«Das erfordert einen langen Atem.» Diana Damrau über Richard Strauss, Pauline de Ahna und das Wort «Primadonna»

Diana Damrau (Foto: Rebecca Fay)Frau Damrau, Sie singen bestimmte Partien des Belcanto-Repertoires, die man in der Rezeptionsgeschichte mit einer Interpretin wie Maria Callas in Verbindung bringt – und auch mit der Bezeichnung «Primadonna». Mögen Sie dieses Wort?
Ich mag es lieber als «Diva», da dieser Begriff in unserer Zeit einen negativen Beigeschmack hat. «Primadonna» bedeutet eigentlich doch nur, die erste Sängerin am Haus oder auf der Bühne zu sein. Das Wort bezieht sich also auf eine Künstlerin, die stimmlich das Schwierigste bewältigen kann.

Nun ist Ihr Repertoire allerdings sehr viel breiter, es umfasst auch Komponisten wie Mozart oder Richard Strauss und koppelt das Koloraturfach mit lyrischen Partien wie auch jugendlich-dramatischen Rollen. Wie schafft man diesen Spagat und erlangt eine solche Vielseitigkeit?
Achtung, die Callas sang auch die Königin der Nacht und sogar Wagner … Die Breite im Repertoire kommt mit der Zeit, mit der Entwicklung der Stimme und auch der Lernwilligkeit und Neugier. Als Deutsche habe ich bei einem Komponisten wie Richard Strauss den Vorteil der Muttersprachlerin, und ich bin auch in der deutschen Kultur aufgewachsen. Es gibt übrigens viele Rollen im reinen Koloraturfach, die ich mittlerweile abgelegt habe, und umgekehrt wären da einige Partien, von denen ich denke, dass sie vielleicht einmal möglich werden könnten für mich, bei denen ich aber noch warten sollte.

Die «Primadonna» im Leben von Richard Strauss hiess Pauline de Ahna, eine Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts gefeierte Sopranistin. Inwiefern hat Strauss als Komponist von dieser Beziehung profitiert?
Er hat für sie komponiert. Fast alle Strauss-Opern sind «frauenlastig», er liebte eindeutig die weibliche Stimme mehr als etwa den Tenor – die Strauss-Tenöre müssen meist fast Unsingbares leisten, und ihre Rollen sind auch nicht gerade dankbar. Mit seiner Frau Pauline de Ahna hat Strauss übrigens auch viel musiziert und improvisiert. Ich denke, er hat alles, was Pauline mit ihrer dramatischen Stimme leisten konnte, genau erfasst und musikalisch umgesetzt.

Wenn Sie Strauss-Lieder singen: Vermitteln Ihnen diese Werke, die vokale Setzweise, einen Eindruck davon, wie Pauline de Ahnas Stimme geklungen haben könnte?
Über den Klang von Paulines Stimme kann ich nichts sagen, es gibt ja keine Tondokumente. Aber wenn ich von den Werken ausgehe, die Strauss für sie komponiert hat, dann muss sie sehr viel «Stamina», also ein beträchtliches Durchhaltevermögen, gehabt haben und dazu eine ausgezeichnete Höhe, eine grosse Stimme, einen hervorragenden Atem und Flexibilität.

Sie interpretieren in diesem Sommer erstmals die Vier letzten Lieder mit Orchester. Welche Qualitäten braucht eine exzellente Strauss-Sängerin, was zeichnet eine «prima donna» auf diesem Feld aus?
Strauss zu singen ist genau so anspruchsvoll wie das Belcanto-Repertoire. Bei ihm kommen ausserdem die grossen Bögen in der hohen Lage mit dem berühmten «Strauss-Schwung» und einer besonderen Expansion hinzu – all das erfordert einen langen Atem. Der ideale Strauss-Klang braucht etwas Strahlendes, er hat eine grosse Wärme und eine tiefe Dimension im Ausdruck.

Von Strauss sagt man gern, er sei ein «Frauenversteher» gewesen, denn kein anderer Komponist habe mit seinen Opern so tief in die weibliche Seele geblickt. Wie sehen Sie das?
Ja, das stimmt, neben Strauss hat wohl nur noch Mozart die Menschen und besonders die Frauen so gut verstanden und darstellen können: Er war ein Humanist. Neben seiner Beziehung zu Pauline de Ahna profitierte er natürlich von seiner künstlerischen Partnerschaft mit dem Dichter Hugo von Hofmannsthal. Auch das verbindet ihn mit Mozart, für den Lorenzo Da Ponte eine ähnliche Rolle spielte. Strauss hat vielen seiner Frauenfiguren eine erstaunlich philosophische Dimension verliehen – denken Sie an die Marschallin, die Ariadne und auch die Zerbinetta oder an die Titelheldin in der Schweigsamen Frau.

Mit welcher Frauenfigur aus Ihrem Repertoire können Sie sich eigentlich am besten identifizieren – und warum?
Mit Sophie und mit der Marschallin aus dem Rosenkavalier, weil beide genau das erleben, was wir alle früher oder später wohl auch einmal durchmachen.

Interview: Susanne Stähr

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

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