)

Der amerikanische Komponist John Adams bei der Arbeit (Foto: Margaretta Mitchell)

Eigentlich nichts – es sei denn, der Komponist arbeitet an einer ausgesprochen witzigen Partitur und kann sich über die eigenen Einfälle amüsieren. Ansonsten scheint das Komponieren bei allen Glücksgefühlen, die es auszulösen vermag, eine anstrengende Angelegenheit zu sein und ein gehöriges Mass an Selbstdisziplin zu verlangen. «Meiner Erfahrung nach haben die meisten ernstzunehmenden kreativ Schaffenden äusserst gleichförmige, wenig glamouröse Tagesabläufe», erklärt John Adams. Und zwar schon deshalb, weil «Kreativität […] sehr arbeitsintensiv ist. Kein Assistent kann einem dabei helfen. Man muss alles selbst machen.»

In der Tat: Viele Komponisten entwickeln einen strikten Arbeitsrhythmus. Gustav Mahler etwa, während der Saison als Operndirektor voll ausgelastet, gab seine Sommerferien in den österreichischen Bergen ganz fürs Komponieren hin und befolgte dabei einen rigorosen «Stundenplan», wie seine Gattin Alma berichtete: Er stand in aller Frühe auf, schloss sich in sein «Komponierhäuschen» ein – wohin ihm die Köchin bereits das Frühstück gebracht hatte (um Mahler nicht zu begegnen, der «überhaupt niemandes Anblick vor der Arbeit ertragen konnte», musste sie einen «schlüpfrigen Kletterweg» benutzen) – und verlangte von seinem Umfeld absolute Ruhe. Auch für die kalten Monate hatte Mahler laut Alma eine «Wintereinteilung» ersonnen, «genau wie nach der Uhr». Franz Schubert setzte sich nach Aussage seines Freundes Anselm Hüttenbrenner «täglich um 6 Uhr morgens ans Schreibpult und komponierte in einem Zuge fort bis 1 Uhr nachmittags». Und auch Igor Strawinsky war ein Gewohnheitstier: «Ich stehe gegen 8 Uhr auf, mache ein paar Leibesübungen und arbeite dann von neun bis eins ohne Pause.»

Aber wohnt nicht gerade dem Gegensatz zwischen einer solchen Ordnungsliebe in Sachen Tagesablauf und den kreativen Explosionen, die sie ermöglicht, ein gewisser Witz inne? Und dann gibt es ja noch die Spleens, die einige Komponisten ausbilden, um ihre Produktivität anzuregen. Durch Beethovens Sekretär Anton Schindler wissen wir beispielsweise von der eigentümlichen Waschbegeisterung des Klassikers: «Ging er während der Arbeit in den Vormittagsstunden nicht aus, um sich zu sammeln, so stellte er sich, oft im tiefen Negligé, ans Waschbecken und goss grosse Krüge voll Wasser auf seine Hände, anbei die ganze Scala auf- und abwärts heulend, oder zur Abwechslung brummend; bald durchschritt er wieder mit rollenden oder stieren Augen das Zimmer, notirte einiges, und setzte dann das Aufgiessen und Heulen fort. Dies waren Momente tiefster Meditation».

Und John Adams? Seine eigene Alltagsroutine verriet er einmal dem Publizisten Mason Currey, der die «täglichen Rituale» bedeutender Künstler in seinem Blog Daily Routines (unter dem Titel Daily Rituals inzwischen auch als Buch erschienen) gesammelt hat: «Zu Hause stehe ich morgens auf und gehe mit unserem lauffreudigen Hund in den Bergen hinter dem Haus spazieren», so Adams. Anschliessend arbeite er bis zum Nachmittag in seinem Atelier, trinke dabei «Unmengen grünen Tees» und beschäftige sich am Abend mit anderen Dingen: «Ich koche dann […] etwas Schönes, lese oder schaue einen Film mit meiner Frau.» Die Klischees vom rauschhaft schaffenden Künstler oder von einem ausschweifenden Bohème-Leben wird man angesichts solcher Beschreibungen nicht unbedingt assoziieren.

Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Heute Abend musiziert das San Francisco Symphony unter der Leitung von Michael Tilson Thomas als Schweizer Erstaufführung John Adams Absolute Jest. Am Freitag folgt dann u. a. Gustav Mahlers Erste Sinfonie.

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