«Die Begabung, Musik kompetent zu deuten und zu vermitteln, ist selten». Bernard Haitinks Luzerner Meisterklasse

2015_LF_ZU_OSTERN_B_HAITINK_MEISTERKURS_P_FISCHLI_23032015_30Zum bereits sechsten Mal findet vom 17. bis 19. März 2016 Bernard Haitinks Meisterkurs für jungen Dirigenten statt – eine Institution des Luzerner Oster-Festivals. Alois Koch und Erich Singer unterstützten den niederländischen Maestro bei der Durchführung des Meisterkurses sowie bei der Auswahl der Teilnehmer und berichten von ihren Erfahrungen.

Wie viele junge Dirigentinnen und Dirigenten bewerben sich eigentlich jedes Jahr für den Meisterkurs? Und woher kommen sie?
Alois Koch: Die Nachfrage ist enorm: Es melden sich jeweils über 300 Bewerber und Bewerberinnen an, buchstäblich aus der ganzen Welt.
Erich Singer: Und die Zahl der Interessierten ist kontinuierlich gestiegen. Jedes Jahr wieder stellen wir ein neues «Rekordergebnis» fest – was selbstverständlich auch die Auswahl immer schwieriger macht. Denn die Anzahl an Kandidaten, die wir zur Prüfung vor Ort zulassen und aus deren Reihen wir dann eine kleinere Gruppe für die aktive Arbeit mit den Festival Strings Lucerne bestimmen, ist seit Anbeginn des Meisterkurses stets dieselbe geblieben.

Im kommenden Sommer rückt LUCERNE FESTIVAL mit dem Motto «PrimaDonna» dezidiert Dirigentinnen in den Fokus: Vermitteln die Bewerbungen für Bernard Haitinks Meisterkurs den Eindruck, dass immer mehr Frauen ans Pult treten, oder bleibt das Dirigieren weiterhin eine Männerdomäne?
Alois Koch: Quantitativ gesehen dominieren die Männer schon, doch gibt es zunehmend hochbegabte junge Dirigentinnen, die auch künstlerisch eine neue Dimension einbringen.
Erich Singer: Konkret sieht es diesmal so aus, dass sich unter den für die Prüfung vor Ort ausgewählten Kandidaten drei Dirigentinnen befinden.

Was müssen die Bewerberinnen und Bewerber einreichen?
Erich Singer: Einen kurzen Lebenslauf, vor allem ihre Ausbildung und den Status quo betreffend, dazu die Empfehlung einer Musikerpersönlichkeit und eine Repertoireliste. Ausschlaggebend ist aber vor allem ein Video (auf YouTube gestellt), das für die Vorauswahl zu 90% entscheidet.

Und worauf achten Sie bei der Selektion besonders? Worauf kommt es an?
Alois Koch: Handwerkliche Fertigkeiten – Partiturkenntnis, Schlagtechnik, Autorität – sind die Basis, die heute bei den meisten Bewerber und Bewerberinnen dank der Ausbildungsangebote der Hochschulen gelegt ist. Doch die wirkliche Begabung, Musik kompetent zu deuten und zu vermitteln, ist nach wie vor selten. Sie ist schwer zu definieren, aber relativ leicht zu erkennen. Bernard Haitink hat dafür ein untrügliches Gespür.
Erich Singer: Für Bernard Haitink ist überdies relevant, ob er dem Bewerber bei seiner Entwicklung hilfreich sein kann oder ob dieser den Eindruck erweckt, er sei an dem Punkt angelangt, an dem er selbst seinen zukünftigen Weg bestimmen muss. Wenn auf der anderen Seite der Ausbildungsstand noch nicht für eine aktive Teilnahme reicht, legt Bernard Haitink insbesondere sehr jungen Talenten ans Herz, den Kurs als Hörer zu besuchen. Davon können sie vielleicht mehr profitieren, als wenn sie fortwährend mit den eigenen Dirigierproblemen beschäftigt wären.

Sie begleiten den Meisterkurs während des Oster-Festivals jeweils auch vor Ort. Wie würden Sie Bernard Haitinks Ansatz als Pädagoge beschreiben? Und wie reagieren die Teilnehmer auf Bernard Haitink?
Alois Koch: Maestro Haitink hat kein definiertes pädagogisches Konzept, aber er verfügt über die unvergleichliche Fähigkeit zu erkennen, was einem jungen Dirigenten (noch) fehlt. Behutsam führt er die Meisterschüler im konkreten Umgang mit dem Orchester auf den richtigen Weg – und es ist immer wieder verblüffend, wie unterschiedlich dieser «richtige Weg» sein kann.
Erich Singer: Ebenfalls verblüffend ist, dass es oft keiner belehrenden Worte bedarf, Stattdessen greift Bernard Haitink manchmal einfach selbst zum Taktstock und dirigiert eine Passage vor, um zu demonstrieren, «auf was es ankommt». Dabei geht es ihm nicht um eine «Dirigierdoktrin». Vielmehr lässt er – pauschal gesagt – jedem Studenten seinen individuellen Dirigierstil. Er hilft, diesen sinnvoller oder zielgerichteter einzusetzen.

Was können die jungen Dirigenten meistens schon sehr gut und wo hapert es noch? Anders gefragt: In welchen Bereichen können sie vom Meisterkurs besonders profitieren?
Erich Singer: Junge Dirigenten sind sich in vielen Fällen ihrer künstlerischen Verantwortung (noch) zu wenig bewusst. Sie richten ihr Augenmerk zu sehr auf die Technik, die ja nur eine – wenn auch wichtige – Basis bildet, aber oft zu äusserlichen «Showeffekten» verführen kann. Mit feinen Winken vermag Bernard Haitink auf ein solches Manko hinzuweisen. «Weniger ist mehr»: diese lapidare Äusserung leistet manchmal schon grosse Hilfe.
Alois Koch: Wie schon gesagt: Die technischen Voraussetzungen sind bei der jungen Generation sehr gut. Am meisten profitieren sie deshalb während des Kurses von der konkreten Erfahrung, dass nur künstlerische Authentizität zum Dirigieren berechtigt. Bernard Haitink, aber auch die Musiker und Musikerinnen der Festival Strings Lucerne, mit denen die Teilnehmer während der Meisterklasse proben, realisieren und reflektieren das – bewusst oder unbewusst – sofort. Damit aber werden wirkliche Begabungen gefördert und konsolidiert.

Die Fragen stellte Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Auswahl für den Meisterkurs Dirigieren mit bernard Haitink_2016

Alois Koch, Erich Singer und Bernard Haitink bei der Begutachtung der Bewerber im Januar.

Dieser Beitrag wurde unter Alle Beiträge abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *