«Lassen Sie es zu, auch einmal zu scheitern!» Marin Alsop über Zeichensprache und Autorität

Marin Alsop (Foto: Nelson Antoine)

Marin Alsop (Foto: Nelson Antoine)

Marin Alsop, Sie sind eine «PrimaDonna» im buchstäblichen Sinne unseres Sommer-Mottos: die erste Frau, die den Koussevitzky-Dirigentenpreis gewann, die erste Chefdirigentin eines grossen amerikanischen Orchesters, die erste, die jemals die «Last Night of the Proms» geleitet hat … Wenn Sie an den Anfang Ihrer Karriere zurückblicken: Welchen Widerständen sind Sie damals, um das Jahr 1990, noch begegnet?
Die Herausforderung war erst einmal dieselbe wie für jeden jungen Dirigenten, aber vielleicht war sie für mich als Frau doch noch verschärft. Zum einen ging es darum, genug Möglichkeiten zu finden, um Erfahrungen sammeln zu können und Selbstvertrauen zu gewinnen. Zum anderen aber war es genauso wichtig, bei diesen Gelegenheiten auch Fehler machen zu dürfen, denn nur dadurch lernt man und kann erfolgreich werden. Und schliesslich kam es schlicht und ergreifend darauf an, gesehen und wahrgenommen zu werden, damit man überhaupt für weitere Auftritte in Betracht gezogen wird. Genau das ist übrigens der Grund, weshalb ich 2002 das «Taki Concordia Conducting Fellowship» ins Leben gerufen habe: Ich möchte damit talentierten Dirigentinnen mehr Chancen eröffnen.

Hatten Sie eigentlich weibliche Vorbilder, an denen Sie sich orientierten? Oder sind Sie mit dem Bewusstsein angetreten, eine Pionierin zu sein?
Vorbilder hatte ich einige. Zunächst möchte ich meine wunderbaren Eltern nennen, die beide professionelle Musiker waren und mich zu 100% bei allen Träumen und Wünschen unterstützt haben. Dann wollte ich natürlich jenem Dirigenten nacheifern, den ich mehr als alle anderen verehrt und bewundert habe: Leonard Bernstein, der später mein Lehrer und Mentor wurde. Das waren wichtige Leitfiguren, aber natürlich wäre es grossartig gewesen, wenn ich irgendwo auch einmal eine Dirigentin zu sehen bekommen hätte. Nur: Es gab keine. Dennoch glaube ich, dass Frauen, die sich in der einzigartigen Position befinden, die ersten in ihrem Metier zu sein, in diesem Moment meist gar nicht das Bewusstsein dafür entwickeln, dass sie eine Pionierin sind. Diese Erkenntnis kommt meist erst im Nachhinein.

Wenn Sie die Erfahrungen aus bald dreissig Jahren Laufbahn bilanzieren: Welchen Entwicklungsprozess haben die Orchestermusiker genommen, wenn es um die Zusammenarbeit mit einer Frau am Pult geht? Und können Sie ähnliche Entwicklungen beim Publikum erkennen?
Von den Orchestern habe ich nie Widerstand oder Verweigerung erfahren. Musiker wünschen sich einfach einen Dirigenten, der engagiert, leidenschaftlich und gründlich vorbereitet ist. Fragen wie das Geschlecht, die Rasse, die Grösse oder die Haarfarbe sind daneben ziemlich unwichtig … Das Publikum wiederum erwartet ein anregendes Konzerterlebnis. Darum allein geht es den Leuten: bewegt zu werden.

Glauben Sie, dass die Frauen am Pult im Moment vor einem breiteren Durchbruch stehen?
Wann wäre denn ein Durchbruch erreicht? Wie viele Frauen müssten dazu weltweit die grossen Orchester leiten? Welche Zahl braucht es, damit ein Paradigmenwechsel zu verzeichnen wäre?

Welche Rolle spielt die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, für Ihr künstlerisches Selbstverständnis? Dirigieren Frauen anders als Männer?
Meine Erfahrungen sind begrenzt, da ich nur von mir selbst sprechen kann: Ich kann schlecht vergleichen, was ich im Unterschied zu einem Mann anders mache. Das Grossartige am Dirigieren ist doch die einzigartige Individualität eines jeden Maestros oder einer jeden Maestra. Wir sind alle so verschieden, und ich respektiere und geniesse diese Unterschiede. Allerdings sollte man sich bewusst machen, dass die Gesellschaft bestimmte Gesten bei einem Mann anders auffasst als bei einer Frau – ein und dieselbe Zeichensprache kann, je nach Geschlecht, völlig verschieden ankommen und gedeutet werden. Da sich Dirigenten aber allein durch diese Gesten ausdrücken, ist es unverzichtbar, den Subtext, also die sozialen Konnotationen, zu begreifen und anzuerkennen. Man muss seine eigene Zeichensprache so anpassen, dass sie stets den Ideen des Komponisten dient.

Wie lässt sich Autorität am Pult erreichen? Braucht es da gewisse «patriarchalische» Attitüden, also so etwas wie Bestimmtheit, Durchsetzungskraft, klare Vorgaben. Oder worauf kommt es an?
Ich denke, dass es für jeden Dirigenten und jede Dirigentin entscheidend ist, authentisch, ehrlich und ernsthaft zu sein. Eine bestimmte Zeichensetzung zu wählen, nur weil man hofft, damit Autorität auszustrahlen, wird niemals funktionieren. Ich glaube vielmehr, dass echte Führungspersönlichkeiten instinktiv und von Natur aus Wesenszüge aufweisen, die bezwingend wirken, ohne das ostentativ herauszustellen. Sie können äusserlich eine ganz andere Gestalt haben, je nach Individualität.

Wenn Sie jungen Kolleginnen einen Ratschlag geben müssten, welchen Fehler sie auf keinen Fall begehen dürften: Was würden Sie sagen?
Sollten Sie irgendwo abgelehnt werden: Begründen Sie das NIE mit Ihrem Geschlecht, legen Sie Zurückweisungen NIE als Genderfrage aus – nützen Sie es vielmehr dazu, selbst noch besser zu werden. Man kann aus jeder schlechten Erfahrung noch gewinnen. Und lassen Sie es einfach zu, dass Sie auch einmal scheitern können!

Interview: Susanne Stähr

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

Marin Alsop ist am Freitag, dem 26. August, erstmals zu Gast bei LUCERNE FESTIVAL. Am Pult des São Paulo Symphony Orchestra dirigiert sie Werke von Grieg, Rachmaninow und den beiden Brasilianern Marlos Nobre und Heitor Villa-Lobos.

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