«Musik geht tiefer als Klischees.» James Gaffigan über Heroinen, verkannte Komponistinnen und junge Dirigentinnen

James Gaffigan (Foto: Festival de Saint-Denis, 2014)

James Gaffigan (Foto: Festival de Saint-Denis, 2014)

Lieber Herr Gaffigan, für Ihren Auftritt mit dem Luzerner Sinfonieorchester am kommenden Montag haben Sie ein perfekt auf das Festivalthema «PrimaDonna» zugeschnittenes Programm zusammengestellt. Haben Sie diese ungewöhnliche Werkfolge schon einmal dirigiert?
Nein, das Programm ist tatsächlich speziell. Als ich vom diesjährigen Festivalschwerpunkt erfuhr, kam mir sofort die Turandot von Ferruccio Busoni in den Sinn, den wir in der vergangenen Saison beim Luzerner Sinfonieorchester in den Fokus gerückt haben und der 2016 seinen 150. Geburtstag feiert. Busoni ist ein auch in der Schweiz viel zu wenig bekannter Komponist. Seine Musik ist verrückt und modern, dabei immer aus der Tradition erwachsen, und die Turandot-Suite ist eines seiner zugänglichsten, ja zündendsten Stücke. Zudem war mir von Anfang an klar, dass ich in diesem Konzert eine Sängerin dabei haben wollte. Für Ekaterina Semenchuk haben wir zwei Werke ausgewählt, die völlig unterschiedliche Frauenfiguren portraitieren und bei denen sie zudem die ganze Spannweite ihrer grossen und zugleich ungemein beweglichen Stimme vorführen kann: Berlioz’ La Mort de Cléopâtre ist sehr lyrisch, hier geht es vor allem um vokale Farben. Rossini dagegen ist ein Feuerwerk, voller schneller Noten. Als «Opener» bot sich Mendelssohns Melusine an, und am Schluss darf mein Orchester mit dem Tanz der sieben Schleier zeigen, was es kann – und wie sehr es sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat.

Komponiert haben die musikalischen Frauenportraits des heutigen Abends ausschliesslich Männer. Was wenig verwunderlich ist, handelt es sich doch um ziemliche Männerphantasien: von der «reinen» Heldin Jeanne d’Arc bis zu den männermordenden «femmes fatales» Turandot und Salome. Was fasziniert Männer gerade an solchen Bildern von Weiblichkeit?
Eigentlich handelt es sich doch um Heroinen! Der «männermordende» Aspekt scheint mir da zweitrangig. Salome etwa bekommt, was sie will – und stirbt dann. Ich denke, dass die Komponisten (und nicht nur sie) einfach von der Stärke solcher Frauen wie Salome oder Kleopatra fasziniert waren. Heute gelangen glücklicherweise immer mehr Frauen in Führungspositionen, aber in den vergangenen Jahrhunderten war das eben noch ganz anders.

Bedient die Musik der ausgewählten Werke die Klischees von Weiblichkeit oder entwirft sie komplexe Figuren?
Die Musik geht tiefer als die Klischees. Man muss sich nur Strauss’ Tanz der sieben Schleier anhören: wunderschöne und gleichzeitig geradezu vulgäre Musik. In nur neun Minuten entwirft Strauss ein differenziertes Portrait – wobei sich die Stimmung innerhalb weniger Sekunden komplett ändern kann. So «switcht» er zum Beispiel einmal von einem extrem dissonanten Akkord der Blechbläser in strahlendes Dur, um dann wieder zu den düsteren Klängen zurückzukehren – und wir sehen in diesem kurzen Moment, sozusagen in vollem Sonnenschein, ein 16-jähriges Mädchen vor uns, das für ihren Stiefvater tanzt und dabei einen Strip hinlegt. Schlagartig wird uns deutlich, wie grotesk diese Situation eigentlich ist.

Grundsätzlicher gefragt: Gibt es so etwas wie typische musikalische Chiffren, um Weiblichkeit zu charakterisieren, etwa auch auf der Opernbühne?
Natürlich, Komponisten haben beispielsweise besonders zarte Melodien ersonnen, um weibliche Figuren musikalisch darzustellen, oder sie lassen die Sängerinnen bei einem Duett in lieblichen Terzen singen. Übrigens: In Strauss’ Salome stehen viele Passagen, die den Frauen zugeordnet sind, im Dreiertakt, während die «männliche» Musik im Zweiertakt daherkommt. Doch, wie schon gesagt, wir haben uns glücklicherweise wegbewegt von solchen Stereotypen.

Heute erobern Komponistinnen die Konzertpodien, aber jahrhundertelang hatten sie es schwer, überhaupt wahrgenommen zu werden und wurden nicht zuletzt deshalb schnell vergessen. Gibt es Künstlerinnen, die Sie faszinieren und die Sie zur (Wieder-)Entdeckung empfehlen?
Meine Nummer eins unter den Komponistinnen der Vergangenheit ist Lili Boulanger: eine ausserordentliche Künstlerin, die leider viel zu früh – mit nur 24 Jahren – starb. In der kommenden Saison dirigiere ich beim Oslo Philharmonic ihre Kantate Faust und Helene – das wollte ich schon lange einmal machen. Und es gibt noch so viele andere: Clara Schumann etwa oder Alma Mahler, die interessante Lieder geschrieben hat, der ihr Gatte Gustav aber das Komponieren untersagte. Bei den Komponistinnen unserer Tage ist das Spektrum viel grösser, und ich denke – etwa bei Jennifer Higdon oder bei Olga Neuwirth – nicht «Oh, Musik von einer Frau!», sondern «Oh, was für tolle Musik!»

Das Dirigieren ist bis heute eine Männerbastion geblieben, auch wenn sich momentan einiges tut. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein: Werden Frauen am Pult, auch als Chefdirigentinnen renommierter Orchester, in ein paar Jahren völlig normal sein?
Hoffentlich, und es tut sich ja tatsächlich einiges. Man denke nur an die körperliche Präsenz auf der Bühne: Ich bin von eher kleiner Statur und dirigiere deshalb anders, als das beispielsweise der «Riese» Furtwängler getan hat. Eine Frau dirigiert wieder ganz anders – das ist heute völlig normal. Doch scheint mir, dass es momentan eine richtiggehende Obsession für junge Dirigentinnen gibt. Was verständlich ist, weil Frauen über so lange Zeit nicht die gleichen Möglichkeiten hatten wie ihre männlichen Kollegen – von den vielen dummen, unqualifizierten oder bösartigen Kommentaren zu ihrer Befähigung einmal abgesehen. Ich habe allerdings Angst, dass sie heute allzu sehr gepusht werden, von Veranstaltern wie Kritikern. Das erinnert mich ein wenig an den Hype um die junge Dirigentengeneration vor einigen Jahren, von Gustavo Dudamel und Robin Ticciati bis zu Andris Nelsons, Yannick Nézet-Séguin oder mir selbst. Plötzlich durften wir bereits am Anfang unserer Karriere mit den Top-Orchestern auftreten. Das tut nicht immer gut und kommt manchmal einfach zu früh. Man braucht deshalb ein Umfeld, das einen gut berät, damit man nicht zu viel auf einmal angeht. Und ein Management, das einen nicht in die falsche Richtung drängt. Das wünsche ich auch den vielen grossartigen jungen Dirigentinnen, von denen einige in diesem Sommer bei LUCERNE FESTIVAL gastieren.

Die Fragen stellte Malte Lohmann

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

Am kommenden Montag, dem 22. August, präsentiert James Gaffigan mit dem Luzerner Sinfonieorchester und dem russischen Star-Mezzo Ekaterina Semenchuk eine bemerkenswerte Damengalerie: Wir treffen auf die Jungfrau von Orléans, Frankreichs Nationalheilige. Wir erzittern vor der männermordenden Turandot und der mannstollen Salome. Und wir begegnen der schönen Kleopatra, der Traumfrau der Antike. Denn sie alle haben Komponisten wie Gioachino Rossini, Hector Berlioz oder Richard Strauss zu hinreissenden Melodien inspiriert.

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