«Die Kraft muss aus dem Innern kommen.» Alisa Weilerstein über frühe Dvořák-Erlebnisse, Cellopionierinnen und Körpereinsatz

Die amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein debutiert in diesem Sommer in Luzern (Foto: Harald Hoffmann)

Die amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein debutiert am 16. August in Luzern (Foto: Harald Hoffmann)

Alisa Weilerstein, Sie feiern Ihr Luzerner Festspieldebut mit Dvořáks berühmtem Cellokonzert. Was bedeutet dieses Werk für Sie persönlich?
In meiner Erinnerung ist das Dvořák-Konzert das erste Cellowerk, das ich in meiner frühen Kindheit gehört habe – oder jedenfalls das erste, das sich in mein Gedächtnis eingegraben hat. Ich war damals vielleicht zwei Jahre alt. Das führte dazu, dass ich dieses Stück sofort lernen wollte, als ich mit vier Jahren Cellounterricht erhielt. Tatsächlich habe ich sehr bald versucht, den Cellopart zu «spielen» oder mich irgendwie durchzuwursteln. Ernst wurde es dann, als ich zwölf war: Da habe ich es professionell einstudiert, und wiederum zwei Jahre später habe ich es erstmals in einem Konzert aufgeführt. Mittlerweile allerdings habe ich den Dvořák so oft gespielt, dass ich aufgehört habe mitzuzählen. Ich denke, das Cellokonzert ist eines der besten Werke dieses Komponisten überhaupt, in gewisser Weise seine Zehnte Sinfonie. Denn es hat diese unglaublich reiche Orchestrierung und emotionale Bandbreite – ein tolles Stück. Was den Solopart angeht, so halte ich die musikalische Herausforderung für grösser als die technische: Man muss die Strukturen gut herausarbeiten, die Stimmen geschickt gewichten und der speziellen «Unschuld» dieser Musik gerecht werden: ihrer Naturliebe, ihrem Idealismus.

Sie haben schon erwähnt, dass Sie erst vier waren, als Sie mit dem Cellospiel begannen: Was hat Sie an diesem Instrument denn so fasziniert?
Ich stamme ja aus einer Musikerfamilie und bekam deshalb schon als Kleinkind viele Instrumente zu hören. Aber ich weiss noch, dass für mich nur das Cello in Frage kam – entweder das oder gar nichts. Und ich lag damit nicht so falsch, denn heute bin ich der Meinung, dass sich auf keinem anderen Instrument all das besser ausdrücken lässt, was man nicht in Worte fassen kann – bis hin zu komödiantischen Aspekten.

Sie gehören der jungen Interpretengeneration an, die im Zeitalter der Gleichberechtigung aufgewachsen ist. Für viele Ihrer Vorgängerinnen war eine Solistenkarriere aber noch nicht selbstverständlich: Welche Cellistinnen würden Sie als Wegbereiterinnen bezeichnen?
Zunächst einmal die Portugiesin Guilhermina Suggia, die von 1885 bis 1950 lebte und als eine der ersten eine glamouröse Karriere machte. Dann natürlich Zara Nelsova, die 2002 im Alter von 83 Jahren starb: Bei ihr habe ich sogar noch Meisterkurse nehmen können, in Aspen. Sie war eine grossartige Musikerin – und eine Diva auf der Bühne. Sie legte zum Beispiel grossen Wert darauf, wie man auftritt, also das Podium betritt, oder wie man dort Platz nimmt und sitzt. Die Eleganz, die sie ausstrahlte, hat mich sehr beeindruckt. Als dritte möchte ich Jacqueline du Pré nennen, die das Idol meiner Jugendjahre war und die ich über alles bewundert habe, weil sie eine solche Natürlichkeit ausstrahlte und einen ganz direkten musikalischen Zugriff hatte. Leider starb sie schon, als ich erst fünf Jahre alt war. Diese drei Musikerinnen haben meiner Generation den Weg geebnet.

Im 19. Jahrhundert mussten Cellistinnen noch im «Damensitz» spielen und durften ihr Instrument nicht zwischen die Beine nehmen, sondern hatten es links des Körpers zu halten. Könnten Sie so musizieren?
Nein, das ist unmöglich, so kann man keinen grossen Klang produzieren. Denn das Cellospiel verlangt doch vollen Körpereinsatz – züchtiges Gehabe ist da fehl am Platz! Aber diese Geschichte ist bezeichnend für den schwierigen und mühevollen Weg, den wir Frauen über die Jahrhunderte zurücklegen mussten.

Glauben Sie, dass es bestimmte musikalische Qualitäten gibt, die sich häufiger bei Frauen finden oder umgekehrt bei Männern?
Das würde ich nicht sagen. Ich glaube, dass die Musik und das Musizieren mit dem Geschlecht nichts zu tun haben. Worauf es ankommt, sind individuelle Qualitäten, angefangen mit der Ausbildung, dem Instinkt oder dem Intellekt.

Und wie sieht es mit physischen Faktoren aus, mit der Kraft oder der Spannweite der Hände?
Es kommt immer darauf an, wie man mit seinen Anlagen umgeht und sie einsetzt – Grösse und physische Kraft allein sind nicht ausschlaggebend. Ich selbst bin zum Beispiel nicht gerade hochgewachsen, an meinen besseren Tagen erreiche ich vielleicht 1,57 Meter, weshalb ich auch so gerne High Heels trage. Aber ich habe von guten Lehrern und durch Erfahrung gelernt, wie ich gleichwohl einen voluminösen Ton erreiche, der auch in grossen Sälen trägt. Man muss dazu den ganzen Körper zum Einsatz bringen – es ist ein wenig wie bei Yoga. Das heisst, die Kraft muss aus dem Innern kommen, gestützt vom Rücken und vom Bauch; die Beine bilden ebenfalls eine wesentliche Stütze. Dadurch fliesst dann eine intensive Energie, und natürlich muss man die Arme frei bewegen können, denn so entsteht der reichhaltige Klang.

Von allen Musikerinnen haben es bis heute die Dirigentinnen am schwersten. Haben Sie schon einmal mit einer Dirigentin zusammengearbeitet?
Oh ja, sehr oft sogar – und das waren eindrucksvolle Erlebnisse. Wir stehen vor der glücklichen Situation, dass eine Reihe hochbegabter Dirigentinnen zur grossen Karriere ansetzt: Denken Sie nur an Mirga Gražinytė-Tyla, die neue Musikdirektorin des City of Birmingham Symphony Orchestra, oder an Karina Canellakis, die gerade den «Sir Georg Solti Conducting Award» gewonnen hat. Nicht zu vergessen Marin Alsop, mit der ich nächste Woche wieder zusammenarbeiten werde: Sie ist eine echte Vorreiterin. Ebenso Simone Young, mit der ich schon öfter aufgetreten bin. Es tut sich wirklich etwas in der Branche! Auch weil die Orchester endlich eine grössere Offenheit zeigen und dadurch die Chance entsteht, dass wir häufiger Frauen am Pult erleben und sie als etwas Normales empfinden werden. Marin Alsop hat die Situation der Dirigentinnen mit derjenigen der Pilotinnen verglichen und erzählt, wie sie einmal erschrak, als sie merkte, dass das Flugzeug, in das sie einsteigen wollte, von einer Frau geflogen wird. Und dabei gleichzeitig konstatierte, dass ihr spontaner Impuls genau dem Verhaltensmuster jener Sexisten entsprach, deren «Erziehung» sie sich doch eigentlich zur Aufgabe gemacht hat. Mit anderen Worten: Wir alle müssen versuchen, die eingefahrenen Erwartungshaltungen zu verändern. Aber wir sind schon auf einem ganz guten Weg.

Interview: Susanne Stähr

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

In diesem Sommer debutiert Alisa Weilerstein bei LUCERNE FESTIVAL: Am Dienstag, dem 16. August, interpretiert sie mit dem Bernard Haitink und dem Chamber Orchestra of Europa Dvořáks Cellokonzert. Und mit der Sinfonie aus der Neuen Welt steht in der zweiten Konzerthälfte ein weiterer Hit auf dem Programm.

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