«Meine Gestik verändert sich ständig.» Barbara Hannigan über die Gesangsstimme und die Herausforderung des Dirigierens

Schon vor zwei Jahren ein Dreamteam: Barbara Hannigan und das Mahler Chamber Orchestra, Luzern 2014 (Foto: Priska Ketterer)

Schon vor zwei Jahren ein Dreamteam: Barbara Hannigan und das Mahler Chamber Orchestra bei ihrem Auftritt im Festspielsommer 2014 (Foto: Priska Ketterer/LUCERNE FESTIVAL)

Singen und Dirigieren – Barbara Hannigan kann beides. Und vor allem: beides gleichzeitig. Das zeigt Sie zum Beispiel am 23. August 2016, bei ihrem Auftritt beim Luzerner Sommer-Festival, mit dem Mahler Chamber Orchestra und Werken von Haydn bis zu Gershwins Musical-Hit Girl Crazy. Wir haben die kanadische Ausnahmekünstlerin vorab zu ihrer ungewöhnlichen Doppelrolle als singende Maestra befragt.

Eine Dirigentin, die singt, oder eine Sängerin, die dirigiert, hat es meines Wissens vor Ihnen noch nicht gegeben. Wie sind Sie auf diese eigenwillige Idee gekommen?
Es war eigentlich gar nicht meine Idee. Sie stammte vielmehr von René Bosc, dem künstlerischen Leiter des «Festival Présences» von Radio France. Er hatte seit einigen Jahren schon meine Entwicklung als Sängerin verfolgt, und 2007 nahm er mich dann zur Seite und sagte mir, ich solle mir doch einmal überlegen, ob ich nicht auch dirigieren wolle. Er muss bei meiner Art zu singen ein Potential erkannt haben, das ihn zu diesem Vorschlag veranlasste. Mir erschien das eine aufregende, aber auch gewagte Herausforderung zu sein, auf die ich grosse Lust hatte. René Bosc hat daraufhin 2011 mein Debut am Pariser Châtelet arrangiert, mit Strawinskys Renard. Und er kam auch auf den Gedanken, dass ich bei Ligetis Mysteries of the Macabre gleichzeitig dirigieren und singen sollte. Als Sängerin dieses Stücks war ich ja bereits bekannt genug, aber dazu noch die Leitung zu übernehmen – das machte grossen Eindruck! Bald nach diesem Debut haben mich auch andere Orchester gefragt, ob ich nicht mit ihnen spezielle Programme erarbeiten wolle, bei denen ich singen und dirigieren würde. Und so begann ich vorsichtig, vokal-instrumentale Werke und Orchesterstücke zu kombinieren, die gut zueinander passen.

Singen und Dirigieren sind allein schon von der räumlichen Disposition her zwei sehr verschiedene Disziplinen: Die Sängerin blickt eigentlich ins Publikum, die Dirigentin wendet den Hörern dagegen den Rücken zu. Wie lässt sich das verbinden?
Äusserlich besehen ist das so, ja, es sind verschiedene Aspekte und Zielrichtungen. Wenn ich mit dem Orchester arbeite, wende ich mich natürlich den Musikern direkt zu und gebe ihnen eine Menge Hinweise und Einsätze während der ersten Proben. Je stärker wir aber spüren, wie wir die Musik präsentieren wollen, desto sparsamer werden meine Gesten und desto mehr Verantwortung übernehmen die Spieler selbst. Es ist dann eher wie bei der Kammermusik, allerdings mit einem sehr grossen Ensemble. In den Schlussproben drehe ich dem Orchester den Rücken zu. Zunächst ist das sowohl für die Musiker als auch für mich selbst eine Herausforderung. Jedes Orchester geht anders damit um, aber wir finden immer eine Lösung, und es kann sich wirklich lohnen, auf diese Weise zu musizieren.

Wenn Sie zum Beispiel ein Stück von Strawinsky dirigieren, bei dem es nichts zu singen gibt: Ändert sich dann Ihre Dirigiertechnik?
Wenn ich eine Strawinsky-Sinfonie dirigiere, dann ist das in vielerlei Hinsicht leichter für mich, weil ich mich ganz auf das Orchester konzentrieren und die Musiker ansehen kann, ohne dass ich mich um meine eigene Stimme kümmern muss. Dann atme ich nur für sie und für die Musik. Meine Gesten differieren aber ohnehin von Stück zu Stück und sogar bei jeder Phrase. Wenn es nötig ist, kann ich sehr rhythmisch und deutlich schlagen; wenn die Musik dagegen eher frei fliesst, dann braucht es eine andere Zeichengebung, dann versuche ich das Organische, Luftige und Transparente des Klangs auszudrücken. Der Körper antwortet auf die innere Vorstellung – so jedenfalls läuft das bei mir ab. Ich arbeite nicht nach Schema F, meine Gestik verändert sich ständig.

Als Sängerin gehören Sie seit Jahren zu den Weltstars. Glauben Sie, dass diese Reputation Ihren Einstieg in das dirigentische Metier erleichtert hat?
Ganz sicher. Viele Musiker, mit denen ich jetzt als Dirigentin zusammenarbeite, haben mich schon als Sängerin gekannt und als Musikerin respektiert. Ich bin insofern als ihre «Mitspielerin» in den Ring getreten, als ein Teil des Teams.

Dirigentinnen gehören selbst heute noch zu einer verschwindenden Minderheit im Musikleben. Warum ist dieser Beruf so ausgesprochen männlich geprägt?
Das ist schwer zu erklären und vielleicht auch gar nicht so interessant. Natürlich werden Geschlechterfragen nach wie vor diskutiert und erscheinen einigen Leuten als spannend. Bevor ich 27 Jahre alt war, hatte ich noch nie eine Frau am Orchesterpult erlebt. Und bis heute habe ich nur mit einer einzigen Dirigentin gearbeitet, nämlich mit Susanna Mälkki. Es gibt einfach noch immer nicht so viele. Der Job des Dirigenten ist eine klassische Führungsposition und eine der letzten Männerbastionen. Doch ich habe nicht das Gefühl, dass es bei dem Ausschluss von Frauen bleiben muss – gerade im Moment fühlen sich viele ermutigt, eine Karriere als Dirigentin zu wagen. Es ist eine neue Entwicklung, und sie wird noch weitere Zeit brauchen. Mich berührt es jedenfalls, wenn ich sehe, wie mich manche Mädchen im Publikum beim Dirigieren beobachten. Und ich hoffe, dass sie mich und die anderen Dirigentinnen als etwas ganz Normales begreifen.

Wenn Sie versuchen, einen prophetischen Blick in die Zukunft zu werfen: Wo wird man Barbara Hannigan in zehn oder fünfzehn Jahren finden? Noch immer auf der Opernbühne, oder planen Sie à la longue den kompletten Umstieg ans Pult?
Natürlich schaue ich nach vorn. Mein Terminkalender ist für die nächsten vier oder fünf Jahre durchgeplant, und dabei muss ich genau überlegen, was ich singen will, welche neuen Opernrollen ich erarbeiten möchte und welches Repertoire für mich als Dirigentin in Frage kommt. Ich versuche, alles gut und effektiv auszubalancieren. Und das heisst, dass ich in vielleicht zehn Jahren weniger singen und mehr dirigieren werde. Ähnlich wie der Körper von Sportlern ist auch die Stimme einem natürlichen Verschleiss ausgesetzt, sie verliert im Lauf der Zeit die Leichtigkeit und Beweglichkeit, die man vielleicht in seinen Dreissigern oder Vierzigern noch gehabt hat. Das muss man einfach akzeptieren, und genau deshalb werde ich einiges ausprobieren. Zum Beispiel bin ich ganz begierig darauf, einmal eine Oper zu dirigieren und an einer Neuproduktion mitzuwirken, d. h. auch als Dirigentin schon bei den meisten szenischen Proben mit dabei zu sein und gemeinsam mit einem Team diese ganzheitliche Erfahrung des Musiktheaters auskosten zu können. Ich glaube fest daran, dass man mit der Zeit an Wissen und Fähigkeiten gewinnt, und deshalb gehe ich auch davon aus, dass meine musikalische Kapazitäten noch wachsen, selbst wenn meine Gesangsstimme schwächer wird. Meine Stimme als Musikerin kann ich dann dem Dirigieren überlassen und auf diese Weise künstlerisch fortwirken bis in meine besten Jahre – sofern die Gesundheit es zulässt.

Die Fragen stellte Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

Am 23. August kehrt Barbara Hannigan zu LUCERNE FESTIVAL zurück. Gemeinsam mit dem Mahler Chamber Orchestra interpretiert sie ein abwechslungsreiches Programm, das von Debussys Syrinx für Soloflöte bis zu Bergs Lulu-Suite, von einer Haydn-Sinfonie bis zu Gershwin-Evergreens wie I Got Rhythm oder Embraceable You reicht.

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Eine Antwort auf «Meine Gestik verändert sich ständig.» Barbara Hannigan über die Gesangsstimme und die Herausforderung des Dirigierens

  1. Ott Hans R. sagt:

    Ich habe Frau Hannigan an der Uraufführung von Unsuk Chin im 2014 erlebt. Das war absolute Spitze. Selbstverständlich werde ich auch ihr diesjähriges Konzert besuchen.

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