«NON SONO UNA BALLERINA». Arturo Toscanini läutet die Luzerner Festspielgeschichte ein – eine Erinnerung zu seinem 150. Geburtstag

Arturo Toscanini dirigiert am 25. August 1938 das legendäre Concert de Gala in Tribschen, die Geburtsstunde der Festspiele © Archiv Lucerne Festival

Arturo Toscanini dirigiert am 25. August 1938 das legendäre Concert de Gala in Tribschen, die Geburtsstunde der Festspiele © Archiv Lucerne Festival

Vor 150 Jahren, am 25. März 1861, wurde Arturo Toscanini geboren. Der legendäre italienische Maestro ist auf das Engste mit LUCERNE FESTIVAL verknüpft, gilt das «Concert de Gala», das er am 25. August 1938 im Park von Richard Wagners Villa im nahegelegenen Tribschen dirigierte, doch als Geburtsstunde der Festspiele. Weshalb wir Arturo Toscanini in diesem Sommer das Eröffnungskonzert mit Riccardo Chailly und dem LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA widmen. 

Toscaninis Wutausbrüche waren legendär und gefürchtet, und so trafen die Luzerner Verantwortlichen alle erdenklichen Vorsichtsmassnahmen, um zu verhindern, dass unerwünschter Lärm den Auftritt des Meisters stören und diesen verärgern würde.

Man hatte bis und von Vordermeggen, auf der anderen Seite des Sees, wie auch von und bis Haslihorn diesseits, alle Autosignale untersagt, die Dampfer waren über Seeburg geleitet, ebenso ohne An- und Abfahrtszeichen. Die Betriebe am Alpenquai meldeten weder Vesper- noch Feierabendzeit. Um die Tribschenhalbinsel lag Polizei in Booten, die angrenzenden Gehöfte hatten Hühner und Hunde einzusperren, unser Schäferhund war den ganzen Tag bei seiner alten Herrin in der Stadt, und selbst den Enten auf dem See soll man die Schnäbel zugebunden haben, damit sie nicht schnattern würden während des Konzertes, behauptete ein Witzbold.

So erinnerte sich Ellen Beerli-Hottinger, die das Konzert als Leiterin des Wagner-Museums hautnah miterlebte. Doch sie berichtete auch, dass es trotz allem zu einem (kleinen) Eklat kam.

Schlag 4 ½ Uhr erschien Toscanini, von unendlichem Jubel begrüsst, eine Verbeugung, den Taktstock erhoben, und schon ertönten die Instrumente. Ich hatte Sperrsitz an meinem Kassafenster. Nicht nur, dass ich die Musik ebenso hörte, sondern ich hatte noch den ganzen Anblick auf die andächtigen Zuhörer. [ Nach dem Konzert ] war ich so weggetragen, dass ich erst durch den frenetischen Jubel in die Gegenwart zurückkehrte. Zwei der Ehrendamen gingen mit zwei prächtigen Blumensträussen an meinem Fenster vorbei, und ich begab mich somit sofort auf meinen Wachtposten an der Haustüre, da ich strikte Order hatte, niemanden zu Toscanini zu lassen nach dem Konzert. Kein Minute war vergangen, seit ich «Posten» stand, als die Tür des Pavillons aufging, Tosca wie ein Schachtelteufel herausstürmte, den Taktstock in weitem Bogen über die Hecke schleuderte und an mir vorüberstürmte, wetternd wie ein Rohrspatz, dem man sein Nest ausgeräumt hatte. Ich war sprachlos, wie es zu diesem Excess gekommen war. Hinter Tosca kamen seine zwei Töchter Wanda und Wally, aber so niedergeschlagen, als ob sie in den See gefallen wären. Überhaupt folgte ihm die ganze Familie entgeistert ins Haus. Herrn Präsident [ … ] sah ich in einiger Entfernung total bestürzt stehen. Natürlich musste ich viele abweisen, die zu dem Erzürnten wollten, der im Musikzimmer wie ein Gassenjunge fluchte. Sich nochmals zeigen und verabschieden gab es nicht. Meine Aufgabe war es nun, die Leute ersuchen heimzugehen.

[ … ] Als ich mich nach der Ursache des bedauerlichen Ausganges erkundigte, hörte ich, dass die zwei prächtigen Blumengebinde schuld waren: «Non sono una Ballerina» [ «Ich bin keine Tänzerin» ] war sein Dank an die beiden Töchter.

Wer mehr über das legendäre «Concert de Gala» von 1938 und über Arturo Toscaninis Beziehung zum Festival erfahren möchte, dem empfehlen wir Erich Singers umfassende, reich bebilderte Festspielgeschichte LUCERNE FESTIVAL. Von Toscanini zu Abbado (Luzern 2014, Seiten).

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