Festspielgeschichte im Überblick, Teil 1: Vorgeschichte & Gründung

Die Geburtsstunde des Festivals: Gala-Konzert mit Arturo Toscanini in Tribschen (Foto: Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Die Geburtsstunde des Festivals: Gala-Konzert mit Arturo Toscanini in Tribschen (Foto: Archiv LUCERNE FESTIVAL)

LUCERNE FESTIVAL geht 2017 in seine 79. Saison! Kurz: Unser Festival hat eine lange Tradition. Und die möchten wir Ihnen bis zum Oster-Festival, bis Anfang April also, vorstellen – mit einem knappen historischen Abriss, garniert mit Fotos aus dem Festspielarchiv. Jede Woche widmen wir uns einem Jahrzehnt … los geht’s mit der Vorgeschichte und den beiden ersten Festspielsommern 1938/39, die die Internationalen Musikfestwochen, wie LUCERNE FESTIVAL damals noch hiess, etablierten.


VORGESCHICHTE
Die Luzerner Osterspiele auf dem Weinmarkt (von 1453 bis ins 16. Jahrhundert) gelten als herausragende Bühnenleistung in der Frühgeschichte des deutschsprachigen Dramas.

Im 19. Jahrhundert veranstaltet die Allgemeine Schweizerische Musikgesellschaft (später: Schweizerischer Tonkünstlerverein) Musikfeste in Luzern.

Von 1866 bis 1872 lebt Richard Wagner im nahegelegenen Tribschen, wo er u. a. Die Meistersinger von Nürnberg vollendet und Teile des Rings komponiert. Bereits ein Jahrzehnt zuvor, im Zürcher Exil, hatte er Festspiele am Vierwaldstättersee erwogen – eine Idee, die um 1930 auch seinen Sohn Siegfried umtreibt. Richard Strauss und Max Reinhardt ziehen Luzern ebenfalls als Festivalstadt in Betracht, ehe sie die Salzburger Festspiele ins Leben rufen.

Schon vor der Gründung der Musikfestwochen treten in Luzern regelmässig Gastorchester unter bedeutenden Dirigenten wie Arthur Nikisch, Arturo Toscanini oder Wilhelm Furtwängler auf. Neben dieser Tradition kann sich Stadtpräsident Jakob Zimmerli – die federführende Kraft bei der Etablierung eines Musikfestivals, das auch dem Tourismus neue Impulse verleihen soll – auf eine solide Infrastruktur stützen: den Kursaal des Grand Casino Luzern, den Saal des Hotel Union sowie das 1933 eröffnete Kunst- und Kongresshaus.

Das alte Luzerner Kunsthaus (Foto: M. Annoni/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Das alte Luzerner Kunsthaus (Foto: M. Annoni/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Erste Pläne für ein Musikfestival werden 1936/37 erarbeitet, angeregt durch den Schweizer Dirigenten Ernest Ansermet und unter Mitarbeit von Walter Schulthess, dem Leiter der Konzertgesellschaft AG Zürich. Als Klangkörper ist das Luzerner Kursaal-Orchester vorgesehen, verstärkt um Musiker aus den Reihen des 1918 von Ansermet gegründeten Orchestre de la Suisse Romande. Als Dirigent wird Richard Strauss angefragt, der aber 1938 absagt. 1937 findet im Kursaal ein «Probelauf» mit den Radioorchestern aus Zürich und Lausanne unter der Leitung von Robert F. Denzler statt.


1938
Am 25. August 1938 leitet Arturo Toscanini ein Gala-Konzert in Tribschen, für das ein Ad-hoc-Orchester aus den besten Musikern der Zeit zusammengestellt wird, das sogenannte «Eliteorchester». Der Auftritt erregt internationales Aufsehen und gilt fortan als die Geburtsstunde der Internationalen Musikfestwochen Luzern (IMF), des späteren LUCERNE FESTIVAL – obwohl der Veranstaltungsreigen, der auch Kammermusik und Liederabende umfasst, eigentlich bereits mit einem Auftritt Ernest Ansermets und Alfred Cortots am 18. Juli 1938 begonnen hat. Weitere Orchesterkonzerte dirigieren Fritz Busch, Bruno Walter und Willem Mengelberg. Dabei kommt Luzern die unheilvolle politische Situation entgegen, weil Künstler wie Toscanini, Busch oder Walter wegen ihrer politischen Gesinnung oder ihrer Herkunft weder in Bayreuth noch in Salzburg auftreten wollen bzw. dürfen. Der Erfolg des ersten Festivals animiert zur Fortsetzung.

Schaufensterwerbung für den ersten Festspielsommer (Foto: Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Schaufensterwerbung für den ersten Festspielsommer (Foto: Archiv LUCERNE FESTIVAL)


1939
Bereits 1939 präsentieren die IMF ein glanzvolles Programm: Arturo Toscanini mietet von Juli bis September eine Wohnung im nahegelegenen Kastanienbaum und dirigiert sechs Konzerte – zwei davon in Vertretung Bruno Walters, der seine Mitwirkung nach Probenbeginn wegen einer Familientragödie kurzfristig absagen muss, aber 1949 und 1950 nach Luzern zurückkehrt. Als Höhepunkt dieses zweiten Sommers gilt Toscaninis Aufführung des Verdi-Requiems in der Jesuitenkirche. Solisten wie Vladimir Horowitz, Pablo Casals und Sergej Rachmaninow, der von 1932 bis 1939 in der «Villa Senar» in Hertenstein lebt, verleihen dem Anlass zusätzlichen Glamour. Unmittelbar nach dem Ende der Festwochen bricht der Zweite Weltkrieg aus.

Ernest Ansermet dirigiert bei den Internationalen Musikfestwochen, dem heutigen LUCERNE FESTIVAL (Foto: Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Ernest Ansermet dirigiert bei den Internationalen Musikfestwochen, dem heutigen LUCERNE FESTIVAL (Foto: Archiv LUCERNE FESTIVAL)

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3 Antworten auf Festspielgeschichte im Überblick, Teil 1: Vorgeschichte & Gründung

  1. LUCERNE FESTIVAL sagt:

    Sehr geehrter Herr Billeter,

    das damalige Programm lautete (mit Arturo Toscanini und einem Elite-Orchester):
    Rossini – Ouvertüre zur Oper „La scala di seta“
    Mozart – Sinfonie Nr. 40 g-Moll
    Wagner – Meistersinger, Vorspiel zum 3. Akt
    Wagner – Siegfried-Idyll
    Beethoven – Sinfonie Nr. 2 D-Dur

    Mit den besten Grüsse,
    Ihr Team von LUCERNE FESTIVAL

  2. Hanspeter Billeter sagt:

    Wie lautete das Programm des Konzertes vom 25.8.1938 ?

  3. Hanspeter Billeter sagt:

    Mich würde das Programm des Konzertes vom 25.8.1938 interressieren.

    Freundliche Grüsse

    Hanspeter Billeter

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