«Meine Musik soll frei strömen wie die Luft.» Maria Schneider über Lyrik und Musik, Improvisation und Frauen im Jazz

Maria Schneider, eine jazzige PrimaDonna im Luzerner Festspielsommer 2016 (Foto: Whit Lane)

Maria Schneider, eine jazzige PrimaDonna im Luzerner Festspielsommer 2016 (Foto: Whit Lane)

Wenn neben einem Orchester auch ein Jazztrio auf der Bühne steht, ist klar: Hier erwartet Sie kein gewöhnliches Sinfoniekonzert. Die LUCERNE FESTIVAL ACADEMY hat für das Schlusskonzert des grossen Erlebnistages am Sonntag, dem 21. August, die Amerikanerin Maria Schneider eingeladen, die First Lady des Big-Band-Jazz. Im Interview berichtet die mehrfache «Grammy»-Gewinnerin von den zwei Song-Zyklen, die sie mit den jungen Akedemisten einstudiert und vorstellt.

Maria Schneider, in beiden Werken, die Sie am Luzerner «Erlebnistag» vorstellen, haben Sie Gedichte vertont: In Winter Morning Walks eine Auswahl aus dem gleichnamigen Zyklus des amerikanischen Lyrikers und Pulitzer-Preisträgers Ted Kooser, in den Carlos Drummond de Andrade Stories Verse des wohl bedeutendsten brasilianischen Dichters des 20. Jahrhunderts. Was hat sie an Kooser und Drummond de Andrade angesprochen?
Ted Kooser stammt aus dem gleichen Teil der Vereinigten Staaten wie ich. Seine Texte vermitteln einem das Gefühl der Landschaften des Mittleren Westens, und sie erfassen auch die Einfachheit des Lebens, die ich mit meiner Heimat verbinde. Ich liebe die Sprache seiner Gedichte, die sehr menschlich ist und ganz nah dran an der Wirklichkeit. Und weil Dawn Upshaw (die die Uraufführung von Winter Morning Walks sang) eine so grossartige Wort-Ausdeuterin ist, weil sie mit einer solchen Ehrlichkeit singt, schien es mir nur angemessen, dass die von mir vertonten Texte ebenfalls ehrlich sein sollten. Auch Drummond de Andrades Dichtung entsteht aus einer einfachen, wahren Sprache – menschlich und rau. Ich liebe das Drama, ich liebe aber auch, als Kontrast, den Humor. Beides gibt es in Drummonds Texten, und es fällt nicht schwer zu verstehen, warum sich die Brasilianer seinem Werk so nahe fühlen. Ausserdem ist für viele seiner Gedichte das Gefühl für den Ort entscheidend – das hat er mit Kooser gemeinsam.

Wie sind Sie vorgegangen: Haben Sie die Gedichte Wort für Wort in Klänge «übersetzt»?
Vor allem lag mir daran, dass Dawn die Worte so singen kann, als würden sie gesprochen: Ihre Bedeutung sollte durchscheinen, und die Melodie sollte die Kontur der Sprache nachzeichnen – so wie die Musik als Ganzes die Bedeutung hinter den Worten erfassen sollte. Diese wunderschönen Gedichte sind einfach, aber nicht schlicht. Sie sind realistisch, rau und menschlich. Ich wollte sie nicht dekonstruieren und unverständlich machen. Mir ging es vielmehr darum, ihnen Ehre zu erweisen, indem ich sie in Klang hülle und sie dadurch um eine weitere Ausdrucksebene bereichere.

Zum Orchester tritt in Winter Morning Walks ein improvisierendes Trio. Wie lässt sich das koordinieren?
Es ist schwierig, notierte und improvisierte Musik bruchlos zusammenzubringen. Die improvisierten Abschnitte sollen dem Ensemble und Dawn eine ganz eigene Freiheit des Ausdrucks hinzufügen. Aber auch das Orchester gestaltet freie Texturen – zum Beispiel, was das Timing angeht: Hier orientieren sich die Musiker vielfach an Dawn. Meine Musik sollte frei dahinströmen wie die Luft. Sie aus dem Korsett der Taktstriche zu lösen und einen völlig natürlichen Zeitfluss zu erreichen – darum ging es mir im Kooser-Zyklus.

Und in den Carlos Drummond de Andrade Stories: Finden sich hier Einflüsse der brasilianischen Musiktradition?
Nur im letzten Satz, da kann man einige wenige – aber wirklich nur wenige! – Elemente der brasilianischen Choro-Musik bemerken.

Seit über zwanzig Jahren arbeiten Sie mit ihrem eigenen Maria Schneider Orchestra zusammen. Sie können beim Komponieren also auf die spezifischen Qualitäten Ihnen bestens vertrauter Musiker eingehen, ihnen die Parts sozusagen «auf den Leib» schreiben. Winter Morning Walks war Ihr erstes Werk für klassisches Orchester. Hat es Ihr Komponieren verändert?
Da bin ich mir nicht sicher. Vielleicht hat mir Winter Morning Walks den Mut gegeben, noch einfacher zu schreiben. Das Komponieren für Stimme war in gewisser Weise eine Offenbarung: Die Worte gaben mir Kontur, Rhythmus, Bedeutung und Länge vor, sie inspirierten mich durch ihre Schönheit und wiesen mir die Richtung. Wenn ich dagegen reine Instrumentalmusik komponiere, stehe ich sozusagen vor einer weissen Leinwand. Ich habe deshalb sogar darüber nachgedacht, zukünftig auch Instrumentalmusik über Worte zu schreiben, die zwar nie gesungen oder gesprochen werden sollen, die mir aber Struktur und Richtung vorgeben. Wir werden sehen.

Sie sind die First Lady des Big-Band-Jazz, haben für Ihr kompositorisches Schaffen und für Ihre Arbeit mit dem Maria Schneider Orchestra zahlreiche Preise erhalten, darunter allein fünfmal den «Grammy». Blicken wir rund drei Jahrzehnte zurück, als Sie zunächst Assistentin von Gil Evans waren und 1992 dann Ihr eigenes Orchester gründeten: Eine Frau als Big-Band-Leaderin – stiess das damals auf Widerstände?
Während meiner ganzen Laufbahn habe ich so gut wie keinen Gedanken daran verschwendet, «eine Frau zu sein». Ich hatte auch nicht den Eindruck, wegen meines Geschlechts auf Widerstände zu stossen – bis auf ein einziges Mal. Aber in diesem Fall hat sich die betreffende Person Jahre später für ihr damaliges Verhalten entschuldigt. So kann ich ganz ehrlich sagen: Das war kein Thema für mich … glücklicherweise.

Und heute: Stehen den Frauen im Jazz alle Möglichkeiten offen?
Ich lebe als Jazz-Komponistin ja in meiner ganz eigenen Welt und weiss nicht, wie es ist, eine Schlagzeugerin oder Trompeterin zu sein. Ich kann also nur für mich sprechen, nicht für «die» Frauen. Aber ich denke, dass das Leben Möglichkeiten für alles und für jeden bzw. jede eröffnet. Mich jedenfalls macht ein wenig Widerstand nur noch stärker und entschlossener, die Dinge zu tun, an die ich glaube.

In Luzern arbeiten Sie nun mit jungen Musikerinnen und Musikern zusammen, die vorwiegend aus dem Bereich der traditionellen und zeitgenössischen klassischen Musik kommen …
Und ich weiss, dass sie herausragend sind! Meine Carlos Drummond de Andrade Stories erfordern ein Gefühl für Zeit und Rhythmus, das klassischen Musikern nicht immer ganz leicht fällt. Ich vermute allerdings, dass es für diese jungen Menschen, die sicherlich auch viel nicht-klassische Musik hören, einfacher sein wird. Winter Morning Walks wiederum ist an sich nicht schwer zu spielen. Man muss sich jedoch ganz auf die Musik einlassen, damit die Lieder ausdrucksstark und kraftvoll klingen. Im Grunde gilt hier das Gleiche wie für meine Band: Noten spielen ist das eine. Etwas ganz anderes ist es, das Publikum mit diesen Noten an einen anderen Ort und in eine andere Zeit zu versetzen. Das ist es, was ich mir in jedem meiner Konzerte erhoffe – und was wir auch beim Luzerner «Erlebnistag» versuchen werden.

Die Fragen stellte Malte Lohmann

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