«Identität wird immer wichtiger». Ein Gespräch mit dem Dirigenten Philippe Jordan

Philippe Jordan (Foto: Philippe Gontier)

Sie stammen aus Zürich und sind heute Musikdirektor der Pariser Nationaloper und Chef bei den Wiener Symphonikern: Wo würden Sie Ihre eigene (künstlerische) Identität verorten?
Philippe Jordan: Genau zwischen diesen verschiedenen Sphären, zwischen der französisch-romanischen und der deutsch-österreichischen Kultur. Und gleichzeitig zwischen der Oper und der Sinfonik, denn es ist mir wichtig, beide Felder mit derselben Intensität zu bestellen. Dieser Spagat fällt mir als in Zürich geborenem deutschsprachigen Schweizer mit einer Nähe zum französischen Raum nicht so schwer – mein Vater war ja viele Jahre in Genf tätig und verkörperte prototypisch die Bilingualität. Insofern stehen die beiden Welten für mich auch nicht im Widerspruch, sie ergänzen und bereichern sich vielmehr.

Macht Vielsprachigkeit allein schon polyglott?
Philippe Jordan: Sprache ist der Schlüssel zu jeder Kultur: Wenn man die Sprache nicht spricht, wird man in einem anderen Land nicht heimisch. Als Dirigent erfahre ich das täglich in der Oper: Ohne Kenntnis der Sprache kann man mit den Sängern nicht wirklich arbeiten, denn es geht ja nicht um Noten allein oder um Intonation und Dynamik – man muss auch Geschichten erzählen und in die Welt des Komponisten eintauchen: also die Farben verstehen, die Hintergründe, die Phrasierung oder die Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit der Texte. Das ist auch der Grund, warum ich leider, leider keine russische Oper dirigieren kann: Ich bin der Sprache nicht mächtig und habe deshalb das Gefühl, dass mir hier die Hände gebunden wären.

Gewinnt die eigene Herkunft, wenn man im Ausland lebt, grössere Bedeutung oder wird sie weniger wichtig?
Philippe Jordan: Sowohl als auch. Natürlich ist mir die Schweiz inzwischen ferner gerückt, weil ich viel zu selten dort bin, ausser wenn ich meine Familie besuche oder ein Konzert dirigiere. Andererseits wird die Herkunft bedeutender durch die Entfernung. In Frankreich etwa ist die Mentalität eine ganz andere: Im Gegensatz zur basisdemokratischen Schweiz ist das Land doch eher hierarchisch strukturiert. Auch ist dort – man denke nur an die Geschichte der Revolution – das Gegeneinander der sozialen Schichten stärker ausgeprägt und viel polarisierter als in der Schweiz, die auf ein Miteinander setzt. In dieser Situation ist es mir wichtig, meinen Schweizer Standpunkt zu bewahren – da empfinde ich mich als anders.

Welche Auswirkungen hat es eigentlich auf die eigene Identität, wenn man – wie es bei Ihnen der Fall ist – den gleichen Beruf ergreift wie der Vater?
Philippe Jordan: Ein komplexes Thema, gerade bei Dirigenten, wo es die Söhne oft schwer haben. Das war bei mir glücklicherweise anders, mein Vater hat meine Laufbahn mit viel Stolz und Liebe verfolgt. Gleichzeitig aber musste ich meinen eigenen Weg finden, und das war nicht einfach, weil mein Vater eine irrsinnige Persönlichkeit hatte und gerade in der Schweiz und in Frankreich sehr geschätzt wurde. Sein Schatten war so gross, dass ich mit Anfang Zwanzig nach Deutschland gegangen bin, wo mein Vater weniger präsent war. Ich musste die Möglichkeit haben, meine eigenen Erfahrungen zu sammeln und Fehler machen zu dürfen, ohne immer verglichen zu werden. Deshalb musste ich mich trennen, um mich selbst zu finden und das in mir zu leben, was nicht mein Vater war. Erst kurz vor seinem Tod im Jahr 2006 hat sich diese Situation für mich gelöst (ohne dass wir je Streit gehabt hätten); da konnte ich seinen Anteil an mir plötzlich annehmen und auch meine französische Hälfte sozusagen ausleben. Und kurz danach kam dann auch das Angebot der Pariser Oper.

Philippe Jordan (Foto: Philippe Gontier)

«Identität» ist ja nicht nur ein viel gebrauchter, sondern auch ein missbrauchter Begriff – man denke nur an die «identitären Bewegungen» mit ihrer nationalistischen Stossrichtung. Wie erleben Sie die Situation gegenwärtig in Frankreich, in den ersten Wochen des neuen Präsidenten Emmanuel Macron?
Philippe Jordan: Ich sehe Macron als die letzte grosse Chance für Frankreich. Wenn er es nicht schafft, die notwendigen Reformen durchzusetzen, wird Marine Le Pen die nächste Präsidentin werden. Macron hat Glück gehabt, und wir sind alle sehr froh, dass er sich so dezidiert für Europa ausgesprochen hat, aber er muss nun Veränderungen in Frankreich durchsetzen, vor allem im sozialen Bereich, die zwar viele fordern, aber die wenigsten letztlich umgesetzt haben wollen. Es muss drastisch gespart und auf dem Arbeitsmarkt reformiert werden – und ob das Land das mitmacht, da habe ich gewisse Zweifel. Allerdings hat Macron durch die Parlamentswahlen und seine Mehrheit alle Möglichkeiten, seine Politik durchzusetzen und kann somit dafür sorgen, dass noch während seiner Amtszeit etwas geschieht. Macron ist jetzt der neue «König», er hat alle Befugnisse – aber in Frankreich ist die Revolution immer schnell da. Auch der abrupte Wechsel von einem Eliten-System zu jetzt etwas völlig Anderem, zu neuen, jungen Leuten, ist ein solches Phänomen und eine sehr französische Sache.

Kommen wir zur Musik. Sie dirigieren in Luzern ein rein französisches Programm: Debussy, Saint-Saëns und Berlioz. Gibt es zwischen diesen doch sehr verschiedenen Komponisten Gemeinsamkeiten, die Sie als typisch französisch beschreiben würden?
Die drei Werke haben wenig Gemeinsames, bilden zusammen aber ein schönes Menü, um wesentliche Aspekte der französischen Musik im 19. Jahrhundert aufzuzeigen. Die Symphonie fantastique ist natürlich das Paradestück par excellence – Berlioz war der Erneuerer und Visionär schlechthin. Debussy hat mit dem Faun ebenfalls epochal gewirkt und den Impressionismus begründet. Doch auch Saint-Saëns ist nicht zu verachten, er steht für die melodische, etwas parfümierte, aber leichter zugängliche Note der französischen Musik. Er ist leider ein Komponist, der zu Unrecht in den Hintergrund gedrängt wurde. Für mich ist er ein hochbegabter, phantasievoller Musiker – ich vergleiche ihn gerne mit Mendelssohn. Saint-Saëns ist eine Künstlerpersönlichkeit, die sich nicht nur mit Musik, sondern auch mit anderem beschäftigte. Das zeigt auch das Ägyptische Klavierkonzert, in dem er sogar mit orientalischen Klängen experimentierte.

Wie sieht es im heutigen Frankreich mit dem Orchesterklang aus: Gibt es sie noch, diese spezifisch französische Klangkultur?
Philippe Jordan: Natürlich, es gibt eine Wiener, einer deutsche, eine französische und eine amerikanische Klangkultur. Ich glaube sogar, dass die Rückbesinnung auf die eigene Identität im Zuge der Globalisierung immer wichtiger wird. Das gilt für die Wiener Symphoniker wie auch für mein Pariser Orchester. Der französische Klang ist transparent und licht, er hat eine gewisse Leichtigkeit und besticht durch seinen sehr virtuosen Bläsersatz. Kein Zufall, denn die besten Bläser kommen aus Frankreich: Sie haben eine unglaubliche Intonationssicherheit, eine Geschmeidigkeit, Agilität und Feinheit – das ist ein Spezifikum. Die Streicher haben nicht diesen gewichtigen deutschen, sondern einen leichteren Klang; die Kontrabässe halten zum Beispiel das Handgelenk über dem Bogen und nicht darunter, wie es sonst üblich ist. Vergleicht man die Streicher mit amerikanischen Kollegen, haben sie vielleicht nicht ganz deren Brillanz, aber dafür eine wunderbare Transparenz: «souple» sagt man in Frankreich dazu. Und sie haben phantastische, leuchtende Farben. Kein Wunder, dass in Frankreich der Impressionismus entstanden ist – er entspricht ganz diesem Ideal.

Interview: Susanne Stähr | Leitung Redaktion & Dramaturgie LUCERNE FESTIVAL 

Am Dienstag, dem 29. August, gastiert Philippe Jordan mit dem Orchestre de l’Opéra national de Paris bei LUCERNE FESTIVAL: gemeinsam mit dem Pianisten Bernard Chamayou und Werken von Debussy, Saint-Saëns und Berlioz.

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