«Ich bin glücklich, dass ich eine Frau bin.» Emmanuelle Haïm über barockes Repertoire, moderne Orchester und die passende Konzertkleidung

Emmanuelle Haïm (Foto: Marianne Rosenstiehl)

Emmanuelle Haïm (Foto: Marianne Rosenstiehl)

Emmanuelle Haïm, Sie haben Ihre Laufbahn als Cembalistin begonnen. Wann und wodurch kamen Sie auf die Idee zu dirigieren?
Eigentlich war das eine ganz alte Idee. Ich hatte sie bereits, als ich sieben oder acht Jahre alt war, und ich hatte auch als Schülerin schon den Schulchor dirigiert – unser Musiklehrer liess mich einfach gewähren. Später habe ich dann Musik in sehr umfassendem Sinn studiert: Theorie und Harmonielehre, Klavier und Cembalo, um möglichst viele Bereiche abzudecken. Den Wunsch zu dirigieren behielt ich immer im Hinterkopf, aber es fehlte mir anfangs noch die Courage. Mein Glück war, dass ich mich auf Barockmusik spezialisiert hatte, da sind die Grenzen nicht so hierarchisch: Wer am Tasteninstrument spielt, hat automatisch eine grössere musikalische Verantwortung und wird auch zur Einstudierung des Chores, der Solisten oder einzelner Instrumentengruppen herangezogen. Mit dem Ergebnis, dass man das ganze Werk am Ende sehr gut kennt. Nachdem ich das einige Jahre mit den verschiedensten Dirigenten gemacht hatte, schien mir die Zeit reif, selbst die Leitung zu übernehmen. Einige Ensembles hatten das schon angefragt, das Orchestra of the Age of Enlightenment zum Beispiel oder Les Folies Françoises und sogar das Glyndebourne Festival. Und da mich auch befreundete Dirigenten wie Louis Langrée und Simon Rattle ermutigten, habe ich 1999 mit dem Dirigieren begonnen.

Was war für Sie die grösste Herausforderung?
Es kommt auf den langen Atem an. Wenn man sich erstmals vorstellt und debutiert, sind die Leute meist interessiert, aber wer auf Dauer Erfolg haben und sich durchsetzen will, der muss ganz schön kämpfen. Gerade wenn man ein eigenes Ensemble hat: Dann geht es plötzlich um Subventionen, um Spielstätten und all die Voraussetzungen, die erst einmal erfüllt sein müssen, damit man überhaupt auftreten kann.

Warum gibt es noch immer so wenige Frauen am Pult?
Das ist in der Geschichte begründet, in den gesellschaftlichen Strukturen, wie sie über die Jahrhunderte Gültigkeit hatten. Die öffentliche Rolle, die Machtposition, gebührte früher allein den Männern – die Frauen dagegen wirkten im Hintergrund und hatten die Männer zu unterstützen. Wer etwa als «Stardirigent» an der Spitze zweier grosser Sinfonieorchester stand, der hat sich natürlich nicht um die Familie oder um die Organisation des Alltags kümmern können. In der Wirtschaft oder in der Politik war das bei den Spitzenpositionen genau dasselbe. Oder auch bei einem Berufsstand wie den Piloten. Es ist also eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, hier eine bessere Balance zu finden, damit Männer und Frauen dieselben Chancen haben. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Frauen bis vor ein paar Jahrzehnten überhaupt nur arbeiten durften, wenn ihre Ehemänner zustimmten, dass sie also ohne diese Genehmigung kein Geld verdienen konnten. Und noch früher durften sie nicht einmal studieren. Die jungen Leute, die heute zwanzig sind, können sich das meist gar nicht mehr vorstellen.

Haben Sie persönlich Vorbehalte zu spüren bekommen, weil Sie eine Frau sind?
Ach, wenn es das gegeben habe sollte, dann bin ich so strukturiert, dass ich es ausblende. Ich bin ganz von der Schönheit der Musik besessen, die ich ergründen will, und das macht mich blind für alles andere.

2008 haben Sie bei den Berliner Philharmonikern debutiert, aber Sie mussten sich dieses Debutkonzert mit Susanna Mälkki teilen: Mälkki dirigierte in der ersten Hälfte Werke von Webern und Strawinsky, Sie dann im zweiten Teil Händels Cäcilien-Ode. So ein halbes Konzert ist doch recht ungewöhnlich, oder?
Ja, das war speziell, und es fand auch noch am Weltfrauentag statt, am 8. März. Aber wir beiden haben das, glaube ich, wirklich gut gelöst: organisatorisch, was die Aufteilung der Proben anging, aber auch dramaturgisch, denn wir haben auch unsere Programme schön aufeinander abgestimmt. Und für das Orchester war dieser Umbruch auch besonders, denn es bekam gleich zwei Frauen auf einmal an sein Pult – vielleicht machte es das sogar einfacher.

Mittlerweile sind Sie die erste und einzige Frau, die von den Berliner Philharmonikern mehrfach eingeladen wurde – Sie haben dieses Orchester inzwischen bei drei Programmen geleitet. Wie haben Sie das geschafft?
Ich arbeite sehr gern mit den Berliner Philharmonikern zusammen und finde, dass sie wirklich wagemutig sind, denn das Repertoire, das ich mit ihnen aufführe, ist für sie meist neu. Als ich mit ihnen Rameau spielte, haben sie das so bezwingend getan, mit einer stilistischen Finesse, dass es eine reine Freude war. Natürlich gibt es unter ihnen auch einige Spezialisten, die schon auf historischen Instrumenten gespielt haben, also Erfahrung mitbringen. Und allesamt sind sie sehr neugierig und scharf darauf, einmal andere Werke zu erkunden. Simon Rattle hat diese Haltung sicher befördert, denn er interpretiert mit dem Orchester ja ein sehr weites Repertoire – man denke nur an die Matthäus-Passion in der Inszenierung von Peter Sellars. Barockmusik mit solcher Hingabe zu spielen, wie es bei den Berlinern der Fall ist, dazu gehört schon Mut, wenn man eigentlich auf ganz andere Epochen gepolt ist.

Bei dem erwähnten Debutkonzert 2008 traten Sie in einem langen Abendkleid auf – und schon als Sie das Podium betraten, hörte man im Publikum ein «Aaah…».
Ich habe mich in Abendkleidern immer wohler gefühlt als in Hosenanzügen, sie sind einfach eleganter und passen auch besser zu mir. Natürlich sollte das Kleid nicht zu sehr ablenken und im Schnitt nicht zu extravagant sein, man muss meine Dirigierbewegungen ja noch sehen können … Aber wenn ich ein Kleid finde, in dem ich gut sitzen, stehen und mich bewegen kann, so wie ich es bei den Konzerten brauche, dann ist das wunderbar. Ich bin glücklich, dass ich eine Frau bin – warum soll ich das verstecken?

Nun dirigieren Sie bei uns die Wiener Philharmoniker, ein weiteres dieser grossen Traditionsorchester. Was ist für Sie der wesentliche Unterschied zwischen der Arbeit mit Ihrem eigenen, auf Barock spezialisierten Ensemble, dem Concert d’Astrée, und einem solchen «modernen» Orchester?
In einem Ensemble wie dem Concert d’Astrée kennen sich alle sehr gut und konzentrieren sich auf ein festes gemeinsames Repertoire – das ist ähnlich wie bei einer Jazzband. Bei den grossen Sinfonieorchestern ist es dagegen eher die gemeinsame Tradition, die verbindet: Man hat dafür eine erstaunliche Klangkultur entwickelt und während der Ausbildung perfekt erlernt. Wenn ich mit einem «modernen» Sinfonieorchester arbeite, dann stellt sich zum Beispiel nicht die Frage nach der richtigen Tonstimmung, die bei einem Barockensemble zentral ist. Denn für die französische Barockmusik werden die Instrumente auf 392 Hertz gestimmt, bei Monteverdi dagegen auf 465 Hertz usw. – das ist eine delikate Angelegenheit. Aber die Gemeinsamkeit ist natürlich, dass jeder gute Musiker in der Lage ist, gute Musik perfekt zum Klingen zu bringen. Die Grenzen zwischen «historisch-informiert» und «traditionell» sind überwindbar, man muss nur den Mut aufbringen, sich auf die jeweils andere Welt einzulassen. Für die Wiener Philharmoniker habe ich ganz bewusst eine frühe Händel-Kantate ausgesucht, die er in noch Italien komponiert hat: Hier treten einzelne Instrumente – die Violine, die Oboe, das Cello und die Blockflöte – solistisch hervor, und sie müssen eine unglaublich bildkräftige Musik zu Gehör bringen, denn es geht um einen Heldin, eine junge Schäferin, die ihren Geliebten verliert und dem Wahnsinn verfällt. Die Musiker müssen dabei in ein konzertantes Wechselspiel mit der Stimme treten, die ebenfalls sehr instrumental geführt wird. Ich hoffe, die «Wiener» werden das mögen.

Auf der historischen Achse sind Sie bis Mozart vorangekommen. Könnten Sie sich auch vorstellen, einmal Brahms oder Mahler zu dirigieren?
Nein, das glaube ich nicht. Für mich ist die Barockmusik perfekt, ich habe sie schon als junge Pianistin geliebt, obwohl ich natürlich auch Musik aus späteren Epochen gespielt habe, Schubert und Schumann oder Strawinsky und Ravel. Aber in der Barockmusik gibt es noch so viel zu entdecken, viele Opern von Lully und Cavalli zum Beispiel, Frescobaldi, Monteverdi und Purcell oder die ganze Bach-Familie. Es macht einfach Spass, diese Werke aufzuspüren und sie dann zu neuem Leben zu erwecken. Das ist meine Domäne. Ob Mahler mich dagegen wirklich braucht – das weiss ich nicht.

Interview: Susanne Stähr | Redaktion LUCERNE FESTIVAL

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

Am 8. September ist Emmanuelle Haïm bei LUCERNE FESTIVAL zu erleben: Als erst vierte Dirigentin überhaupt steht sie am Pult der Wiener Philharmoniker und leitet einen reinen Händel-Abend, u. a. mit der berühmten «Wassermusik».

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