Die Musik schafft die Identität: Riccardo Chailly über das LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA

Riccardo Chailly und das LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA im Sommer 2016 (Foto: Peter Fischli/LUCERNE FESTIVAL)

Woran erkennt man die Identität eines Orchesters?
Riccardo Chailly: Üblicherweise geht die Identität eines Orchesters mit seinem Repertoire einher, mit den Komponisten. Unter Claudio Abbado war die Identität des LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA eindeutig durch die Auseinandersetzung mit Gustav Mahler geprägt, durch ein bestimmtes Klangbild und die Präzision der Ausführung – beides kann bei Mahler nicht getrennt werden.

Die Identität, die ich mit dem Orchester aufbauen will, gründet dagegen auf anderen Komponisten, und zwar auf solchen, die hier bislang weniger gespielt wurden: Es geht darum, neue interpretatorische Ansätze zu entwickeln und verschiedene Stilrichtungen zu vertiefen. Dabei wollen wir zugleich ungewöhnliche Programmideen pflegen und nicht nur dem Geschmack des Chefdirigenten folgen.

Wie passen die vier Komponisten dieses Sommers in dieses Bild?
Riccardo Chailly: Mendelssohn stellen wir zum Beispiel Tschaikowsky gegenüber und begegnen zugleich zwei grossen Dichtern: William Shakespeare und George Lord Byron. Musikalisch treffen wir in diesem Programm auf zwei grundverschiedene sinfonische und orchestrale Konzepte, die auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen. Wir kombinieren sie aber ganz bewusst, um das Orchester auf diese Weise für zwei Stile von ausgeprägter Identität zu sensibilisieren: jeder für sich überaus charakteristisch und dabei das Gegenbild des andern.
Auch Richard Strauss ist ein Komponist, der vom LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA so gut wie noch nie gespielt wurde, mit Ausnahme der Vier letzten Lieder. Mit dem Eröffnungsprogramm wird die Idee der Identität auf doppelte Weise hervorgehoben: einerseits durch die starke und wirkungsmächtige Persönlichkeit des Komponisten, andererseits durch die «Helden», die in den Werken «dargestellt» werden. Da wäre etwa Till Eulenspiegel mit seinen Kapriolen, die der Kraft des orchestralen Ernstes trotzen; dann treffen wir auf den erhabenen Übermenschen von Nietzsche; und schliesslich gibt es das düstere und traurige Künstlerportrait von Tod und Verklärung. Drei Werke, drei Protagonisten, drei Identitäten. In jedem Fall wird es für das Orchester eine prägende, neue Erfahrung sein, sich mit der musikalischen «Handschrift» von Strauss auseinanderzusetzen.
Igor Strawinsky erleben wir zunächst in einer Phase, als er noch ganz unter dem Einfluss seines Lehrers Rimsky-Korsakow stand. Wir erzählen, wie die Identität eines Genies geboren wird, indem wir sein Frühwerk ergründen, es aber neben den Sacre du printemps stellen: eine Partitur, die bekanntlich die Musikgeschichte verändert hat, obwohl auch sie noch Verbindungen zum «russischen Impressionismus» der Lehrjahre aufweist. All diese frühen Partituren zeigen die künstlerische Bewusstwerdung eines Komponisten– nicht zuletzt der Chant funèbre, der lange als verschollen galt (wir spielen die Schweizer Erstaufführung) und den Strawinsky selbst für sein aussagekräftigstes Jugendwerk hielt.

Was bedeutet «Identität» jenseits von Musik und Kunst? Wie viel Raum bleibt ihr im Zeitalter der Globalisierung?
Riccardo Chailly: Die Identitätsfrage ist untrennbar mit der Globalisierung verbunden. Ich bin überzeugt, dass gerade die Globalisierung – eine unentrinnbare Tatsache in unserer Zeit – den Impuls weckt, die einzelnen Identitäten zu schützen, allein schon um kulturelle Verflachung oder eine Unterdrückung der Individualität zu verhindern. Das Internet etwa ist zwar längst ein unersetzliches Instrument, doch sollte es nicht den zwischenmenschlichen Kontakt hintertreiben oder die Entwicklung der Persönlichkeit beeinflussen. Gleichmacherei wäre das Ende der Politik und der Kunst.

Riccardo Chailly (Foto: Marco Borggreve)

Wie gelingt es dem LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA, einem im Grunde «virtuellen» Ensemble, ein Laboratorium der Identität zu sein?
Riccardo Chailly: Das ist es in all seinen Konzerten. Zum einen wird seine «Beinahe-Virtualität» durch die kontinuierliche Präsenz einiger entscheidender Musiker, die bereits seit 2003 mitspielen, ausgeglichen – nur im letzten Jahr sind noch einige «meiner» Musiker der Scala neu hinzugekommen. Dieses Orchester lebt von wenigen gemeinsamen Wochen im Jahr (auch wenn wir dieses Jahr zusätzlich im Herbst auf Konzerttournee nach Japan, China und Korea gehen). Aber vielleicht führt genau dieses Wissen um die Vergänglichkeit zu einer entschiedenen und schnellen Eroberung der eigenen klanglichen und geistigen Identität. Beim LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA lernt man, musikalisch zu denken, und zwar nicht nur während man spielt. Musik zu denken bedeutet auch, den anderen intensiv zuzuhören, intuitiv zu begreifen, wohin die Interpretation geht, und darüber zu diskutieren − mit dem Dirigenten und den Kollegen. Wir sind uns einig darin, dass der musikalische Austausch, die Bindung und die unumstössliche Identität in wenigen Stunden entstehen müssen, in einem besonders intensiven Moment unseres Künstlerlebens. Es war auch in diesem Fall der geniale Arturo Toscanini, der darin eine Chance gewittert und in die Praxis umgesetzt hat: Die intensive Beschäftigung mit der Musik schafft Identität, auch wenn sich die Pulte aus Musikern unterschiedlicher Schule und Herkunft zusammensetzen.

Wie erreicht man, dass Solisten einerseits kammermusikalisch spielen, aber alle zusammen zugleich sinfonisch?
Riccardo Chailly: Das LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA kenne ich von Anfang an und habe seine Arbeit in den Jahren mit Abbado verfolgt. Die Individualität, die Leistung des Einzelnen zählt viel – vor allem bei Mahler –, weshalb es wunderbar ist, wenn die Flöte oder die Trompete «hervorstechen». Aber noch wertvoller ist die Fähigkeit, sich sofort wieder in die Gruppe einfügen zu können. Das ist auch im Bereich der Dynamik wichtig: Jede Stimmgruppe weiss, bis wohin sie sich steigern kann, aber weder «übertreibt» sie, noch «verschwindet» sie, sondern spielt instinktiv im Sinne des gemeinsamen Wohlklangs.

Wie wichtig ist die Akustik für die Identität eines Orchesters?
Riccardo Chailly: Sie ist grundlegend. Nach einem Vierteljahrhundert beim Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und beim Gewandhausorchester Leipzig habe ich mich an eine exzellente Akustik gewöhnt. In Luzern wiederum habe ich einen Saal mit variabler Akustik vorgefunden, die an das jeweilige Repertoire angepasst werden kann, sei es über die Höhe der Bühne oder durch die Anpassung des Raumvolumens mit Hilfe der Echokammern. Es gibt keinen Zweifel: Die Qualität eines Saals beeinflusst die orchestrale Identität, pflanzt ihr das besondere klangliche Profil ein. Dennoch gibt es auch Orchester, die ein starkes Eigenprofil entwickelt haben, obwohl sie mit der Akustik des eigenen Hauses zu kämpfen haben: Ich denke an das Philadelphia Orchestra oder das Orchester der Scala, das im Opernhaus mit seiner für das sinfonische Repertoire problematischen Akustik auftritt und dennoch einen individuellen Charakter entwickelt hat, der schon nach nur zwei Takten erkennbar ist. Dieses Phänomen verdankt sich einer besonderen orchestralen Sensibilität, also dem Willen der Stimmgruppen, ein homogenes und wiedererkennbares Klangbild zu schaffen.

Interview: Angelo Foletto

Die Konzerte mit Riccardo Chailly und dem LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA im Überblick:
Riccardo Chailly dirigiert Strauss | 11. & 12.8.
Riccardo Chailly dirigiert Mendelssohn und Tschaikowsky | 18.8.
Riccardo Chailly dirigiert Strawinsky | 19.8.

Und nach den Luzerner Sommer-Konzerten geht’s auf grosse Gastspielereise: Ihre erste gemeinsame Tournee führt Riccardo Chailly und das LUCERNE FESTIVAL ORCHESTRA vom 6. bis zum 15. Oktober 2017 nach Japan, Südkorea und China.

 

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