«Wir sind Spitzensportlerinnen.» Cecilia Bartoli über Primadonnen, Kastraten und die Leidenschaft für den Beruf

Cecilia Bartoli (Foto: Uli Weber/DECCA)Cecilia Bartoli, woran denken Sie, wenn Sie das Wort «Primadonna» hören? Mögen Sie es?
Historisch gesehen hat der Begriff ja mit der Stellung von Sängerinnen im Opernensemble zu tun. Im 18. und 19. Jahrhundert unterschied man sie nämlich noch nicht wie heute nach Stimmlage – Sopran, Mezzosopran, Alt –, sondern nach ihrem Status und der Wichtigkeit der Rollen, die sie verkörperten. Daher die Begriffe «prima donna di prima sfera», «seconda donna» usw. In gewisser Hinsicht gefällt mir diese Einteilung besser – denn wie ich immer öfter feststelle, entspricht die strikte Einteilung nach Stimmlage oft weder den Vorstellungen der Komponisten noch der damaligen Praxis. Bis heute werden Opern, wie zum Beispiel Bellinis Norma, regelrecht verstümmelt, damit sie von denjenigen Sängerinnen gesungen werden können, von denen man glaubt, sie verfügten über die richtige Stimmlage. Dank der Erkenntnisse in der historischen Aufführungspraxis und der wieder aufblühenden Barockmusik können wir zum Glück dieser Tendenz ein wenig entgegenwirken. Der Begriff «Primadonna» hat sich dann ja auch ins Negative entwickelt, und es gibt viele Anekdoten über kapriziöse Sopranistinnen – Händel wollte einmal eine zum Fenster hinauswerfen! Da bin ich schon froh, dass ich eine Mezzosopranistin bin …
Ich denke aber auch, dass die Menschen oft vergessen, wie anstrengend der Beruf einer Sängerin ist und wie viel Disziplin er erfordert. Stimmbänder sind ja Muskeln – und wir sind entsprechend Spitzensportlerinnen. Zudem erstreckt sich die Spielsaison über das ganze Jahr. Daher bleibt uns eigentlich keine Zeit für Partys und Rock’n’Roll. Leider …

Der Begriff «Primadonna» kam mit der Barockoper auf. Doch damals erwuchs den «ersten Damen» mit den Kastraten bald eine grosse Konkurrenz im Kampf um die Publikumsgunst. Sie haben etliche Arien, die für Kastraten geschrieben wurden, im Repertoire. Lässt sich das eins zu eins mit einer weiblichen Stimme interpretieren, oder gibt es da auch Momente, die nicht zu realisieren sind?
Einerseits können wir uns nur eine ungenaue Vorstellung vom Klang und von der Kraft der Kastratenstimme machen. Allerdings lernen wir schon beim reinen Lesen der für die Kastraten geschriebenen Noten, dass sie offenbar über einen ungewöhnlichen Tonumfang, eine Unmenge an Luftreserven (als Folge der Kastration wurden ihre Brustkörbe überproportional gross) und eine ungemeine Flexibilität der Stimme verfügten. Zudem waren sie exzellent ausgebildete Musiker, konnten selber komponieren, improvisieren und reich gestalten. Physiologisch entsprechen natürlich weder Countertenöre noch Sängerinnen den Kastraten – wir müssen ja, weil wir als Kinder keiner Operation unterzogen wurden, gesangstechnisch ganz andere Hürden überwinden. Andererseits wäre es überaus schade, aus diesem Grunde Unmengen an fantastischer Musik nicht mehr zu spielen. So müssen wir halt üben und üben und hoffen, dass wir den Komponisten aus jener Zeit auch mit unseren Mitteln gerecht werden.

Sie haben bereits das Stichwort «Countertenor» genannt. Welche heutige Besetzungsmöglichkeit gefällt Ihnen für Kastraten-Partien besser: die mit einer Sängerin oder die mit einem Altus oder Sopranisten?
Ich finde, wie schon eingangs erwähnt, dass man nicht von einer Idee ausgehen soll (im konkreten Fall davon, welche Stimme «besser passt»), sondern vom Charakter der jeweiligen Stimme und von der Persönlichkeit, von der Musikalität eines Künstlers. Kann er der Musik und der Bühnenfigur gerecht werden und neue Aspekte herausheben? Heute gibt es eine lange Reihe exzellenter Countertenöre, die sehr wohl auch solche Rollen verkörpern können. Persönlich freue ich mich besonders auf ein Experiment bei Händels Alcina am Opernhaus Zürich im kommenden Januar: Bei der Premiere wurde die Rolle meines Liebhabers Ruggiero noch von der wunderbaren Mezzosopranistin Malena Ernman gesungen; jetzt wird es Philippe Jaroussky sein, einer meiner liebsten Countertenöre. Kommen Sie und urteilen Sie selbst …

Unser Festival hat sein diesjähriges Programm unter das Motto «PrimaDonna» gestellt, denn es geht um die Rolle der Frau im Musikleben, die nicht immer «prima» ist – man denke nur an die Situation von Dirigentinnen. Wie erklären Sie es sich, dass in diesem Metier bisher nur so wenige Frauen reüssieren?
Da müssen Sie nicht mich fragen, sondern die Agenturen, Direktoren von Konzerthäusern und das Publikum. Ganz generell dauert ja die Diskussion, in welchen Bereichen Frauen akzeptiert werden oder eben nicht, immer noch an. Es gibt überall viele Berufe, in denen kaum Frauen tätig sind. Wobei da auch grosse kulturelle bzw. länderspezifische Unterschiede bestehen.

Sie selbst sind als erste Intendantin der Salzburger Pfingstfestspiele auch in anderem Sinne eine «prima donna» und leiten das Festival seit 2012 mit grossem Erfolg. Was sind für Sie die wichtigsten Qualitäten, um eine solche Führungsposition im Kulturmanagement zu bekleiden?
Wie in allen Berufen oder Lebenslagen braucht es in erster Linie Leidenschaft und Begeisterung für das, was man tut. Man sollte auch das Metier verstehen, in dem man arbeitet, sollte zuhören und auf Leute eingehen können. Die Arbeit in Salzburg ist sehr spannend für mich, weil ich da in der Tat viele Aufgaben aus einer neuen Perspektive erlebe, die man als Bühnenkünstlerin nicht kennt – Organisatorisches, Technisches, Budgets. Man ist eine integrative Figur, muss alle um sich versammeln. Ich bin sehr stolz, dass wir in kurzer Zeit ein professionelles, eingeschworenes Team geschaffen haben und dass das Publikum unsere Arbeit mit so viel Interesse und Zuspruch verfolgt. Es macht einen Riesenspass!

Interview: Susanne Stähr

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

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