Was ist so komisch … am Verbeugen?

Solisten des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA nach einem Kammerkonzert (Foto_Priska Ketterer)

Solisten des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA nach einem Kammerkonzert (Foto: Priska Ketterer)

Mit den Wiener Philharmonikern unter Sir Simon Rattle und Edward Elgars The Dream of Gerontius endet heute das Luzerner Sommer-Festival. Und so endet auch unsere kleine Serie zum Festivalthema «Humor» – natürlich mit einer finalen Verbeugung.

Am Ende eines Konzerts steht der Dank: Das Publikum spendet den Musikern Applaus, und die Künstler verneigen sich ihrerseits vor den Hörerinnen und Hörern. Wie diese Verbeugung ausfällt, dafür gibt es allerdings erstaunlich viele Spielarten, die auch vom Temperament, vom Alter oder vom Berühmtheitsgrad des jeweiligen Kandidaten abhängen. Bei Herren ist der Diener verbreitet, doch kann er langsam gleitend oder aber ruckhaft ausgeführt werden. Auch Damen bevorzugen in jüngerer Zeit verstärkt diese Form der Dankesbezeugung: Mit einer besonders aparten Ausprägung wartet dabei die äusserst biegsame japanische Pianistin Mitsuko Uchida auf, deren Verbeugung so tief ausfällt, dass sie fast schon an eine gymnastische Übung erinnert und die Fingerspitzen den Fussboden touchieren.

Den Gegentypus bildet die aufrechte Haltung des Stars, der freundlich lächelnd und erhobenen Hauptes den Blick über die Parkettreihen schweifen oder auch zu einem kurzen Ausflug in die oberen Ränge aufsteigen lässt – so erlebte man es zum Beispiel bei Claudio Abbado. Je nach Gusto kann dabei, zur Verstärkung des Dankes, die rechte Hand aufs Herz gelegt oder zum Gruss erhoben werden. Einige gefeierte Tenöre wiederum lieben es, selbstherrlich und siegesgewiss die Arme auszubreiten: Seid umschlungen, Millionen! Das Analogon dazu bietet die Primadonna, die, ihre Arme demütig über der Brust verschränkt, zum tiefen Knicks ansetzt, einen Blumenregen erwartet und – nach Eintreffen des gewünschten Ereignisses – Symptome der Rührung zu erkennen gibt, sei es spontan und ehrlich oder gespielt und routiniert. Ganz anders dagegen der Typus des scheuen Pianisten, der so zögerlich aufs Podium zurückkehrt, als habe er ein Gerichtsurteil zu erwarten, und sich vorsichtshalber hilfesuchend am Flügel festhält.

Der späte Herbert von Karajan pflegte, wenn er genug des Beifalls genossen hatte, ein letztes Mal im Mantel zu erscheinen, nur noch am Rand der Bühne, nicht mehr vorn auf der «Pole Position». Seine Verehrer verstanden sogleich, was die Stunde geschlagen hatte und machten sich zielstrebig zur Garderobe auf, um sich nun ebenfalls den Mantel anzuziehen … Bei einigen Musikern wiederum lässt sich das Wort vom «Baden im Applaus» trefflich erleben. Etwa bei einem berühmten Karajan-Schüler und regelmässigen Gast von LUCERNE FESTIVAL, der sich, wenn alle Orchestersolisten ihren individuellen Applaus erhalten haben, zur Krönung der Zeremonie noch einmal auf sein Dirigentenpult begibt und sich, aufgestützt auf das (hoffentlich stabile) Geländer, so weit vorbeugt, dass er in eine bedenkliche Schräglage von etwa 45% gerät und man befürchten muss, er könne ins Publikum stürzen und die vorderste Front seiner Bewunderer erschlagen. Doch es geht auch anders: Der nachdenkliche und zurückgenommene Künstler gibt die Ovationen des Publikums weiter an den grösseren Meister, an den Komponisten, und symbolisiert dies dadurch, dass er zum Beispiel die Partitur an sein Herz drückt oder auf sie deutet und die Hand dabei dankend gen Himmel richtet, wo die musikalischen Götterlieblinge natürlich zu Hause sind. Bescheidenheit ist auch eine Zier.

Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

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