VERGANGENE ZEITEN, FERNE LÄNDER. Interview mit Mike Svoboda über «Once Around the World»

Alte Fotos, altes Grammophon: Der Nostalgie-Faktor ist hoch bei Once Around the World (Foto Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL)

Alte Fotos, altes Grammophon: Der Nostalgie-Faktor ist hoch bei Once Around the World (Foto: Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL)

Wie unterschiedlich die Welt einmal tönte – kaum vorstellbar im heutigen Global Village! Gemeinsam mit Manfred Weiss (Text) und Matthias Daenschel (Animation) hat der Komponist und Posaunist Mike Svoboda ein ungewöhnliches Familienkonzert erdacht: Once Around the World, eine musikalische Zeit- und Weltreise, die beim Oster-Festival am 9. April Premiere feiert. Er folgt dem (fiktiven) Forschungsreisenden Professor Hoggins rund um den Globus und versetzt uns in längst vergangene Zeiten zurück – mit exotischen Klängen, historischen Postkarten und alten Schellackplatten.

Once Around the World ist eine musikalische Weltreise. Der Dirigent ist zugleich der Erzähler: Er schildert uns die Geschichte seines Ur-Grossvaters, der in den 1920er Jahren in der ganzen Welt Postkarten und Ton-Aufnahmen gesammelt hat. Wie bist du auf die Idee zu diesem ungewöhnlichen Konzert gekommen?
Vor über zehn Jahren habe ich für Christoph Wagners Buch Auge & Ohr. Begegnungen mit Weltmusik einen Beitrag über das Alphorn geschrieben. Christoph Wagner stellt in diesem Buch Postkarten und Schellack-Aufnahmen von Musikergruppen aus aller Welt gegenüber. Seither war ich begeistert von der Idee, diese zwei Medien in Konzertform zu präsentieren. Es hat allerdings sieben, acht Jahre gedauert, bis mir klar wurde, wie. Dank der Zusammenarbeit mit Manfred Weiss und Johannes Fuchs kamen wir letzten Endes auf diese Darbietungsform mit Text, Bild, Grammophon-Einspielungen und Live-Musik.

Die Aufführung gestaltest du zusammen mit einem Ensemble der LUCERNE FESTIVAL ALUMNI. Wie verliefen die ersten gemeinsamen Proben?
Diese jungen, talentierten und engagierten Musikerinnen und Musiker sind für einen Dirigenten oder Komponisten als Mitwirkende ein Traum, also freue ich mich in diesem Fall sogar doppelt! Sie sind meiner Komposition gegenüber aufgeschlossen und bereit, meine Art der Gestaltung als Dirigent umzusetzen. Was will man mehr?

Vierzehn Musiker aus elf Nationen, allesamt LUCERNE FESTIVAL ALUMNI, hat Mike Svoboda für Once Around the World gewinnen können (Foto Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL)

Vierzehn Musiker aus elf Nationen, allesamt LUCERNE FESTIVAL ALUMNI, hat Mike Svoboda für Once Around the World gewinnen können (Foto: Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL)

Als ehemalige Teilnehmer der LUCERNE FESTIVAL ACADEMY sind die Alumni ja gerade mit der zeitgenössischen Musik vertraut. Haben sie in deinem Projekt auch traditionelle Musik aus den unterschiedlichsten Weltgegenden zu spielen – und können sie dabei ihren je eigenen Background einbringen?
Sicherlich schöpft jeder irgendwie aus seiner eigenen individuellen Herkunft – die vierzehn Musiker stammen aus elf verschiedenen Ländern! –, aber mein Umgang mit den Schellack-Aufnahmen beinhaltet sehr wenig Nachahmungen der Originale. Vielmehr unterstützt, kontrastiert, konterkariert und (gelegentlich) imitiert das Ensemble die Musik, die wir auf den historischen Aufnahmen hören. Jeder Instrumentalist wird auf einer Station dieser Weltreise «gefeatured», aber nicht immer passt das mit dem zusammen, was gerade im Zentrum steht: Der Klarinettist Hugo zum Beispiel stammt aus Portugal, tritt indes solistisch hervor, wenn es um Deutschland geht. Macht aber nichts – alle sind sie musikalisch so flexibel, dass man meinen könnte, sie wären mit der jeweiligen Musik aufgewachsen. Dabei sind die meisten Stücke, die wir hören, entweder längst «ausgestorben» oder werden nur noch von Folklore-Gruppen gespielt. An diesem Verlust ist zum grossen Teil die Aufnahmetechnik, in diesem Fall die Schellackplatten, schuld. Und in diesem Dilemma steckt für mich auch eine Menge Poesie: Sie hat das Ganze – zusammen mit den alten Aufnahmen und Postkarten – für mich so attraktiv gemacht.

Du setzt in diesem multimedialen Konzert Bilder und Filme ein. Braucht die Musik solche «bebildernde Unterstützung»? Oder, andersherum gefragt, kann Musik Bilder vertiefen?
Die historischen Tondokumente und die Live-Musik brauchen keine Bebilderung, und umgekehrt brauchen die Bilder die musikalische Unterstützung auch nicht. Bei Once Around the World folgen die Elemente «Text», «Musik (live und aufgenommen)» und «Bild (statisch und bewegt)» zwar gemeinsam einer Geschichte, sie wurden aber weitgehend eigenständig entwickelt: Meine Musik drückt nicht in erster Linie den Inhalt einer Postkarte aus, und Matthias Daenschel wiederum setzt mit seinen Animationssequenzen nicht direkt die Stimmung meiner Musik um. Allerdings haben wir uns, was die Zeitabläufe angeht, sehr genau koordiniert. Und dank des Textes arbeiteten alle in die gleiche Richtung. Was dabei herausgekommen ist, wird von den Zuhörern hoffentlich als Einheit empfunden: als ein Zusammenspiel aus Ton, Bewegung und Farben, vermittelt als inspirierende Geschichte.

Die Fragen stellte Katharina Schillen | Presse & Öffentlichkeitsarbeit LUCERNE FESTIVAL

Once Around the World ist beim Oster-Festival gleich zweimal zu erleben: Am Sonntag, dem 9. April, um 11.00 und um 15.00 Uhr im Luzerner Neubad.

Mike Svoboda probt Once Around the World (Foto Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL)

Mike Svoboda probt Once Around the World (Foto: Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL)

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