Carl Schuricht in Luzern

Carl Schuricht in Luzern (Foto: Anthony Altaffer/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Carl Schuricht in Luzern (Foto: Anthony Altaffer/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Unbedingte Werktreue und jugendlicher Elan bis ins hohe Alter: In der Reihe «Historic Performances» sind zwei Live-Mitschnitte des deutschen Dirigenten Carl Schuricht erschienen, dessen Todestag sich im Januar zum 50. Mal jährte.

Carl Schuricht in Luzern bei der Probe (Foto: Anthony Altaffer/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Carl Schuricht in Luzern bei der Probe (Foto: Anthony Altaffer/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Carl Schuricht? Nicht jedem dürfte dieser Name heute noch geläufig sein. Was auch daran liegen mag, dass Schuricht weder an Ämterhäufung noch an diskographischer Überpräsenz interessiert war wie manche seiner umtriebigen Kollegen. Er spielte eine überschaubare Anzahl an Studioaufnahmen ein (eine Box aller seiner Produktionen für Decca ist jüngst erschienen). Und er verzichtete in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens gänzlich auf einen festen Chefposten. Das war ihm möglich, weil er nach dem Zweiten Weltkrieg eine glanzvolle Alterskarriere als international gefragter Gastdirigent startete – von der Schweiz aus, wohin er 1944 emigriert war. Eine enge Zusammenarbeit verband Schuricht beispielsweise mit den Wiener Philharmonikern, deren erste Amerikatournee er 1956 leitete und die ihn später zum Ehrenmitglied ernannten.

Der ein halbes Jahrhundert jüngere Seiji Ozawa erinnerte sich:

Carl Schuricht, nicht allzu bekannt in Japan, war ein sehr alter Dirigent. Er dirigierte die Orchester mit seinen scharfen Augen und konnte die Musiker mit seinen Blicken führen, wie er wollte. Er trat auf die Bühne, aber es brauchte fast fünf Minuten, bis er das Pult erreicht hatte. In dieser Zeit applaudierte ihm das Publikum mit am Ende heissen Händen. Er sah zu alt aus, um von jüngeren Damen geschätzt zu werden, aber ich entdeckte gleichwohl viele von ihnen im Auditorium. Zu meiner Überraschung liess mich seine Musik das hohe Alter nicht fühlen, es klang alles viel lebhafter als bei irgendeinem der jüngeren Dirigenten.

600«Weder Nachstellung der Fassade noch Blossstellung der Gefühle», so hat Carl Schuricht sein künstlerisches Credo einmal auf den Punkt gebracht. Die beiden Luzerner Live-Mitschnitte belegen, welch bezwingende Überzeugungskraft und Intensität Schurichts interpretatorischer Ansatz – seine ungemein inspirierte Sachlichkeit, die sich ganz in den Dienst der Musik stellte – entfalten konnte: In Mozarts letztem Klavierkonzert in B-Dur KV 595 erweist sich Schuricht als hellhöriger Begleiter. Gemeinsam mit dem französischen Pianisten Robert Casadesus trifft er den ganz eigenen Ton dieses Konzerts zwischen Schlichtheit und Noblesse, Unschuld und Weisheit, Buffa und Elegie. Und in Johannes Brahms’ Zweiter Sinfonie, die Schuricht im Luzerner Festspielsommer 1953 mit den Wiener Philharmonikern zur Aufführung brachte, fällt bei aller Werktreue die frappierende Freiheit auf – in Tempi und Dynamik, im Raffinement der Instrumentalmixturen –, mit der er die Musik interpretiert: Vom hohen Alter des Dirigenten ahnt man, da ist Seiji Ozawa voll und ganz zuzustimmen, rein gar nichts.

Carl Schuricht Dirigent
Robert Casadesus Klavier
Wiener Philharmoniker (Brahms) | Schweizerisches Festspielorchester (Mozart)

Wolfgang Amadé Mozart
Klavierkonzert B-Dur KV 595
Johannes Brahms
Sinfonie Nr. 2 D-Dur op. 73

(Aufnahmen: Luzern, 1961 & 1962)

Carl Schuricht und der Pianist Robert Casadesus nach ihrem Luzerner Auftritt (Foto: Paul Weber/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

Carl Schuricht und der Pianist Robert Casadesus nach ihrem Luzerner Auftritt (Foto: Paul Weber/Archiv LUCERNE FESTIVAL)

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Eine Antwort auf Carl Schuricht in Luzern

  1. Yves Daum, Flurweg 49, 3052 Zollikofen sagt:

    Als Student wohnte ich ca.1960 einer Orchesterprobe Carl Schuricht’s in Bern bei. Nachdem er, sehr mühsam gehend, das Podium erreicht hatte, begrüsste er das Orchester folgendermassen: Meine Damen und Herren, hier unten (auf seine Füsse deutend) bin ich alt, aber hier oben (auf den Kopf zeigend) bin ich noch jung…..
    Darauf folgte eine Haffner-Sinfonie, die ich nie vergessen werde.

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