«Keine Angst vor Niemand.» Die Musikkritikerin Eleonore Büning über Dirigentinnen, Machtfragen und den richtigen Auftritt

Erinnerst du dich noch an die erste Dirigentin, die du jemals erlebt hast?
Ilsemarie Krause. Sie war Kantorin der Friedenskirche in Bonn-Kessenich und dirigierte die Chöre, in denen ich als Kind und Teenager sang. Eine kämpferische, charismatische, unkonventionelle, lustige Person. Eine Art «Kapellmeisterin Kreisler». Auch launisch, oft verzweifelt über unser Mittelmass. Ich war ihr Joker, sie steckte mich, je nachdem, wo es gerade hakte, in den Sopran, Alt oder Tenor. Die erste Dirigentin, die ich live vor einem Orchester erlebt habe, war Alicja Mounk. Die erste, die ich interviewte: Elke Mascha Blankenburg aus Köln, die das Archiv «Frau und Musik» gegründet hatte. Dann, in den Neunzigern, mein zweites Dirigentinnen-Interview, mit Barenboims neuer Berliner Assistentin Simone Young. Es gab natürlich Dirigentinnen, auch schon in den Sechzigern und Siebzigern. Aber sie waren vergleichsweise selten, weshalb man sich an jede einzelne sehr gut erinnert.

Warum dauert es am Pult länger als in anderen musikalischen Disziplinen, bis Frauen eine Rolle spielen? Erst jetzt, ganz allmählich, scheint sich etwas zu tun …
Eine typische musikhistorische Verspätung. Der Grund dafür ist aber diesmal sicher nicht musikspezifisch. Ich fürchte, es handelt sich nur um die dumme, alte Machtfrage, wie sie überall durchschlägt, auch in anderen Berufen mit Führungsfunktion, in Wirtschaft oder Politik. Ein Dirigent hat leitende Aufgaben beim gemeinsamen Musizieren. Er muss geradestehen für das Ergebnis. Weil er hierarchisch, auch sichtbar, an der Spitze agiert, dauert es – genau wie bei Generälen, Aufsichtsräten, Kuratoren, Klinikchefs, Intendanten, Ministern, Chefredakteuren usw. – deutlich länger, bis man(n) ein bisschen zur Seite rückt und Platz macht. Simone Young übernahm die Hamburger Staatsoper übrigens im gleichen Jahr, in dem Angela Merkel deutsche Bundeskanzlerin wurde. 2005 war genderpolitisch ein Schicksalsjahr. Bloss im Vatikan, spottete damals ein Kritikerkollege, seien Frauen noch unerwünschter als unter Komponisten und Dirigenten. Oder eventuell noch beim Formel-1-Rennen.

Legt die Öffentlichkeit – die Musikkritik, aber auch das Publikum – an Musikerinnen andere Massstäbe an als an Musiker? Oder anders gefragt: Lenkt das Geschlecht von einer objektiven Beurteilung der Leistung ab?
Zur ersten Frage: Nein. Es gibt gute und weniger gute Interpreten, aber es gibt kein weibliches Accelerando. Das wissen sogar Kritiker. Zur zweiten Frage: Jein. Es kommt natürlich vor, dass man in der Konzertpause auch nichtmusikalische Äusserlichkeiten durchhechelt, ausufernde Gesten oder schwindende Lockenpracht oder grüne Strümpfe. Da Dirigentinnen das Privileg diverser Kostümierungsmöglichkeit geniessen (sie können im Frack, im Hosenanzug oder im Kleid auftreten, ganz, wie sie wollen), sprach man darüber bei ihnen eine Zeitlang manchmal mehr. Doch inzwischen holen die männlichen, auch die nichtschwulen Dirigenten modisch auf, sie lassen sich in China seidene Kimonojacken schneidern mit knallbuntem Futter und dergleichen. Ich denke, geschlechtsspezifische Uniformierung ist wirklich demnächst kein Thema mehr. Wer interessiert sich heute noch ernsthaft für Merkels Blazer-Farbe?

Welche Rolle spielt das Aussehen der Musikerin für die Karriere?
Für jede Karriere spielt im Medienzeitalter der richtige Auftritt eine Schlüsselrolle. Bevor das Publikum zuhört, will es erst mal beeindruckt werden. Auftreten ist aber nicht auf Aussehen reduziert, auch kurze, dicke, alte oder landläufig als hässlich geltende Menschen können, wenn sie Charisma haben, wunderbar über die Rampe kommen. Das gilt für Männer wie für Frauen.

Wenn du eine Dirigentin «coachen» müsstest: Welche Tipps würdest du ihr mit auf den Weg geben? Welche Fehler sollte sie vermeiden?
Keine Angst vor Niemand. Sich in der Sache treu bleiben. Das Letzte geben, um das bestmögliche Ergebnis herauszuholen. Und, sehr wichtig: radikale Offenheit im Umgang mit sich selbst und den Mitmenschen. Nur wer die Hintertreppe meidet und tunlichst nicht taktisch spricht und handelt, ist vor Intrigen geschützt, sogar dann, wenn er (oder eben sie) mal einen Fehler macht. Die gleichen Ratschläge würde ich auch männlichen Dirigenten geben.

Können im Musikleben Massnahmen wie eine Frauenquote hilfreich und sinnvoll sein?
Nein. Meiner Erfahrung nach sind Quoten, wo immer man sie als Argument oder Krücke benutzt hat, Ablenkungsmanöver und hinderlich für die positive Entwicklung von Prozessen. Was sich aber bei der Besetzung von Musikpositionen echt bewährt hat, sind Vorspiele hinter Vorhang.

Es gibt ja einen Kult um den greisen Maestro – man denke an den zum Schluss recht fragilen Karl Böhm, an den schwerhörigen Günter Wand, an den gebrechlichen Herbert von Karajan oder auch an James Levine, der selbst noch im Rollstuhl zum Dirigieren auf die Bühne gefahren wird. Wäre so etwas auch mit einer Maestra denkbar?
Ja, sicher.

Interview: Susanne Stähr

Weitere Beiträge der Serie «Frauenfragen» zum diesjährigen Festivalthema «PrimaDonna» finden Sie hier.

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