«Frauen haben eine grosse Zukunft». Intendant Michael Haefliger über das Festivalthema «PrimaDonna» und Dirigentinnen

Michael Haefliger (Foto: Marco Borggreve)

Michael Haefliger (Foto: Marco Borggreve)

Das Sommer-Festival 2016 setzt sich unter dem Motto «PrimaDonna» für eine bessere Stellung der Frauen im Musikleben ein. Es war deine ureigene Idee: Wie bist du auf dieses Thema gekommen, was war der Auslöser?
Seit mehreren Jahren hat mich die Frage permanent beschäftigt, warum es nur so wenige Frauen gibt, die dirigieren. Ich habe diese Frage auch immer wieder berühmten Maestros gestellt und zur Antwort meist ein schulterzuckendes «Das geht einfach nicht …» erhalten. Aber befriedigt hat mich diese Auskunft nie. Also habe ich das Thema eines Tages bei unseren Planungsgesprächen im Künstlerischen Büro zur Diskussion gestellt. Und wieder gab es zunächst Reaktionen wie: «Das ist doch nichts für uns», «Das ist aber gefährlich» oder «Es wäre der falsche Weg, gewaltsam etwas zu erzwingen». In mir hatte es sich jedoch festgesetzt: Ich wollte ganz bewusst, dass LUCERNE FESTIVAL einen Schritt in diese Richtung wagt und den Finger in die Wunde legt. Und allein schon die mediale Beachtung, auf die wir mit dem Motto «PrimaDonna» stossen, zeigt, dass wir etwas Brisantes und Hochaktuelles unternehmen.

11 Dirigentinnen, mehr als 40 Solistinnen, über 25 Komponistinnen werden uns während des Festivals begegnen. Was möchtest du mit dieser geballten «Frauenpower» erreichen?
In erster Linie geht es mir darum, dass Frauen künftig eine höhere Präsenz auf den Konzertpodien erleben, insbesondere natürlich die Dirigentinnen. Die Zeit dafür scheint mir genau jetzt reif zu sein, denn man sieht, dass sich gerade wirklich etwas bewegt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Im Frühjahr wurde Mirga Gražinytė-Tyla als Chefdirigentin zum City of Birmingham Symphony Orchestra berufen und damit zur Nachfolgerin eines Simon Rattle und Andris Nelsons – das ist ein Ritterschlag. Oder Susanna Mälkki, die unlängst zur Musikdirektorin des Helsinki Philharmonic und gleichzeitig noch als Principal Guest Conductor des Los Angeles Philharmonic ernannt wurde. Auch Barbara Hannigan hat schon Top-Engagements, Marin Alsop ohnehin, und Emmanuelle Haïm ist ebenfalls eine gestandene Dirigentin, die nach mehreren Auftritten mit den Berliner Philharmonikern jetzt bei uns in Luzern die Wiener leiten wird. Insofern scheint mir unser Festivalthema gerade zum richtigen Zeitpunkt zu kommen. Grundsätzlich geht es um einen Normalisierungsprozess: Ich wünsche mir, dass das Konzertpublikum Dirigentinnen als etwas ganz Selbstverständliches empfindet.

Aber wie lässt sich Nachhaltigkeit erreichen? Wie können Frauen nicht nur einen Festspielsommer lang, sondern dauerhaft zum Zuge kommen?
Für LUCERNE FESTIVAL bedeutet es, dass man neue Beziehungen aufbauen muss. Zum Beispiel, dass wir das City of Birmingham Symphony Orchestra mit Mirga Gražinytė-Tyla wieder einladen – ein Orchester, das ja nicht zuletzt dadurch für Furore gesorgt hat, weil es immer den richtigen Riecher für die Stars der Zukunft hatte. Denn auch Rattle und Nelsons standen noch ganz am Anfang ihrer Karrieren, als sie dort die Verantwortung übernahmen. Über dieses konkrete Beispiel hinaus gilt, dass die meisten Dirigentinnen, die wir in diesem Sommer eingeladen haben, mittlerweile für Positionen bei Spitzenorchestern in Betracht kommen. Und allein das wird schon zu einer Verstetigung ihrer Auftritte führen.

Wie erklärst du dir eigentlich, dass es bisher so wenige Dirigentinnen gab?
Wir waren es einfach nicht gewohnt. Seit Felix Mendelssohn, der vor gut 180 Jahren der erste Maestro im heutigen Sinne war und mit einem Taktstock vor sein Orchester, das Leipziger Gewandhausorchester, trat, hatten doch immer Männer diese Position besetzt und sie entsprechend mit «männlichen» Attributen versehen. Auch wenn man sich natürlich fragen muss, was eigentlich so «männlich» am Dirigieren sein soll … Jedenfalls haben die Männer durch diese Tradition einen derartigen Vorsprung gewonnen – in der Ausbildung und in der Ausprägung ihres Berufsprofils –, dass die Frauen erst einmal viel aufzuholen hatten und noch immer haben. Im Übrigen mussten sich auch die Orchester erst weiterentwickeln und zu einer neuen Offenheit finden, um nicht nur männliche Führungspersönlichkeiten zu akzeptieren. Auch sie spielen eine wichtige Rolle in diesem Prozess.

Kannst du dich noch an die erste Dirigentin erinnern, die du erlebt hast?
Ja, sehr gut sogar. Das war die Amerikanerin Sarah Caldwell, die übrigens auch als erste Frau an der Metropolitan Opera dirigiert und als eine der ersten die New Yorker Philharmoniker geleitet hat. Ich habe sie damals mit dem Boston Symphony Orchestra gehört, während meiner Zeit als Student an der New Yorker Juilliard School. Sie war eine recht voluminöse Erscheinung, aber sie hat auf mich grossen Eindruck gemacht. Sarah Caldwell liebte es, das Publikum vor ihren Konzerten in die Programme einzuführen, sie war sehr eloquent und souverän, ihrer Zeit jedenfalls deutlich voraus. Danach aber habe ich erst in den letzten fünfzehn Jahren häufiger Frauen am Pult erlebt. Und das dürfte damit zu tun haben, dass bei vielen Veranstaltern einfach die Bereitschaft noch nicht vorhanden war, Dirigentinnen zu engagieren.

Die Benachteiligung von Frauen ist kein exklusives Phänomen des Musik-lebens – wir finden sie ebenso sehr in der Politik oder in der Wirtschaft. Wie reagiert man dort auf unser Frauenthema?
Ich hatte keine Probleme, auch in unserem Stiftungsrat nicht, dem wir das Thema natürlich vorgestellt haben: Es wurde einhellig begrüsst. Alle fanden es interessant und haben es unterstützt. Natürlich gibt es auch in der Wirtschaft und der Politik noch einiges aufzuholen, die Zahl der CEO’s in grossen Unternehmen ist überschaubar. In Amerika ist man da schon weiter, gerade bei den neuen Technologien. Diese Chefinnen sind allerdings meist jünger und gehen auch in neue Branchen, die noch nicht so nachhaltig von Männern besetzt sind. Vielleicht werden sich aber die Banker und andere früher oder später daran ein Beispiel nehmen.

Was ist dein Wunsch für dieses Festival: Was soll bleiben?
Ich wünsche mir ein Umdenken: Die Erkenntnis sollte sich durchsetzen, dass Frauen eine grosse Zukunft haben, als Künstlerinnen und insbesondere im Beruf der Dirigentin. Denn ich bin sicher: Das Musikleben wird davon unglaublich profitieren.

Interview: Susanne Stähr

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

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